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Journalistische Trendthemen

Die zunehmende Digitalisierung der Medienwelt trägt dazu bei, dass sich der Journalismus im permanenten Wandel befindet. Neue Themen und Formate betreten – in teilweise atemberaubender Geschwindigkeit – das journalistische Parkett. Manche Trends sind nur flüchtiger Natur, andere wiederum haben das Potenzial, den Journalismus nachhaltig zu verändern.

Der DFJV hat für Sie die wichtigsten journalistischen Trendthemen herausgefiltert und stellt sie Ihnen im Folgenden vor. Dazu gehören neuartige journalistische Genres wie der Positive oder der Lösungsorientierte Journalismus, innovative Methoden im Bereich der journalistischen Arbeit und Darstellungsformen wie durch Künstliche Intelligenz, Augmented Reality oder Digitales Storytelling und Metatrends wie Crowdsourcing oder Spezialisierung im Journalismus.

Künstliche Intelligenz (KI)

Was die Algorithmen von morgen für die Presse bedeuten

Künstliche Intelligenzen wie ChatGPT wälzen aktuell die Art um, wie Texte produziert werden können. Welche Auswirkungen könnte die Fortentwicklung der KI in Zukunft auf den Journalismus haben? Welche rechtlichen Fragen stellen sich dabei?

Ein Werk aus Worten zu erschaffen, hat seit dem rasanten Fortschritt der Forschung zur Künstlichen Intelligenz (KI) eine neue Bedeutung gewonnen. Dabei sind es nicht Schriftstellerinnen bzw. Schriftsteller, die Worte kunstvoll aneinanderreihen, sondern Nutzerinnen bzw. Nutzer vor dem Computer, die einem Chatbot sagen, was sie gerne hätten: „ChatGPT, schreibe eine Kurzgeschichte mit zwei Liebenden an einem lauen Samstagmorgen in der französischen Provinz“. Und die KI wird eine mehr oder minder spannende Geschichte generieren, die vielleicht die Augen trocken lässt, aber dafür weitgehend grammatikalisch korrekt ist.

Zugegeben plakativ, ist dies nur ein Anwendungsbeispiel für fortschrittliche KI-Systeme. Schon seit geraumer Zeit unterstützen sie vor allem im Hintergrund Unternehmen bei internen Prozessen. Was die Algorithmen von morgen für die Branche des Journalismus bedeuten können, ist dabei vor allem aus rechtlicher Sicht Neuland.

Was ist „KI“?

Bei der Omnipräsenz von Künstlicher Intelligenz, könnte man meinen, dass man sich inzwischen auf eine Definition geeinigt hat. Ganz im Gegenteil ist der KI-Begriff dafür allerdings zu vielseitig. Die Frage kann also nicht sein, was KI überhaupt ist, sondern welche Teilbereiche der Forschung den Journalismus unterstützen können. Dabei fallen zwei ins Auge: das prozedurale Generieren von Inhalten auf Basis von Maschinellem Lernen und Datenanalyse für Redaktionen. In Kürze:

Prozedural-generative KI stecken in den Anwendungen, die vor allem bei Verbraucherinnen und Verbrauchern besonders beliebt sind: Anhand einer bestimmten Eingabe durch die Nutzerin bzw. den Nutzer wird aus einem großen Datensatz ein neuer Inhalt generiert. Diese Datensätze beruhen auf sog. Maschinellem Lernen – einem Prozess, bei denen unzählige Trainingsdaten (etwa im Internet zugängliche Texte) verwendet werden, um Gesetzmäßigkeiten und Muster zu erkennen. Diese komplexen Systeme können dann genutzt werden, um aus dem angehäuften „abstrakten Wissen“ neue Inhalte zu erstellen.

In der Datenanalyse (sog. „AI Analytics“) werden Techniken des Maschinellen Lernens auf bestimmte Datenbereiche angewandt, um die gefundenen Muster direkt an den Nutzer weiterzugeben und ggf. anhand dessen Empfehlungen zu erstellen.

Generative KI: Anwendung im Journalismus  

Für die direkte Anwendung im journalistischen Arbeiten haben die bisher verfügbaren generativen KI-Modelle einen entscheidenden Nachteil: Sie haben keinen Begriff von tagesaktuellen Ereignissen. Das liegt daran, dass ihre Trainingsdaten grundsätzlich erst aufbereitet werden müssen, sodass die KI sie lesen kann. Dieser Prozess ist relativ aufwändig. Nicht umsonst hat die im Moment wohl prominenteste KI „ChatGPT“ einen Datensatz auf dem inhaltlichen Stand von 2021.

„Schreibe mir einen Text über die gestrigen Geschehnisse im Jemen“ ist damit bisher kaum im Rahmen des Möglichen – jedenfalls nicht, solange die Aufbereitung der Trainingsdaten nicht ihrerseits weiter automatisiert wird.

Denkbar ist allerdings, dass Journalistinnen und Journalisten die fortschrittlichen KI-Sprachmodelle wie GPT-3 nutzen (das Grundgerüst für ChatGPT), um im Dialog Texte generieren und anpassen zu lassen. Dafür müssen sie die Informationen nach aktuellen Stand aber selbst liefern. Das ist bei den Dialog-KIs nicht unmöglich. Dort lassen sich bestimmte Informationen voraussetzen, von denen die KI ausgehen muss. Da aber die Nutzerinnen und Nutzer weiterhin diejenigen sind, die umfassend informiert sein müssen, ist das wohl weniger eine Entlastung als eine erfrischende neue Arbeitsweise. Generative KI finden im Journalismus daher bisher weniger Anklang, aber undenkbar ist ihr Einsatz keineswegs.

Rechtliche Fragen rund um KI und Journalismus

Vorausgesetzt, die genannten Hindernisse werden beseitigt: Was bleibt, sind die rechtlichen Fragen. Mit Blick auf den kommenden „AI-Act“, dessen Vorschlag gerade auf Unionsebene diskutiert wird, ist die Rechtslage rund um KI im Wandel. Was die Journalismusbranche hier am meisten beschäftigen wird, ist die urheberrechtliche Lage.

Weitgehend unbestritten ist: Die KI selbst kann kein Urheber sein. „Schöpfer“ nach § 7 Urheberrechtsgesetz (UrhG) kann nur derjenige sein, der die Sache in einem geistigen Prozess geschaffen hat – ein Mensch also. Es entscheidet sich vielmehr zwischen den Urhebern der Trainingsdaten, Entwicklern der KI-Systeme und schließlich ihren Anwendern.

Wenn es überhaupt einen Urheber der Texte geben kann, könnte dieser allenfalls der Anwender sein, der selbst eine gewisse Kreativität bei den Anweisungen an die KI aufweist. Wenn er genaue Parameter eingibt und in einem detaillierten Input eigene Gestaltungen einfließen lässt, liegt eine Urheberschaft nahe. In dem Fall hat er sich des Sprachmodells eher als Werkzeug bedient, um etwas Eigenes zu schaffen. Microsoft trägt schließlich auch keine Urheberschaft an Texten, die in Word geschrieben werden.

Anders könnte es nur liegen, wenn der Input nur grob in eine Richtung weist. Bei einer Eingabe wie „schreibe eine Geschichte im Stil von XY“ könnte es hier an einer ausreichenden Prägung durch den Nutzer fehlen, wodurch er nicht zum Urheber an dem generierten Text wird. Die Entwickler stehen dem Produkt der KI in der Regel allerdings ebenfalls nicht näher, da sie den Parameter nicht persönlich eingesetzt haben, sondern die KI mit ihm anhand von den im Training erkannten Mustern arbeitet. In solchen Fällen wird daher vertreten, dass das Werk gar keinen rechtlichen Schutz genießt und damit gemeinfrei ist.

