Die RiffReporter: Zehn Jahre selbstverwalteter Fachjournalismus
Ein Interview mit Christiane Schulzki-Haddouti und Björn Lohmann.
2026 feiert ein Exot unter den deutschen Medienhäusern sein zehnjähriges Jubiläum: die RiffReporter. Die selbstverwaltete Genossenschaft hat weltweit verteilt mehr als 100 Mitglieder – freie Fachjournalist:innen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. In ihrem Leitbild orientiert sich die Gemeinschaft an einem Vorbild aus der Natur – dem Korallenriff. So wie dieses möchte die Genossenschaft als Organismus autonom, von vielen verschiedenen Spezialist:innen bewohnt und produktiv für die Gesellschaft und Umwelt sein. Wer kann wie Mitglied werden? Welche Themenspezialisierungen sind gefragt? Und wovon lebt ein/e RiffReporter:in?
Christiane und Björn, zu Beginn eine persönliche Frage: Warum seid ihr RiffReporter:innen geworden? Was waren eure Motive?
Schulzki-Haddouti: Ich war ursprünglich Digitaljournalistin, wollte aber über Klima und Umwelt berichten. In meinen damaligen Redaktionen konnte ich diese Themen nicht wirklich setzen. Ich wollte mir also Expertise erarbeiten und gründete gemeinsam mit Christopher Schrader und Alexander Mäder die RiffReporter-Koralle KlimaSocial.
Lohmann: Für mich bieten die RiffReporter zwei sehr attraktive Elemente. Einmal die klassische journalistische Situation, dass ich unabhängig von expliziten oder impliziten Einflüssen eines Verlages meine Themen vorantreiben kann. Und aus der Sicht des Freiberuflers die Tatsache, dass ich auch unabhängig von einem redaktionellen Auftrag arbeiten kann. Solche Aufträge hängen ja oft nicht unbedingt mit der Relevanz des Themas zusammen.
Und dann noch, dass es einfach großen Spaß macht, in einem Netzwerk mit vielen anderen Kolleg:innen etwas voranzubringen, was auch die Unabhängigkeit von Journalismus und von Freien sicherstellt.
Welche Themen finden bei eurem Magazin RiffReporter Platz? Welche thematischen Spezialisierungen sollten neue Mitglieder der RiffReporter mitbringen?
Schulzki-Haddouti: RiffReporter versteht sich als Plattform für freie Journalist:innen, deren Geschäftsmodelle im Zuge von KI und Rationalisierungsmaßnahmen stark unter Druck stehen.
Die rund 100 journalistischen Mitglieder bringen ihr jeweiliges Themenspektrum mit, das sie bei uns frei weiterentwickeln können. Deshalb haben wir in unserem Autor:innenmagazin ein breites Themenportfolio.
Unsere vielen Themenschwerpunkte bilden dieses Angebot rund um Natur, Klima, Gesundheit, Gesellschaft, Internationales und Technik sehr gut ab, ebenso unsere Newsletter, die wir regelmäßig bespielen.
Die rund 100 journalistischen Mitglieder bringen ihr jeweiliges Themenspektrum mit, das sie bei uns frei weiterentwickeln können. Deshalb haben wir in unserem Autor:innenmagazin ein breites Themenportfolio.
Ursprünglich hatten die RiffReporter mit den sogenannten Korallen kleine Themenmagazine zum Abonnieren angeboten. Heute produziert ihr ein gemeinsames Magazin mit einem Abo. Wie kam es dazu?
Schulzki-Haddouti: Die Korallen sollten ausschließlich mit Beiträgen zum jeweiligen Thema befüllt werden und über ein Korallen-Abo vermarktet werden.
Nach etwa fünf Jahren stellte die Genossenschaft allerdings fest, dass das Modell wirtschaftlich nur für eine der Korallen gut lief, aber nicht für die anderen – und damit auch nicht für die Genossenschaft. Daher wurden die Korallen abgeschaltet, um die Inhalte in einem gemeinsamen Autor:innenmagazin mit einem einzigen Abo-Angebot zusammenzuführen. Etliche der Korallen fanden sich dann in neuen Recherchekollektiven wieder.
