Krautreporter: Journalismus ohne Chefetage
Ein Interview mit Theresa Bäuerlein.
Eine Redaktion ohne Chef:in? Klingt auch heute noch merkwürdig, ist aber seit 2023 beim Onlinemagazin Krautreporter Alltag. Welche Erfahrungen die Redaktion mit dieser neuen Arbeitsweise gemacht hat, wo Vorteile und Nachteile liegen und wer die Aufgaben der Chefredaktion übernommen hat, erzählt Theresa Bäuerlein im Interview. Spannend: Sie war früher selbst einmal Chefredakteurin von Krautreporter.
Krautreporter arbeitet ohne Chefredaktion; es gibt weder Text- noch Social-Media-Chef:in, keine Beförderungen, keine Gehaltsverhandlungen. Was war der Auslöser für diesen Schritt?
Nachdem unsere Chefredakteurin 2023 gekündigt hatte, überlegte unser Vorstand, welche Aufgaben ein:e Chefredakteur:in hat – und kam zu dem Schluss, dass all diese Fähigkeiten unter den Krautreporter-Redakteur:innen zu finden sind.
Meine Interviewanfrage habe ich an den Vorstand Leon Fryszer geschickt. Warum wurden Sie ausgewählt, mir das Interview zu geben?
Ich habe zusammen mit einer Kollegin die „Repräsentanz“-Rolle inne. Da sie das letzte Interview gegeben hat, war ich jetzt wieder dran. Es kommen immer wieder Anfragen, auch aus dem europäischen Ausland und von internationalen Journalistikkongressen; unsere Arbeitsweise macht die Leute aus der Branche sehr neugierig.
Wie ist die Resonanz von außen auf Ihre experimentelle Arbeitsweise?
Es gibt sehr positive Reaktionen, ich höre oft: „Ach, das ist ja toll, das würden wir auch gerne ausprobieren.“
Wie waren die Reaktionen innerhalb des Teams?
Wir haben wahnsinnig viel und kontrovers diskutiert. Während des Transformationsprozesses sind einige wichtige Kolleg:innen gegangen – aber die Mehrheit fand die Idee gut. Die Stellen der Menschen, die Krautreporter verlassen haben, wurden wieder neu besetzt. Wir sind ein Team von etwa 20 Personen. Nicht alle sitzen in Berlin; einige arbeiten remote.
Es kommen immer wieder Anfragen, auch aus dem europäischen Ausland und von internationalen Journalistikkongressen; unsere Arbeitsweise macht die Leute aus der Branche sehr neugierig.
Krautreporter wurde von Sebastian Esser, Philipp Schwörbel und Alexander von Streit 2014 durch das damals größte Crowdfunding im deutschsprachigen Medienbereich gegründet: Von rund 15.000 Unterstützer:innen kamen mehr als 900.000 Euro zusammen!
Bei Krautreporter haben wir uns in diesen elf Jahren ziemlich oft zwar nicht komplett neu erfunden, aber doch sehr stark experimentiert und uns verändert. Anfangs fehlte eine klare Struktur für die Zusammenarbeit, sodass Stefan Niggemeier, einer der prominentesten unter den Gründungsautor:innen, nach einem Jahr ausstieg.
Wir sind seit jeher eher ungewöhnlich, haben von Anfang an nicht klassisch hierarchisch gearbeitet. Unsere Chefredakteur:innen haben nicht einfach ihre Meinung durchgesetzt. In unserem Team sind von Anbeginn an Menschen dabei, die sich stark einbringen wollen.
Welche Verantwortung liegt jetzt bei den einzelnen Autor:innen?
Unsere Arbeitsweise ist nicht komplett hierarchiefrei – aber Führung und Aufgaben sind nicht mehr an einzelne Personen gebunden, sondern durch sogenannte Rollen auf das Team verteilt. Jede Person besetzt mehrere Management- und/oder Produktionsrollen gleichzeitig. Wer eine Rolle innehat, kann in diesem Bereich Entscheidungen treffen, häufig aber auch nicht allein, sondern in Abstimmung mit anderen – die Rollen sind meist mehrfach besetzt.
Wir sind seit jeher eher ungewöhnlich, haben von Anfang an nicht klassisch hierarchisch gearbeitet.
Es gibt etwa ein Hiring-Team, das für die Einstellung von Mitarbeitenden zuständig ist, andere kümmern sich um die Planung neuer Newsletter oder die Moderation von Meetings. Man kann eine Rolle hinzunehmen oder wieder abgeben.
Wie läuft der redaktionelle Alltag ab?
Es gibt eine Redaktionskonferenz, bei der aber nicht alle Themen besprochen werden. Wir arbeiten in zwei Teams. In Team A sind vier Reporter:innen plus feste Freie, in Team B fünf Reporter:innen plus feste Freie. Jedes Team bestimmt abwechselnd, welche Artikel auf krautreporter.de erscheinen.
Team A und B wechseln sich im zweiwöchentlichen Rhythmus ab mit der Produktion der Artikel des jeweiligen Teams. Recherche und Textarbeit für die jeweiligen zwei Wochen besprechen wir intern in den Teams. Den Überblick haben die sogenannten Sprint-Manager:innen – die schauen darauf, dass die Mischung auf der Seite stimmt.
Arbeiten Sie als frühere Chefredakteurin von Krautreporter lieber in dem heutigen Modell?