Die Urheber der Werke, die in die Trainingsdaten einfließen, erwerben übrigens in keinem Fall ein Urheberrecht an den Erzeugnissen der KI. Die KI nutzt ihre Werke höchstens als Informationsgrundlage unter Millionen zur Ermittlung bestimmter Muster. Sie finden sich damit im Ergebnis nicht unmittelbar wieder. Wenn das System einen urheberrechtlich geschützten Inhalt zu sehr übernimmt, dann entweder durch (statistisch höchst unwahrscheinlichen) Zufall oder indem es vom Nutzer bewusst und schrittweise darauf hingeführt wurde. Das Erzeugnis wäre in diesen Extremfällen wohl ein Plagiat, für das der Urheberrechtsschutz greift.

Für die Betreiber von KI ist das Fahrwasser aktuell übrigens noch etwas unsicher. Auch der kommende AI-Act sieht hier noch keine eindeutigen Regelungen vor. Nach geltendem Recht wird das Einspeisen der Daten in die KI als eine Verarbeitung nach dem UrhG gesehen, für die man eigentlich die Einwilligung jedes einzelnen Urhebers bräuchte, dessen Werke in den Trainingsdatensatz einfließen. Für wissenschaftliche Forschungsgruppen wie Open AI – der Organisation hinter KI-Systemen wie ChatGPT oder der Kunst-KI Dall_E – gilt diese Verarbeitung zwar als nach § 60d UrhG zulässiges „Data Mining“, für das man ausnahmsweise keine Einwilligung der Urheber der Werke braucht, mit denen die KI „lernt“. Bisher nicht rechtssicher ist hingegen die Einschätzung von KI-Training von Systemen, die von vorneherein rein kommerzielle Ziele haben.

AI Analytics: Wie steht es und wo geht es hin?

Die Datenanalyse mittels AI ist keine Zukunftsmusik für Redaktionen. Im Gegenteil findet sie bereits heute statt, und zwar in Form algorithmischer Empfehlungs-Software („Algorithmic News Recommendator“ – ANR). ANR geben mittels fortschrittlicher Machine-Learning Algorithmen Empfehlungen für das redaktionelle Agenda-Setting aus. Sie unterstützen damit bisher etwa The Washington Post, The Wall Street Journal und BBC, aber auch deutsche Redaktionen wie die der Bayerischer Rundfunk Radiostation oder des Spiegels.

Die Algorithmen sind dabei „content-based“. Sie untersuchen die Metadaten von Artikeln und Pressemitteilungen daraufhin, wie berichtenswert und inhaltlich ertragreich sie sein können. Gerade bei News-Peaks wie der COVID-Pandemie oder Präsidentschaftswahlen wurden sie verwendet, um herauszufinden, welche Leitartikel zu größeren Stories entwickelt werden können.

Die Nutzerinnen und Nutzer nehmen sie dabei eher gut an, wobei sich das aufgrund des Vorsprungs der englischen Sprachmodelle eher für die englischsprachigen Redaktionen gilt. Manche befürchten, dass sich eine gewisse Faulheit bei der Auswahl der Inhalte einstellen könnte. Daneben ist noch ein Problem zu bedenken, das sich beim Einsatz von KI zur Entscheidungsfindung immer aufdrängt: Voreingenommene Algorithmen. Wenn Algorithmen mit verfügbaren Daten trainiert werden, dann mit solchen, die statistisch die Mehrheit der Gesellschaft abbilden. Es kann damit passieren, dass das KI-System in gewissen Fragen Entscheidungen trifft, die gesellschaftliche Minderheiten übergehen. Gerade bei ANR dürfte das schnell zu einem Problem werden.

Bei kontrolliertem Einsatz versprechen ANR hingegen, und das hat auch die Erfahrung gezeigt, eine Beschleunigung des Prozesses und sie deuten auch auf Anhaltspunkte hin, die der menschlichen Prüfung entgehen könnten.

Der Unionsgesetzgeber will den genannten Gefahren in seinem AI-Act unter anderem mit starken Transparenz- und Darlegungspflichten begegnen. Im Ernstfall kann es hierbei natürlich auch um Fragen der Pressefreiheit und der Unabhängigkeit der Presse gehen. Im Übrigen werden die rechtlichen Regelungen in Sachen AI Analytics zwar eher die Betreiber verpflichten. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen allerdings mit diesen aber Hand in Hand arbeiten. Sie verpflichten sich ihrerseits zu einem vertragsgemäßen Gebrauch der KI-Systeme und haben nötigenfalls auch die Pflicht, Hinweise zu geben, sollte ihnen eine Gefahr auffallen. Ob diese Gefahren bei AI Analytics für die Nutzerinnen und Nutzer überhaupt erkennbar sind, sei dahingestellt. Das Urheberrecht spielt hier voraussichtlich nur vor dem Hintergrund des Data-Minings – und damit wiederum auf Seiten der Betreiber – eine Rolle.

Ausblick

Mit generativen und analytischen Systemen wird also auch die Presse nicht frei von dem rasant zunehmenden Einfluss der Künstlichen Intelligenz bleiben. Sie verspricht neben punktuellen Arbeitserleichterung auch ein Streamlining ganzer redaktioneller Prozesse und bietet damit zukunftsweisende Chancen. In näherer Zukunft ist gerade im journalistischen Bereich dabei weniger von einer Übernahme als von einer Ergänzung durch KI-Systeme die Rede. Für den einen oder anderen mag es hier beruhigend sein, dass auch das Recht auf absehbare Gefahren reagiert und in einem letzten Schritt stets den Menschen hinter der Maschine zur Verantwortung anhält.

Der Text wurde für den DFJV von Rechtsanwalt Christian Solmecke, Partner der Kölner Medienrechtskanzlei WILDE BEUGER SOLMECKE, verfasst.

Weiterführende Links: 

„Anbieterverzeichnis für KI-Anwendungen”, (Journalismus Lab, Landesanstalt für Medien NRW): Anbieterverzeichnis für KI-Anwendungen – Journalismus Lab

„Künstliche Intelligenz im Journalismus – Potenziale und Herausforderungen für Medienschaffende”, (Whitepaper, Stand Januar 2023): AG3_WP_KI_und_Journalismus.pdf (plattform-lernende-systeme.de)

„Künstliche Intelligenz in Journalismus und Medien”, (Medien360G, mdr.de): https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/ki-in-journalismus-und-medien-100.html 

Augmented Reality

Unter Augmented Reality (kurz AR, auf Deutsch: „Erweiterte Realität“) versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Augmented Reality erweitert die reale Umgebung eines Benutzers mit digitalen (teilweise ortsbasierten) Informationen (Text, Bild, Video, interaktive Elemente, (3-D-)Animationen). Hält man die Kamera eines Mobilgerätes auf ein reales Objekt, ein Bild oder einen Marker (künstliches Symbol), erscheinen auf dem Display Zusatzinformationen. Wie in jeder Mobile-App können die Objekte bequem per Touchscreen, Gesten oder Sprache gesteuert und die gewünschten Inhalte aufgerufen werden.

Häufig wird der Begriff Augmented Reality synonym mit der sogenannten Virtual Reality (kurz VR, auf Deutsch: „Virtuelle Realität“) verwendet. Während jedoch Virtual Reality geschlossen und komplett immersiv ist – hier wird der Benutzer in eine virtuelle Welt verfrachtet -, ist Augmented Reality offen und nur partiell immersiv: die reale Umgebung wird mit digitalen Inhalten ergänzt.