Wart ihr vielleicht damals einfach zu früh dran, mit der Idee der Themenausgaben? Ich denke an Projekte wie die erfolgreichen Themen-Newsletter, etwa des Berliner Tagesspiegels oder an Table Media. Auch die bieten monothematische Angebote im Abo an. Besteht nicht inzwischen wieder ein Bedarf an solchen Spezialmagazinen?
Schulzki-Haddouti: Wir sehen durchaus Interesse an Themennischen. Daher führen wir unsere Leser:innen bereits auf der Startseite auf Spezial-Seiten. Neu ist neben dem Abo für alle Inhalte auch die höhere Flexibilität der Autor:innen, in mehreren Nischen arbeiten zu können.
Wichtig aus Sicht der Autor:innen ist, dass ihre Expertise und ihre Kompetenz weiterhin herausgestellt wird.
Wer sind die RiffReporter-Mitglieder, ganz allgemein gesprochen?
Lohmann: Im Grunde sind das alles gestandene Fachjournalist:innen. Damit endet aber auch schon wieder die Gemeinsamkeit.
Und wer kann unter welchen Gesichtspunkten Mitglied werden?
Lohmann: Wir haben recht hohe Anforderungen, was die Aufnahme neuer Mitglieder angeht.
Schulzki-Haddouti: Wir haben den originären Schwerpunkt Wissenschaftsjournalismus und das schlägt sich auch in unserem journalistischen Kodex nieder. Außerdem achten wir darauf, dass die neuen Mitglieder hauptberufliche Journalist:innen sind oder es werden wollen.
Wir legen großen Wert darauf, keinen Clickbait zu produzieren und wissenschaftsjournalistische Standards einzuhalten.
Vor allem möchten wir, dass die jeweiligen Interessent:innen professionell unterwegs sind, ein Thema vorantreiben und motiviert sind, speziell bei den Riffreportern tätig zu sein. Wenn all das ins Bild passt, nehmen wir die Menschen gerne auf.
Auf jeden Fall bekommen Bewerber:innen ein qualifiziertes Feedback. Man weiß also immer, warum man aufgenommen oder abgelehnt wird.
Wir legen großen Wert darauf, keinen Clickbait zu produzieren und wissenschaftsjournalistische Standards einzuhalten.
Wenn ich dann aufgenommen worden bin: Wie gestaltet sich meine Mitgliedschaft bei den RiffReportern? Was muss ich beitragen, wovon kann ich profitieren?
Schulzki-Haddouti: Als journalistisches Mitglied bist du gleichzeitig investierendes Mitglied. Das heißt, du erwirbst mindestens fünf Anteile an der Genossenschaft und wirst dadurch auch ein stimmberechtigtes Mitglied. So bestimmst du bei den mindestens einmal jährlich stattfindenden Generalversammlungen auch in strategischen Fragen mit.
Dazu bereiten wir unternehmerische Entscheidungen möglichst transparent vor, führen im Vorfeld Diskussionen darüber und finden auch Kompromisse. Das ist in der deutschen Medienlandschaft etwas Besonderes.
Nutzen die Genoss:innen das RiffReporter-Magazin vorwiegend für eine Zweitverwertung ihrer Beiträge oder schreiben sie auch exklusiv für das Medium?
Lohmann: Beides ist möglich. Man kann bei uns zweitverwerten, etwa über unseren Marketplace für Publisher, kann aber auch exklusiv für unser Magazin schreiben. Speziell beim gemeinsamen Arbeiten in unseren Recherche-Kollektiven entstehen größere eigene Beiträge.
Die Entscheidung, exklusiv für uns zu schreiben, ist immer von der persönlichen Leidenschaft getrieben – und natürlich auch von der jeweiligen Finanzierung.
Teilweise arbeiten wir auch mit Stiftungen zusammen, beispielsweise beim aktuell laufenden großen Projekt Wattenmeer. Es gibt also beides: die eigens produzierten exklusiven RiffReporter-Geschichten und die Zweitverwertungen über uns.
Wie funktioniert diese Zusammenarbeit mit den Stiftungen? Die beauftragen euch mit und bezahlen euch für eine Recherche oder Geschichte?
Schulzki-Haddouti: Wir pitchen ein Thema bei einer Stiftung und schlagen gleichzeitig ein attraktives Paket vor, bestehend aus soundso vielen Interviews, soundso vielen Reportagen, soundso vielen News. Das begleiten wir dann auch auf Social Media.