Augmented Reality kann prinzipiell in vielen Lebensbereichen und Branchen zum Einsatz kommen. Insbesondere die Unterhaltungsindustrie setzt in jüngster Zeit auf dieses Medium. Prominente Anwendungsbeispiele sind etwa die Spiele-App „Pokémon Go“ sowie die Datenbrille „Google Glass“.

Auch der Journalismus experimentiert zunehmend mit Augmented Reality: Dabei geht es um das Einbinden der News-Konsumenten in die Geschichte. Mehrere deutsche Printmedien haben in den vergangenen Jahren Ausgaben mit Augmented-Reality-Sequenzen herausgebracht. Dazu zählen der „Stern“, die „Welt“ und auf regionaler Ebene die „Eßlinger Zeitung“ und der „Weser-Kurier“.

Darüber hinaus bietet Augmented Reality aber auch die Möglichkeit, Investigativ-Recherchen erlebbar zu machen und News und Berichte zu georeferenzieren. Ein Beispiel hierfür ist eine Anwendung des US-Unternehmens Sunlight Labs: Mithilfe des Browsers „Layar“ können Smartphone-User dabei Straßenzüge in Washington D.C. nach staatlich subventionierten Projekten durchforsten. Geo-Lokalisierung kommt hingegen hauptsächlich bei Verkehrsmeldungen und Wetterprognosen zum Einsatz.

Augmented Reality wird von Experten eine große Zukunft vorausgesagt. Die Autoren Nathaly Tschanz und Dirk Schart sehen darin eine Bereicherung für den Journalismus: „Journalisten erhalten neue Möglichkeiten, um ihr Publikum auf interessante und unterhaltsame Art und Weise mit Informationen und Geschichten zu versorgen. Jüngere Generationen wachsen mit den neuen digitalen Technologien auf und erwarten einen interaktiven Journalismus. Im Vordergrund muss aber nach wie vor die Information bzw. die Geschichte stehen – und nicht die Technologie an sich.“

Das Potenzial von Augmented Reality im Journalismus erscheint groß – nun obliegt es den Medienhäusern und Journalisten, die Technologie sinnvoll und zielgerichtet einzusetzen.

Quellen:

https://www.fachjournalist.de/mittendrin-statt-nur-dabei-das-potenzial-von-augmented-reality-im-journalismus/

Crowdsourcing

Unter Crowdsourcing versteht man die Auslagerung von Aufgaben an eine Crowd, die aus einem Kollektiv von Menschen besteht. Populär geworden ist diese Methode durch die im Internetzeitalter zunehmenden Möglichkeiten der Vernetzung und des Austausches von Ideen.

Der Begriff „Crowdsourcing“ ist noch relativ jung. Seine Geburtsstunde hatte er im Jahr 2006; damals verfasste der amerikanische Journalist Jeff Howe (Wired Magazin) einen Beitrag mit dem Titel „The Rise of Crowdsourcing„.

Auch im Journalismus ist Crowdsourcing mittlerweile angekommen. Immer mehr journalistische Start-ups versuchen via Crowdfunding – eine Unterkategorie des Crowdsourcing, bei der die gemeinsame Finanzierung eines Projektes durch die Community im Vordergrund steht – eigene Projekte auf die Beine zu stellen.

Bekannte Beispiele für journalistische Crowdfunding-Projekte sind die Onlinemagazine „De Correspondent“ aus den Niederlanden und „Krautreporter“ aus Deutschland. „De Correpsondent“ gelang es 2013 über 1 Million Euro und 15.000 Jahresabos einzusammeln. Ähnlich erfolgreich waren die „Krautreporter“, die es seit Oktober 2014 gibt: Die Gründer Sebastian Esser (Herausgeber), Philipp Schwörbel (Geschäftsführer) und Alexander von Streit (Chefredakteur) bekamen von der Crowd über 900.000 Euro für ihr Portal, das sich dem investigativen Nachrichtenjournalismus verschrieben hat.

Die Crowd wird im Journalismus jedoch nicht nur als Finanzierungsmöglichkeit gesehen, sondern auch als Ideengeber. Ein Beispiel hierfür ist die App „GuardianWitness“ der britischen Tageszeitung „The Guardian“, die auf User-generated-Content setzt. Nutzer der App können sich als Bürgerjournalisten beweisen, indem sie exklusives Material wie Fotos, Videos oder Augenzeugenberichte von bestimmten Ereignissen an die Redaktion schicken. Ein ähnliches Konzept verfolgen mittlerweile auch einige deutsche Medien wie die „Bild“-Zeitung, die „Berliner Morgenpost“ oder der „Stern“, die ihre Leser dazu aufrufen, als „Leserreporter“ tätig zu werden.

Das Konzept des Crowdsourcing dürfte im digitalen Zeitalter weiter an Bedeutung gewinnen. Denn Journalisten können so – unabhängig von Verlagszwängen – ihrer Arbeit nachgehen. In Zeiten, in denen immer mehr feste Redakteursstellen Sparmaßnahmen zum Opfer fallen, könnte sich Crowdfunding als dauerhafte Finanzierungsmöglichkeit für Journalismus etablieren.

Quellen:

http://www.gruenderszene.de/lexikon/begriffe/crowdsourcing
http://meedia.de/2014/08/05/der-journalismus-und-die-crowd-die-8-spannendsten-projekte/
https://www.fachjournalist.de/journalistische-start-ups-teil-2-wenn-leser-magazine-mitfinanzieren/

Datenjournalismus

Datenjournalismus unterscheidet sich von anderen Genres insbesondere durch die Fokussierung auf die übersichtliche Aufbereitung großer Datenmengen („Big Data“) und die Nachvollziehbarkeit der darauf basierenden Aussagen in der journalistischen Berichterstattung. Datenjournalismus kann komplexe Sachverhalte veranschaulichen, interessante Zusammenhänge aufzeigen und die Berichterstattung analytisch vertiefen.

Das Genre ist in den letzten Jahren immer bedeutender geworden und inzwischen im journalistischen Mainstream angekommen. Maßgeblich hat dies damit zu tun, dass der Datenjournalismus die durch die Digitalisierung und Vernetzung entstandene Datenmenge strukturieren kann. Er ist Teil der veränderten Möglichkeiten im Journalismus und steht auch für neue Anforderungen an diesen Beruf.

Datenjournalismus steht in einer langen Tradition journalistischer Ansätze, bei der Recherche und Argumentation hinsichtlich der methodischen Exaktheit die Nähe zur Wissenschaft gesucht haben. Das Credo lautet: Lediglich Fakten sollen die Argumentation leiten, die in der Berichterstattung mit den Quellen offengelegt werden und dadurch nachvollziehbar sind.

Beim Datenjournalismus werden vorhandene Datensätze bzw. Daten aus unterschiedlichen Quellen über Computerprogramme zusammengeführt und maschinell ausgewertet – oder auch manuell von Journalisten gesucht, bewertet und zusammengeführt. Datenjournalistische Artikel enthalten Abbildungen und Tabellen, die die Berichterstattung teilweise aus ganz unterschiedlichen Perspektiven illustrieren.

Die automatisierteste Form des Datenjournalismus ist das wobbing, die Anwendung programmierter Recherchetools für Echtzeitdaten. Eingesetzt wurden sie beispielsweise bei der Auswertung der Kommunikation über die Twitter-Accounts der Kandidaten zu den US-Kongresswahlen von 2010 durch die New York Times. Weitere Recherchetechniken des Datenjournalismus sind Data Scraping, bei dem Informationen aus Websites im Internet automatisch ausgelesen werden, und Crowdsourcing, bei dem die Rezipienten aufgerufen werden, die ihnen vorliegenden Informationen, zum Beispiel zu regional differierenden Benzinpreisen, der Redaktion zuzuschicken.

Organisatorisch steht Datenjournalismus jedoch auch für die Integration von Grafikern und Programmierern in das journalistische Team. In Deutschland werden viele datenjournalistische Projekte nicht in den Redaktionen selbst, sondern von Agenturen wie OpenDataCity für die Online-Seiten traditionsreicher Printmedien wie „Die Zeit“ und „Der Spiegel“ realisiert.

Erwartet wird, dass der Datenjournalismus nicht nur innovative Ideen für die journalistische Recherche und die Aufbereitung von Themen beisteuert, sondern auf ihm beruhende Angebote sich auch zu ertragreichen neuen Geschäftsmodellen für Medienunternehmen entwickeln lassen. Die Vision ist, dass Medienunternehmen mit datenjournalistischen Informationsservices einen Ersatz für den weggebrochenen Anzeigenmarkt entwickeln und den seriösen, immer schon teuren und tatsächlich sich noch nie selbsttragenden investigativen Journalismus damit weiterhin querfinanzieren können.

Quellen:

– Indira Dupuis: Data Journalism, in: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.): Journalistische Genres, S. 139-152.

Digitales Storytelling

Mit der Veränderung der Medienbranche durch den Prozess der Digitalisierung in einer vernetzten Welt hat sich auch die journalistische Erzählweise verändert. Geschichten erreichen Menschen heute anders, als dies noch zu Zeiten der Verbreitung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert der Fall war. Ein ansprechendes digitales „Storytelling“ (auf Deutsch: „Geschichten erzählen“) bietet die Möglichkeit, durch einen gezielten multimedialen Einsatz den Nutzer auf interaktive Weise in eine starke Geschichte einzubinden.

Neben Storytelling werden auch noch die Begriffe „Scrollytelling“, „Multimedia-Reportagen“ und „Longform“ mehr oder weniger synonym verwendet. Das zeigt: Es gibt keinen einheitlich verwendeten Namen für die von einigen als Königsdisziplin im Onlinejournalismus bezeichnete Erzählform. In ihr fließen Text, Grafik-, Video-, Daten- und Bildelemente ineinander, es gibt keine störenden Sidebars und Werbebanner, die vom Lesen ablenken. Meist sind Multimedia-Reportagen thematisch fokussiert. Daher eignen sie sich auch für fachjournalistische Beiträge. Jeder Journalist kann solche Beiträge erstellen, besondere Vorkenntnisse, etwa im Programmieren, sind dafür nicht nötig.

Tools, mit denen sich Multimedia-Reportagen relativ leicht erstellen lassen, sind zum Beispiel Storify, Exposure, Atavist und Pageflow. Einen guten Überblick und zahlreiche Beispiele für digitales Storytelling finden sich auf dem Blog der Journalistin Sonja Kaute.

Digitales Storytelling ist bei Weitem noch nicht ausgereift: Neue Techniken wie Virtual oder Augmented Reality (VR und AR) oder auch soziale Netzwerke wie Snapchat oder Instagram bieten Journalisten die Möglichkeiten, Geschichten noch interessanter und attraktiver für die Medienkonsumenten aufzubereiten.

Digitales Storytelling wird nicht nur im Journalismus verstärkt nachgefragt. Auch in der PR und im Marketing erfreut sich die Erzählmethode zunehmender Beliebtheit.

Wichtig ist beim Storytelling, wie bei anderen journalistischen Darstellungsformen auch, letztlich vor allem eins: Die Geschichte selbst muss stimmen. Sie bildet das Fundament. Eine Geschichte lebt von ihren Figuren, von Konflikten, Spannung, der Perspektive, der Freiheit der Idee ohne Zensor im Kopf freien Lauf zu lassen, und ihrer Glaubwürdigkeit, Emotionalität und Tiefe. Sind diese Elemente nicht ausreichend vorhanden, hilft auch die ausgefeilteste Erzähltechnik nicht weiter.

Quellen:

– Melanie Quauke: Digitales Storytelling: Das Maximum aus einer Geschichte herausholen, https://www.fachjournalist.de/digitales-storytelling-das-maximum-aus-einer-geschichte-herausholen/
– Sonja Kaute: Fünf Tools für neue Erzählformen im Onlinejournalismus, https://www.fachjournalist.de/fuenf-tools-fuer-neue-erzaehlformen-im-onlinejournalismus/
– Sonja Kaute: Exposure, Atavist, Pageflow: 3 Tools für Multimedia-Reportagen im Test, https://www.fachjournalist.de/exposure-atavist-pageflow-3-tools-fuer-multimedia-reportagen-im-test/

E-Sports-Berichterstattung

E-Sport-Berichterstattung setzt sich mit dem wettbewerbsmäßigen Spielen von Computerspielen auseinander.

Im Gegensatz zu Europa boomt die E-Sport-Szene in Südkorea schon seit Ende der Neunzigerjahre. Während hier zu diesem Zeitpunkt LAN-Partys ihren Höhepunkt hatten, schossen in Südkorea Internetcafés, PC Bangs genannt, aus dem Boden. Als Reaktion auf die Asienkrise subventionierte der südkoreanische Staat damals den Ausbau der Telekommunikations- und Internetanschlüsse; die PC Bangs boten den Gamern einen Ort zum Spielen und sich austauschen. Dank der neuen Infrastruktur entwickelte sich eine große Gamer-Community, sodass kurz darauf sogar eine koreanische E-Sports-Vereinigung gegründet wurde.

In Europa berichteten die klassischen Medien lange nur selten über die neue Sportart. Dabei wurde schon 1997 die Deutsche Clanliga gegründet, aus der im Jahr 2000 die Electronic Sports League (ESL) hervorging. Die älteste und größte Plattform für organisierte Computerspielwettkämpfe umfasst mittlerweile über fünf Millionen registrierte Nutzer. Spätestens mit dem Einstieg weltbekannter Konzerne in die Szene – Amazon kaufte im Sommer 2014 die E-Sport-Streamingplattform Twitch für eine Milliarde US-Dollar – bekommt E-Sport auch außerhalb der Gaming-Welt mehr Aufmerksamkeit.

Lange fand die Berichterstattung über E-Sport ausschließlich innerhalb der Szene statt. So wird auf der Website von League of Legends über Turniere oder Clans (so werden die Teams genannt) von verschiedenen Autoren berichtet. Außerdem haben sich mit der Zeit auf E-Sport spezialisierte PR-Agenturen und Gaming-Organisationen gegründet, die ebenfalls entsprechende Inhalte veröffentlichen. Beispiele hierfür sind die Multi-Gaming-Organisation SK Gaming aus Köln und Freaks 4U Gaming, eine auf E-Sport spezialisierte Marketing- und PR-Agentur aus Berlin.

Zwar finden sich bisher nur wenige Journalisten in der eher Community-basierten Berichterstattung, doch die etablierten Medien ziehen langsam nach. Während bei „FAZ.net“ die Berichterstattung im Sportressort stattfindet, wird E-Sport bei „ZEIT Online“ und „Sueddeutsche.de“ dem Ressort Digitales zugeordnet. Bei den Sportmedien findet E-Sport noch nicht allzu viel Beachtung, obwohl dessen Protagonisten sehr darauf bedacht sind, E-Sport als Sportart zu etablieren und als Sportler anerkannt zu werden. Eine Ausnahme ist das Sportmagazin „Kicker“, das im Jahr 2014 mit esports.kicker.de einen Onlineableger für E-Sport gegründet hat. Auch bei anderen klassischen sportjournalistischen Medien, wie zum Beispiel dem Fernsehsender „Sport1“, wird E-Sport als neues Ressort langsam wahrgenommen.