Am konkreten Beispiel des Wattenmeer-Projekts: Da haben wir zusammen mit Autor:innen, die tief im Thema stecken, den Projektantrag entworfen und dann bei der Hering Stiftung gepitcht. Als wir den Zuschlag bekommen hatten, haben wir das Projekt intern im Riff ausgeschrieben. Dann haben unsere Autor:innen Vorschläge gemacht und wir haben die für das Projekt relevantesten ausgesucht.
Was bedeutet es für meine Verwertungsrechte, Mitglied zu sein?
Schulzki-Haddouti: Ich benutze gerne ein Bild: Wer als Journalist:in zu uns kommt, stellt einen Schreibtisch bei uns auf. Alle Rechte bleiben beim Mitglied, aber wir erwarten auch, dass es mit seinen Rechten optimal für sich wirtschaftet – mit positiven Nebeneffekten für das Riff.
Dazu gehören Fragen wie: Wo wird was zuerst veröffentlicht? Tragen die Beiträge dazu bei, Nischen zu erschließen und zu stärken? Und helfen diese Beiträge, die eigene Berichterstattung zu verbessern? Denn das Riff soll ja auch den Freien helfen, an ihren Themen dranzubleiben oder neue Themen zu entdecken. Im herkömmlichen Verlagsgeschäft ist das für Freie oftmals nicht leicht.
Lohmann: Wir setzen stark auf Selbstverpflichtung und Eigenmotivation.
Es geht beim Riff um den Spaß, ein gemeinsames Projekt voranzutreiben und mitzuentwickeln – ob beim Schreiben, bei der Podcast-Produktion oder bei der Mitwirkung an genossenschaftlichen Aufgaben. Darin kann sich auch jede:r wiederfinden, der oder die Lust darauf hat, gesellschaftlich etwas zu bewegen. Das ist das Schöne.
Ich benutze gerne ein Bild: Wer als Journalist:in zu uns kommt, stellt einen Schreibtisch bei uns auf. Alle Rechte bleiben beim Mitglied, aber wir erwarten auch, dass es mit seinen Rechten optimal für sich wirtschaftet – mit positiven Nebeneffekten für das Riff.
Trotzdem: Erwartet ihr nicht von euren journalistischen Mitgliedern, besonders „starke“ Recherchen zunächst beim Riff zu veröffentlichen statt anderswo?
Schulzki-Haddouti: Wir greifen da nicht ein. Das ist eine persönliche Entscheidung. Ausnahmen sind aber natürlich die Riffprojekte, die wir gemeinschaftlich auf den Weg gebracht haben. Hier wird erwartet, dass die Beiträge zuerst beim Riff erscheinen. Die könnte man danach aber auch auf dem Marketplace weiterverwerten oder die Themen selbst weiterentwickeln.
Wie platziere ich als Mitglied einen Beitrag im Magazin? Gibt es einen redaktionellen Auswahlprozess oder ein redaktionelles Gremium, das entscheidet, was erscheint und was nicht?
Lohmann: Zu unserer Historie gehört eine redaktionelle Autonomie. Deshalb ist jede:r für seinen oder ihren Beitrag presserechtlich primär selbstverantwortlich und entscheidet grundsätzlich erst einmal für sich, was er oder sie publizieren möchte. In Recherchekollektiven wird dann auch abgesprochen, wann etwas erscheinen sollte.
Schulzki-Haddouti: Natürlich haben wir aber auch die im Kodex verankerten Qualitätskriterien und verbindliche Redigier-Standards. Deshalb kann es mitunter vorkommen, dass ein Text nicht erscheint. Die Ablehnung sollte bereits im Redigat erfolgen. Das ist etwa dann der Fall, wenn ein Beitrag zu werblich ist. Wenn kein Konsens möglich ist, kann der Ethikausschuss angerufen werden.
Ein bereits erschienener Beitrag kann auf Empfehlung des Ethikratrats vom Vorstand depubliziert werden.
Zu unserer Historie gehört eine redaktionelle Autonomie. Deshalb ist jede:r für seinen oder ihren Beitrag presserechtlich primär selbstverantwortlich und entscheidet grundsätzlich erst einmal für sich, was er oder sie publizieren möchte.
Ihr habt doch sicher eine länger- oder mittelfristige Themen- und Veröffentlichungsplanung?