Der E-Sport-Journalismus wird bisher von Experten aus der Szene dominiert, was besonders auf die Bedeutung der Community im Gaming zurückgeführt werden kann. Wichtigste Medien für E-Sport sind die bereits erwähnten Streamingplattformen Twitch und Youtube. Ein erfolgreicher Yotube-Kanal kann daher auch zum Quereinstieg in den E-Sport-Journalismus verhelfen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der wohl bekannteste deutsche E-Sport-Kommentator Maxim Markow.

Die Branche wächst enorm – sowohl an Gewinn als auch an Interesse. Ein professionalisierter E-Sport-Journalismus muss sich zwar noch etablieren, aber die große Fangemeinschaft im E-Sport spricht dafür, dass dies in absehbarer Zeit geschehen wird.

Quellen:

– Katharina Pencz: Phänomen E-Sport: ein neues Themengebiet für Journalisten https://www.fachjournalist.de/phaenomen-e-sport-neues-themengebiet-fuer-journalisten/

Innovations­­­journalismus

Unter Innovationsjournalismus wird in der Regel keine eigenständige journalistische Fachdisziplin verstanden, sondern ein Journalismus, der das Thema „Innovation“ aufgreift und in seiner Berichterstattung in den Mittelpunkt stellt.

Einer der Vordenker des Innovationsjournalismus ist der schwedische Wissenschaftler David Nordfors, der in den USA arbeitet. Nordfors ist ursprünglich Quantenphysiker und war unter anderem für die schwedische Regierungsagentur für Innovationssysteme VINNOVA tätig. Im Rahmen seiner Beschäftigung mit Innovation entwickelte Nordfors sein Konzept des „Innovation Journalism“, das er 2003 veröffentlichte.

  • Zum einen ist beim Innovationsjournalismus eine ressortübergreifende, ganzheitliche Perspektive auf den Gegenstand erforderlich. In der journalistischen Praxis steht dem zum einen das übliche Ressortdenken entgegen, das häufig Innovationsthemen sogar verhindert: Ein Innovationsthema kann leicht für das Wirtschaftsressort eher ein Wissenschaftsthema und für das Wissenschaftsressort eher ein Politikthema sein – und deshalb für das eigene Ressort uninteressant.
  • Zudem verhindern auch die Qualifikationen der Journalisten oft eine ganzheitliche Betrachtungsweise: Ein Redakteur mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund tut sich mit den technischen Aspekten eines Innovationsthemas oft schwer, ein Naturwissenschaftler erkennt möglicherweise die ökonomischen Zusammenhänge des Themas nicht in ihrer vollen Komplexität.
  • Innovationsjournalismus, der nicht nur Ausschnitte, sondern die gesamt-gesellschaftliche Bedeutung einer Innovation analysieren will, ist auf interdisziplinäre Journalisten-Teams oder Projektredaktionen angewiesen.
  • Die zweite grundsätzliche Forderung an eine journalistische Berichterstattung über Innovation, die nach den gesellschaftlichen Auswirkungen fragt, ist das Verständnis von Innovation als Prozess. Tatsächlich wird Innovation in der Berichterstattung der Medien meist punktuell und eben nicht prozesshaft gesehen: Gegenstand der Berichterstattung sind meist ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung, nur ganz selten wird über den Prozess berichtet, der zu diesem Ergebnis geführt hat. Die Entwicklung neuer Ideen und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Veränderungen werden also in der Regel nicht journalistisch begleitet, sondern erst zu einem späten Zeitpunkt zu einem Thema.

Der Begriff „Innovation“ ist prinzipiell positiv besetzt – Innovation wird mit Fortschritt und Chancen, weniger mit Misserfolgen und Risiken gleichgesetzt. Daher besteht die Gefahr, dass eine Berichterstattung über Innovation bereits eine Nähe zu Public Relations besitzt, die problematisch werden kann. Eine Idee, die als „Innovation“ bezeichnet wird, besitzt möglicherweise mehr Chancen auf einen Markterfolg. Journalisten, die über neue Ideen und vermeintliche Innovationen berichten, sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein – sie sind Teil des Innovationssystems und tragen mit ihrer Arbeit (bewusst oder unbewusst) zum Erfolg oder Misserfolg bei.

Wenn sich Journalisten dieser Aufgabe ebenso bewusst sind wie der Tatsache, dass sie selbst ein Teil des Innovationssystems sind, können sie Bedeutungsrahmen gestalten und vervollständigen. Damit erfüllen sie ihre Aufgabe und werden gleichzeitig den Anforderungen des Innovationsjournalismus gerecht – nämlich ganzheitlich und prozessorientiert zu berichten.

Quellen:

– Andreas Schümchen: Innovation Journalism, in: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.): Journalistische Genres, S. 41-50.

Journalistische Genres

Unter dem Begriff „journalistische Genres“ („journalistic genres“) werden im angelsächsischen Sprachraum zahlreiche unterschiedliche methodisch-konzeptionelle Herangehensweisen an die journalistische Arbeit verstanden. Der Begriff ist in Deutschland vergleichsweise unbekannt und nur wenige journalistische Genres haben bislang Eingang in die deutschsprachige Publizistik und in die deutschsprachigen Medien gefunden.

Journalistische Genres können grob in zwei Kategorien eingeteilt werden: Genres, die einen deskriptiv-kritischen Ansatz verfolgen, sowie Genres, bei denen ein normativer Ansatz im Mittelpunkt steht.

Deskriptiv-kritische Genres beschreiben nicht nur, wie Journalismus von einigen Journalisten oder Medienhäusern betrieben wird, sondern sie wollen vor allem eines: Die vorgefundenen Missstände, also die negativen Abweichungen vom Idealzustand, offenlegen und kritisieren, um dazu aufzurufen, zu diesem Ideal zurückzukehren. Als Beispiele hierfür können der Bandwagon Journalism (Mitläuferjournalismus), der Checkbook Journalism (Scheckbuchjournalismus), der Embedded Journalismus (Eingebetteter Journalismus) oder auch der sogennante „Churnalism“ genannt werden.

Normative Genres formulieren die Genres als gesellschaftspolitische Forderung, wie Journalismus betrieben werden sollte. Bewegt man sich im politischen Feld, hat man es stets mit Meinungen zu tun, die in der Regel folglich nicht klar richtig oder falsch sein können. Es handelt sich um Ansichten, wie Journalismus betrieben werden sollte. Ob man dem zustimmen kann oder es ablehnt, ist eine Entscheidung des einzelnen Journalisten oder Medienhauses. Es ist nicht erforderlich und auch nicht unbedingt wünschenswert, dass alle Journalisten nach einem neuen Genre arbeiten. Beispiele für normative Genres sind der Advocacy Journalism (Fürsprachejournalismus), der Positive Journalism (Positiver Journalism) oder der Solutions Journalism (Lösungsorientierter Journalismus)

Die einzelnen journalistischen Genres können insgesamt zu einer größeren Pluralität im Journalismus beitragen und eine Brücke in die journalistische Praxis schlagen: Bislang unbewusst, nur sporadisch oder gar nicht genutzte journalistische Genres können die Medienlandschaft vielseitiger, die Rezeption von (Print-) Medien vor dem Hintergrund der noch immer nicht gelösten, internetinduzierten Medienkrise attraktiver machen und so zu einer erhöhten Mediennutzung beitragen.

Insbesondere die normativen journalistischen Genres stellen einige der präskriptiven Kriterien des traditionellen Journalismus nicht nur infrage, sondern substituieren sie durch neue. Das Ausprobieren neuer Zugänge zu journalistischem Arbeiten scheint in einer Zeit, in der der traditionelle Journalismus in der Krise steckt, mehr denn je geboten.

Quellen:

– Deutscher Fachjournalisten-Verband: Journalistische Genres, UVK-Verlag, 2016

Kuratieren

Der Begriff „Kuratieren“ stammt eigentlich aus der Kunstwelt. Das Wort nimmt Bezug auf den Kurator (vom lateinischen curare = sorgen, sich kümmern) eines Museums, der die Exponate einer Ausstellung nicht nur auswählt, sondern auch über ihre Anordnung und Präsentation entscheidet.

Seit einigen Jahren hat sich der Begriff auch im Journalismus etabliert. Unter Kuratieren versteht man hier, Links zu empfehlen und einzuordnen. Als Tätigkeit ist das Kuratieren nicht komplett neu, nur der Begriff ist – zumindest im journalistischen Kontext – vergleichsweise jung. Presseschauen gibt es schon jahrzehntelang. Gastautoren haben ebenfalls eine lange Tradition. Beides waren aber gerade in der alten Welt der Massenkommunikationsmedien Zeitung, Zeitschrift, Radio und Fernsehen eher kleine Nischen.

Im Netz gelingt es keinem Verlag, auch nur annähernd eine ähnlich große und vor allem treue Leserschaft zu gewinnen. Es ist eher ein Kampf um Gelegenheitsleser, die nicht mehr allzu viel auf (Medien-)Marken geben, sondern in erster Linie an gutem, interessantem und relevantem Inhalt interessiert sind. Natürlich können Leseempfehlungen hier auch automatisiert erstellt oder aggregiert werden, doch oft sind die Ergebnisse unbefriedigend. Der menschliche Experte denkt im Zweifelsfall noch eine oder zwei Ebenen weiter oder stellt Texte in den Kontext, die dem Algorithmus entgehen. Und genau deswegen sind kuratierende Journalisten so wichtig – und werden immer wichtiger. Sie sind, wie es der Autor Bernd Oswald formuliert, die „Trüffelschweine“, die den guten Inhalt im Netz aufspüren. Sie suchen Texte zusammen und schnüren diese moderiert bzw. kommentiert zu einem neuen Paket.

Im deutschsprachigen Raum sind zum Beispiel der „Bildblog“, „Piqd“, „Niuws“, „Blendle“, der „Social Media Watchblog“ sowie die „Krautreporter Morgenpost“ Beispiele für Kuratierdienste im Journalismus. Zahlreiche Newsletter wie der „Espresso“ der Süddeutschen Zeitung oder der „Checkpoint“ des Tagesspiegel bieten ebenfalls einen Nachrichtenüberblick und empfehlen ausgewählte Beiträge.

In Zeiten des „Information Overload“ dürfte der Bedarf an kuratierenden Journalisten weiter steigen. Schließlich fällt es vielen Medienkonsumenten bereits heute schwer, aus den Weiten des World Wide Web die für sie passenden Informationen herauszufiltern.

Quellen:

– Bernd Oswald: Kuratieren im Journalismus: Kontext ist King, https://www.fachjournalist.de/kuratieren-im-journalismus-kontext-ist-king/

Langsamer Journalismus

Der Begriff „Langsamer Journalismus“ bezeichnet eine Form des Journalismus, die sich als Gegentrend zum schnelllebigen Onlinejournalismus versteht. Eilmeldungen, Liveticker und sonstige Merkmale des Onlinejournalismus setzt der langsame Journalismus gründliche und tiefgehende Recherchen entgegen. Die Medien sollen Langsamkeit und Entschleunigung wieder entdecken, so eine zentrale Forderung dieses journalistischen Genres.

Im deutschsprachigen Raum hat sich insbesondere der Medien-Professor Bernhard Pörksen mit seiner Forderung nach einem „extrem langsamen Anti-Journalismus“ in der Debatte hervorgetan. Aber auch Journalisten selbst sehen die Notwendigkeit einer Entschleunigung des Journalismus im Onlinezeitalter. So erklärte die „Zeit“-Redakteurin Özlem Topcu in einem Interview: „Ich glaube, die Medienbranche muss wieder langsamer werden. Zu allem gibt es heute Live-Ticker. Das ist keine gute Entwicklung. Ich brauche doch keine Wasserstandsanzeige zu jedem Ereignis. Viel wichtiger ist für mich als Mediennutzerin eine Einordnung: Was bedeutet das, was gerade passiert ist?“

Langsamer Journalismus kann langfristig gesehen zu einer Stärkung des Qualitätsjournalismus führen. Gelingt dies, steigt womöglich auch wieder das Vertrauen in Medien allgemein.

Langsamer Journalismus sieht sich zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Allen voran steht der Kampf um Exklusivmeldungen und damit um Klickzahlen, der den heutigen (Online-)Journalismus kennzeichnet. Das Problem ist auch: Langsamen Journalismus muss man sich leisten können. Deshalb ist diese Form des Journalismus im tagesaktuellen Journalismus eher selten anzutreffen.

Allerdings gibt es auch gegenläufige Beispiele: Die Recherchen der Süddeutschen Zeitung zu den sogenannten „Panama Papers“ etwa sind ein Beweis dafür, dass es auch im heutigen Journalismus Platz gibt für langfristige und aufwändige Recherchen. Neue Initiativen wie etwas das Recherchebüro „Correctiv“ zeigen darüber hinaus, dass die Medienbranche erkannt hat, dass langsamer Journalismus – als Ausdruck von Qualitätsjournalismus – eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Quellen:

– Victoriah Szirmai: Zeit zum Hören – Plädoyer für einen langsamen Musikjournalismus, https://www.fachjournalist.de/zeit-zum-hoeren-plaedoyer-fuer-einen-langsamen-musikjournalismus
– Antonia Brunet: Slow Journalismus. Wie Medien die Langsamkeit und Entschleunigung für sich entdecken, https://munichmediawatch.wordpress.com/2015/01/17/slow-journalismus/

Longform-Journalismus

Longform-Journalismus ist eine Form des Journalismus, die explizit auf lange Lesestücke setzt. Entgegen der Annahme, dass Medienkonsumenten im Internet nur kurze Texte lesen, geht der Longform-Journalismus davon aus, dass auch im digitalen Zeitalter eine Nachfrage nach ausführlichen und hochwertigen journalistischen Beiträgen besteht.

Unter dem Begriff „Longform-Journalismus“ werden Beiträge im Onlinejournalismus subsumiert, die folgende Kriterien aufweisen:

  • Unbegrenzte Länge: Longform-Stücke sind meist ausführliche Beiträge. Sie obliegen keiner Begrenzung der Zeichenzahl, vielmehr zeichnen sich eben gerade dadurch aus, dass sie sich für Längen und Umfänge nicht interessieren, sondern sich den Platz nehmen, den sie brauchen.
  • Aufbereitung komplexer Themen in narrativen Textformen: Longform-Journalismus setzt sich in aller Regel mit Themen auseinander, die schwer zu durchdringen sind und einer gründlichen Analyse bedürfen. Hierfür werden narrative Textformen wie beispielsweise die Reportage verwendet.
  • Multimedialität: Charakteristisch für Longform-Journalismus ist die Verwendung von multimedialen Elementen. Dazu können Videos, Audios, Animationen, Grafiken oder datenjournalistische Anwendungen gehören.

Journalistische Beiträge, die unter Longform-Journalismus fallen, werden oft mit anderen Begrifflichkeiten gleichgesetzt. So ist in diesem Kontext oft auch von Multimedia-Reportagen, Storytelling oder Scrollytelling die Rede. Einen einheitlich verwendeten Namen gibt es folglich nicht.

In den USA kann seit etwa 2013 ein Comeback des Longform-Journalismus beobachtet werden. Als Vorreiter für Longform-Journalismus in den Vereinigten Staaten gilt die New York Times, die Stücke wie „Snow Fall“ oder „The Russia Left Behind“ veröffentlichte. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche Beispiele für Longform-Journalismus, nennenswert sind etwa das Projekt „Langstrecke“ der Süddeutschen Zeitung und Longform-Stücke von Zeit Online. Einen Überblick mit über 60 nationalen und internationalen Beispielen für Longform-Journalismus bietet die Journalistin Sonja Kaute in ihrem Blog.