Lohmann: Wir haben einen Publikationsplan, der regelmäßig befüllt wird. Wir fragen auch ab, was für 2026 geplant ist. Wir stimmen uns natürlich gemeinsam darüber ab, wer welches Thema bearbeitet, welche Pressekonferenzen anstehen, wer dahin gehen wird oder welches Paper gerade erschienen ist.
Schulzki-Haddouti: Statt einer Chefredaktion haben wir ein „Team Magazin“, das zum Beispiel die Startseite bespielt. Es setzt dort auch die aktuellen Themenschwerpunkte und erarbeitet mit den Autor:innen dazu eigene Seiten mit Artikel-Sammlungen. Diese gestaltet es passend zu den jeweiligen Zielgruppen. Ziel ist es, die User Journey unserer Lesenden wir immer weiter zu verbessern.
Welche – ich nenne es mal – zentralen Dienste, welche Infrastruktur bieten die RiffReporter ihren Genoss:innen? Ich denke an Dinge wie Justiziar, Fulfillment, Vertragsmanagement, Buchhaltung oder Ähnliches?
Schulzki-Haddouti: Wir haben ein Büro in Bremen und ein dort ein ganz kleines Team. Das befasst sich mit dem Audience Management. Dazu gehören neben den Social-Media-Kanälen auch die Entwicklung und die Betreuung der Newsletter. Außerdem haben wir eine erfahrene Projektmanagerin, die etwa das Wattenmeer-Projekt betreut.
Hinzu kommen eine Buchhalterin und eine Mitarbeiterin, die das Mitgliedermanagement besorgen. Die beiden Vorstände kümmern sich um die weiteren Aufgaben. Ein free-lance Programmierer ist für unser eigenes Content Management System (CMS) verantwortlich, mit seinen Schnittstellen in die Buchhaltung und den Lizenzkunden.
Reden wir doch zum Schluss noch über euer Geschäftsmodell. Ihr verdient Geld mit Abos und Zweitverwertungen von Content. Was schwemmt sonst noch Geld ins Riff?
Schulzki-Haddouti: Die Haupterlösquelle ist das Abo. Es gibt ein Abo für Privatkunden sowie eine institutionelle Flatrate für Bibliotheken, Forschungseinrichtungen, NichtregierungsorganisationenOs und Unternehmen. Die einzelnen Institutionen haben teilweise mehrere Tausend Nutzende. Hinzu kommt das Projektmanagement mit Stiftungsprojekten wie dem Wattenmeer-Projekt. Über den Marketplace für Publisher lizenzieren wir die einzelnen Beiträge an andere Verlage. Schließlich bieten die Autor:innen mit RiffLive auch verschiedene Veranstaltungsformate an.
Die Haupterlösquelle ist das Abo.
Wer sind die Lizenzkunden auf eurem Marketplace?
Lohmann: Das ist ein Mix aus Onlineportalen und Regionalzeitungen. Es sind auch wissenschaftsjournalistische und andere Spezialmagazine dabei, wie zum Beispiel Spektrum der Wissenschaft. Also ein bunter Strauß, der jedes Jahr etwas wächst.
Welche wichtigen Milestones plant ihr für euer zehnjähriges Jubiläum?
Schulzki-Haddouti: Unser zentrales Ziel ist, unsere Bekanntheit zu erhöhen und das Wachstum unseres Magazins deutlich zu steigern.
Dazu wollen wir die Teamarbeit im Autor:innenmagazin deutlich verbessern. Außerdem planen wir die Gründung eines Fördervereins, um unser CMS auch anderen kleinen und mittleren Verlagen zur Verfügung zu stellen zu können – und seine Weiterentwicklung besser fördern lassen zu können.
Zuletzt hatten wir auch ein Crowdfunding für die gesamte Genossenschaft gemacht, wovon ein Teil der Einnahmen auch in die Softwareentwicklung geht.
Christiane Schulzki-Haddouti ist seit November 2024 Vorständin bei der RiffReporter eG. Sie ist seit 2017 journalistisches Mitglied und hat in verschiedenen Recherchekollektiven mitgewirkt.
Björn Lohmann ist freier Wissenschaftsjournalist und seit knapp fünf Jahren bei den RiffReportern. Er ist einer der beiden Sprecher:innen der Autor:innen AG, die die Interessen der Autor:innen innerhalb der Genossenschaft bündelt und an der Entwicklung des Autor:innenmagazins mitwirkt.