Zur Zukunft des Longform-Journalismus meint der Digitalexperte Christian Jakubetz: „Realistisch betrachtet allerdings ist es mit der Longform im Netz ähnlich wie mit der Reportage in der Zeitung oder der Dokumentation im TV: Sie sind eine wunderbare Option für das ausführliche Erzählen großer und umfangreicher Geschichten. Sie werden ihren festen Platz in der Palette des Geschichtenerzählens einnehmen.“

Quellen:

– Christian Jakubetz: Longform-Journalismus: Fast alles ist erlaubt. Annäherung an ein Format, https://www.fachjournalist.de/longform-journalismus-fast-alles-ist-erlaubt/
– Christian Jakubetz: Digitaler Journalismus: Fasse dich lang! In: ABZV Universalcode, http://universal-code.de/2014/03/26/digitaler-journalismus-fasse-dich-lang/

Lösungs­­­orien­­­tier­­­ter Jour­­­na­­­lis­­­mus

Lösungsorientierter Journalismus setzt sich für eine Veränderung in der Nachrichtenauswahl und in der Zielrichtung von Recherchen ein. Bestimmend für dieses Genre ist ein konstruktiver Ansatz, der im Gegensatz zum Negativitätsbias im klassischen Journalismus steht.

Kurz und knapp kann lösungsorientierter Journalismus (solutions journalism) als „Berichterstattung über Versuche, soziale Probleme zu lösen“ beschrieben werden. Der Medienwissenschaftler Uwe Krüger nennt drei Aspekte, wozu lösungsorientierter Journalismus dienen kann:

  • Zur psychischen Hygiene von Produzenten und Rezipienten (d. h. er kann positive Wirkungen auf der Mikro-Ebene der Individuen haben).
  • Zur Reichweitensteigerung von Medien (d. h. er kann positive Wirkungen auf der Meso-Ebene der Medienorganisationen haben).
  • Zu einem höheren Maß an gesellschaftlichem Fortschritt (d. h. er kann positive Wirkungen auf der Makro-Ebene haben).

Lösungsorientierter Journalismus wird oft im Kontext von konstruktivem Journalismus genannt. Medien, die sich konstruktiven Journalismus auf die Fahne schreiben, wie zum Beispiel das deutsche Start-up Perspective Daily, wollen in der Regel lösungsorientiert berichten. Überschneidungen gibt es auch mit den Ideen des Impact Journalism oder dem Konzept des Friedensjournalismus.

Für lösungsorientierten Journalismus tritt in den USA das Solutions Journalism Network ein, eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in New York. Weitere Medien, die diese Art von Journalismus verfolgen, sind etwa die quartalsweise erscheinende Publikumszeitschrift „Yes!“ und das „Solutions Journal“. In Deutschland gibt es keine eigenständigen Publikationen. Rubriken in „Geo“ und „National Geographic“ oder Schwerpunktausgaben der „taz“ haben jedoch explizit lösungsorientiert berichtet.

Quellen:

-Uwe Krüger: Solutions Journalism, in: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.): S. 95-116.

Non-Profit-Journalismus

Der Non-Profit-Journalismus , auch bekannt unter den Namen Not-for-profit Journalism oder Think Tank Journalism, versteht sich als eine gemeinnützige Form des Journalismus.

Non-Profit-Journalismus wird von sogenannten Non-Profit-Organisationen (NPO) verfolgt, die im Gegensatz zu Unternehmen nicht primär den wirtschaftlichen Erfolg als Ziel haben. Non-Profit-Journalisten arbeiten in der Regel investigativ, wie der Journalist Stefan Seitz feststellt: „Sie greifen gesellschaftlich relevante Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf, um durch gründliche Recherche Missstände, Skandale und Affären aufzudecken.“

Insbesondere vier Merkmale sind für den Non-Profit-Journalismus kennzeichnend:

  • nimmt die dem Journalismus zugedachte öffentliche Aufgabe ernst
  • ohne Gewinnerzielungsabsicht
  • wird mit einer maßgeblichen Finanzierung durch Spender und Förderer betrieben
  • ist von den Finanzbehörden als gemeinnützig anerkannt

Die fehlende Gewinnerzielungsabsicht des Non-Profit-Journalismus bietet einerseits bei der publizistischen Arbeit zahlreiche Freiheiten. So muss bei der Themenauswahl nicht auf Auflage- oder Klickzahlen Rücksicht genommen werden. Gesellschaftliche relative Themen können ohne Druck in Angriff genommen werden. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass durch die Alimentierung durch Stiftungen oder sonstige Geldgeber neue Abhängigkeiten entstehen: Der Unabhängigkeit von Werbemärkten steht die Abhängigkeit von Spendern, Zuschüssen etc. gegenüber.

Das bekannteste Non-Profit-Journalismus-Netzwerk ist das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), das 1997 gegründet wurde. Es ist ein globales Netzwerk von mehr als 190 Reportern in über 65 Ländern. Im deutschsprachigen Raum ist das gemeinnützige Recherchebüro „Correctiv“ zu nennen, das 2014 gegründet wurde. Weitere Beispiele für Non-Profit-Journalismus in Deutschland sind die „Kontext: Wochenzeitung“ oder die Vernetzungsplattform „Hostwriter“.

Quellen:

– Stefan Seitz: Non-profit Journalism, in: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.): Journalistische Genres, S. 403-410.

Positiver Journalismus

Positiver Journalismus ist eine Strömung im Journalismus, die bewusst über positive Themen berichtet und sich einer positiven Sprache bedient. Positiver Journalismus kann als eine Art Gegenbewegung zum weithin konstatierten Negativitätsbias in der klassischen Medienberichterstattung verstanden werden.

Der positive Journalismus ist ein journalistisches Genre, das beim Rezipienten positive kognitive, affektive und motivationale Wirkungen hervorzurufen beabsichtigt. Positiver Journalismus stellt somit einen normativen – gegebenenfalls sogar pädagogischen – Ansatz dar.

Im Mittelpunkt des positiven Journalismus steht eine Output-Orientierung. Dies bedeutet, dass positiver Journalismus nicht von der Art der Berichterstattung zu definieren ist, sondern von den beabsichtigten Wirkungen. Positiver Journalismus will keineswegs ausschließlich über positive Ereignisse und Situationen berichten, denn dies würde zwangsläufig zu einer einseitigen Verkürzung und Verzerrung der Weltwahrnehmung führen.

Positiver Journalismus ist folglich nicht auf positive Themen und Inhalte wie Siege, Erfolge, Einigungen oder Lösungen beschränkt. Auch negative Ereignisse können Gegenstand positiver Berichterstattung sein, wenn diese positiv, zum Beispiel lösungsorientiert, formuliert werden oder einen positiven Ausblick erhalten. Die Form, vor allem die Sprache, ist bei diesem Genre daher von elementarer Bedeutung.

Das Konzept des positiven Journalismus orientiert sich an den Erkenntnissen der positiven Psychologie, die vom US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman begründet wurde. Die positive Psychologie kritisiert an der herkömmlichen Psychologie, dass diese statt durch eine konstruktive durch eine defizitäre Brille sehe, indem sie sich überwiegend mit psychischen Störungen, nicht aber mit den Bedingungen des angestrebten Normalzustands, psychischer Gesundheit, auseinandersetzt. Übertragen auf den Journalismus bedeutet dies, nicht nur „Bad News“ als „Good News“ zu betrachten, sondern ausdrücklich auch über positive Entwicklungen in der Welt zu berichten.

Beispiele für positiven Journalismus sind insbesondere im englischsprachigen Raum zu finden. Zu nennen sind etwa die Good-News-Section von ABC News und der Huffington Post. Mit den Positive News gibt es zudem ein Format, das auch in gedruckter Form erscheint. Im deutschsprachigen Raum ist positiver Journalismus bisher nur in Ansätzen erkennbar. So ist etwa die Rubrik „Good“ ein fester Bestandteil der deutschen Ausgabe der Huffington Post. Darüber hinaus hat beispielsweise die „taz“ zwischen 2009 und 2010 drei Sonderausgaben mit ausschließlich positiven Projekten herausgebracht.

Quellen:

– Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.): Positiver Journalismus, UVK-Verlag, 2015
– Stefan Seitz: Positive Journalism, in: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.): Journalistische Genres

Rezipienten-Be­­­zieh­­­ungs­­­ma­­­na­­­ge­­­ment

Unter Rezipienten-Beziehungsmanagement versteht man Maßnahmen zur Bindung von Lesern an eine bestimmte Medienmarke. Der Begriff „Beziehungsmanagement“ stammt eigentlich aus dem Marketing und bezeichnet aufeinander abgestimmte Maßnahmen zur Anbahnung und Pflege von Kunden- und Geschäftsbeziehungen.

Die fortschreitende Digitalisierung hat den Journalismus und insbesondere die Beziehung Journalisten-Rezipienten grundlegend verändert. Das bekannte Zitat „the people formerly known as the audience“ (die Menschen, die man einst als das Publikum bezeichnete) von Jay Rosen, Professor für Journalismus an der New York University, bringt diesen Wandel auf den Punkt. Die Rezipienten sind demnach nicht mehr nur reine Empfänger von Botschaften wie in der alten Welt der Massenkommunikationsmedien Zeitung, Zeitschrift, Radio und Fernsehen. Durch die Digitalisierung ist heutzutage jeder Leser, Hörer oder Zuschauer gleichzeitig auch potenzieller Nutzer oder gar selbst Autor, der öffentlich Rückmeldung und neue Impulse geben kann. Das Mediensystem wandle sich „zunehmend vom Distributions- zum Kommunikationsapparat“, wie der Autor Stanley Vitte feststellt.

Dieser Paradigmenwechsel erfordert von Journalisten ein grundlegendes Umdenken, was die Beziehung zum Rezipienten betrifft. Der US-Journalismus-Professor und Vordenker Jeff Jarvis fasst in seinem Buch „Ausgedruckt! Journalismus im 21. Jahrhundert“ (Plassen Verlag) die damit verbundenen Aufgaben für Journalisten wie folgt zusammen: „Wenn wir im Medienbereich neue Kompetenzen aufbauen wollen, die mit Beziehungen zu tun haben, müssen wir zunächst aufhören, die Menschen als Masse zu sehen. Wir müssen sie kennenlernen und sie dann als Individuen und Communitys bedienen.“

Eine populäre, moderne Form des Rezipienten-Beziehungsmanagements ist der Newsletter. Er wird mittlerweile von fast allen großen Medienmarken eingesetzt. Auch im Fachjournalismus ist diese Entwicklung angekommen. Die Vorteile liegen auf der Hand, wie die freie Journalistin Silke Liebig-Braunholz erläutert: „Fachmedienhäuser können mit zielgenauen und relevanten Informationen in Newslettern für ihre Zielgruppen attraktiver werden. Ein eigenständiges Redaktionsmanagement, das auf ein analysiertes Nutzerverhalten reagiert und die Newsletter-Inhalte entsprechend anpasst, ist dafür unabdingbar. Im Idealfall verhelfen Newsletter den Fachmedienhäusern zu mehr Aufmerksamkeit, indem sie auf den gesamten Content-Strom der Medienmarke leiten.“

Trotz verstärkter Bemühungen von Medienhäusern steckt das Rezipienten-Beziehungsmanagement noch in den Kinderschuhen. Seine Bedeutung dürfte jedoch in den kommenden Jahren rapide steigen.

Quellen:

https://www.fachjournalist.de/der-permanente-dialog-mit-lesern-und-nutzern/
https://www.fachjournalist.de/rezipienten-beziehungsmanagement-wie-newsletter-die-bindung-an-medienmarken-staerken-koennen/

Spezialisierung im Journalismus

Die Spezialisierung auf ein bestimmtes Fach- oder Themengebiet wird im Journalismus zunehmend wichtiger. Während die Massenmedien im Internetzeitalter an Bedeutung verlieren, sind Fachmedien und -journalisten mehr denn je gefragt.

Auf die immer stärkere Ausdifferenzierung des Publikums in kleinere und kleinste Interessengruppen reagiert der Journalismus mit einer zunehmenden Spezialisierung: So gibt es mittlerweile praktisch für jedes noch so spezifische Interesse an einem bestimmten Thema publizistische Angebote. Special Interest boomt: Das zeigen auch die Zahlen der jährlich erscheinenden Fachpresse-Statistik des Vereins Deutsche Fachpresse. Seit 2012 steigt die Anzahl der Fachzeitschriftentitel kontinuierlich an. 2015 konnten insgesamt 3.893 Fachzeitschriftentitel in Deutschland registriert werden. So finden sich im Printbereich neben klassischen Allround-Titeln für Politik, Wirtschaft oder Sport auch Fach-Publikationen für Orchideen-Fans, Fleischliebhaber oder Modelleisenbahn-Enthusiasten. Diese Vielfalt des publizistischen Angebots ist im Internet noch um einiges größer, zahlreiche Portale und Blogs berichten heutzutage detailliert über Nischenthemen jeglicher Art.

Medienexperten wie der Journalist und Blogger Karsten Lohmeyer sehen einen klaren Zusammenhang zwischen Spezialisierung im Journalismus und der fortschreitenden Digitalisierung. In einem Gastbeitrag für das Onlinemagazin „Fachjournalist“ äußert sich Lohmeyer wie folgt zu dem Thema: „Das Internet fördert Spezialisten. Fast alle Journalisten, die im Internet erfolgreich sind, haben sich auf ein bestimmtes Fach- und Themengebiet spezialisiert.“ Als Beispiele für erfolgreiche Nischenangebote im Netz nennt der Gründer des Medienblogs „LousyPennies“ unter anderem „mobilbranche.de“, einen täglichen Newsdienst rund um Smartphones, Apps und Co., sowie „cruisetricks.de“, ein Webmagazin für Kreuzfahrten.

Für angehende Journalisten erscheint es daher geboten, schon in der Ausbildung Schwerpunkthemen zu entwickeln. Dies bestätigt der Journalismus-Professor Markus Kaiser in einem Interview mit dem „Poltec-Magazin“: „Spezialisierung halte ich für etwas ganz Wichtiges im Journalismus. Man braucht ein Fachgebiet, man braucht ein Gebiet, in dem man richtig fit ist und am besten der Beste ist. Denn dann wird man natürlich auch in diesem Fachgebiet gut gebucht, man bekommt Aufträge und wenn man Redakteur ist, macht man sich damit unverzichtbar.“

Mit einer fachjournalistischen Ausbildung, etwa beim Deutschen Journalistenkolleg, sind Nachwuchsjournalisten daher bestens gerüstet, um die Anforderungen an Journalisten im 21. Jahrhundert erfüllen zu können.

Literatur: Beatrice Dernbach/Thorsten Quandt (Hrsg.): Spezialisierung im Journalismus, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009.

Quellen:

https://www.fachjournalist.de/zeit-zum-geldverdienen-mit-journalismus-warum-das-internet-spezialisten-foerdert/

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