Ich war auch gerne Chefredakteurin, aber mir gefällt unsere heutige Arbeitsweise besser. Ich bin ganz froh, dass in unserem System alle ihre Stärken einbringen können. Denn auch, wenn es Dinge gibt, die ich vielleicht besser kann als andere, können die dafür etwas anderes besser, obwohl sie möglicherweise weniger Erfahrung haben.
Worin sind Sie denn besonders gut?
Ich bin sehr experimentierfreudig, entwickele gerne Ideen und Formate. Ich kann Menschen sehr gut fördern und liebe es, mit meiner Community zu kommunizieren. Nicht zuletzt bin ich sehr gut als Autorin.
Ich bin ganz froh, dass in unserem System alle ihre Stärken einbringen können.
„Eine Klitoris ist keine Blumenvase“ oder „Noch schöner als Schlafen: Meine jährliche Offline-Woche“ – Sie schreiben Artikel über Gesellschaft(spolitik) Neurowissenschaft und Psychologie.
Das finde ich sehr angenehm, dass ich so breit schreiben kann. Bei Krautreporter entscheiden die Autor:innen selbst, worüber sie schreiben wollen und welche Artikel sie bei freien Journalist:innen in Auftrag geben.
Bei unserer Berichterstattung überlegen wir, ob wir Hintergrundwissen zu einem Nachrichtenthema beitragen können. Denn wir versprechen unseren Leser:innen ja, ihnen durch gründlich recherchierte Texte beim Verstehen von Zusammenhängen zu helfen. Wir fragen aber auch unsere Community, wie spannend sie ein Thema findet. Alle Autor:innen haben ein persönliches Spezialgebiet – aber anders als andere Redaktionen trennen wir nicht in Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Psychologie. Für unsere Mitglieder stehen wir für bestimmte Themen oder eine bestimmte Herangehensweise an Themen.
Das klingt interessant!
Ich bin sehr gerne bei Krautreporter, auch wenn es manchmal anstrengend ist, weil sich vieles immer wieder ändert. Da wir kein alteingesessener Verlag sind, müssen wir immer wieder neu schauen, wie wir Leser:innen gewinnen und halten. Aber dadurch sind wir auch sehr flexibel.
Bei Krautreporter habe ich mich erstmals fest anstellen lassen. Dies war die erste Redaktion, bei der ich mir vorstellen konnte, langfristig zu bleiben. Ein Nebenaspekt: Nach 15 Jahren als freie Autorin habe ich in der Festanstellung bezahlten Urlaub schätzen gelernt und dass man auch einmal krank werden kann, ohne Verdienstausfall zu haben. Aber ich habe nach wie vor vieles von der Freiheit, die ich als freie Autorin hatte, und kann meine eigenen Themen bestimmen.
Wo stoßen flache Strukturen in der Praxis an ihre Grenzen – gerade im redaktionellen Alltag mit Druck und Deadlines?
Natürlich gibt es Punkte, wo es hakt. Ein Problem, das alle Kolleg:innen benennen, die in dem System arbeiten: die Mental Load. Dadurch, dass man durch seine verschiedenen Rollen Verantwortung trägt, muss man gut priorisieren können, um nicht zu zerfasern.
Daher haben wir eine Stillarbeitszeit eingeführt: Wir sind zwar immer telefonisch füreinander zu sprechen, aber zwischen 9 und 13 Uhr muss man nicht auf Slack erreichbar sein, dem Nachrichtendienst, mit dem sich unsere Teams untereinander austauschen. Das hat total viel gebracht.
Was hat sich in der Arbeitskultur verändert? Wie beugen Sie Konflikten vor oder lösen Sie auf?
Grundsätzlich gehen wir sehr gut miteinander um. Mir gefällt unsere Kommunikation auf Augenhöhe im Team. Wenn jemand einen Einwand einbringt, ist es nicht so, dass niemand zuhört – im Gegenteil.
Dadurch, dass man durch seine verschiedenen Rollen Verantwortung trägt, muss man gut priorisieren können, um nicht zu zerfasern.
Jeden Donnerstag treffen sich alle Mitarbeiter:innen von Krautreporter zum großen Meeting in einem von drei virtuellen Räumen. Findet ein Meeting im „Steuerungsraum“ statt, geht es darum, an der Struktur von Krautreporter zu arbeiten, neue Rollen einzuführen oder Regeln zu beschließen. Im „operativen Raum“ besprechen wir unsere Arbeitsweise und die Zahlen, die Teams geben Updates von ihrer Arbeit. Um Zwischenmenschliches, um persönliche Konflikte geht es, wenn wir im „Beziehungsraum“ im Stuhlkreis zusammensitzen.
Wir haben alle eine Fortbildung zum Thema „gewaltfreie Kommunikation“ gemacht und für unsere Meetings sehr klare Strukturen installiert. Eine Moderatorin oder ein Moderator überwacht, dass das Procedere eingehalten wird. Als Beispiel: Jemand möchte unser Magazin umbenennen in Sauerkrautreporter. Dann muss er begründen, warum er das tun will. Nach einer Verständnisrunde äußern die anderen ihre Meinung dazu – und wenn alle damit einverstanden sind, wird der Vorschlag umgesetzt. Ein Veto kann jemand einlegen, wenn er glaubt, das schade dem Unternehmen ernsthaft.
Was kann inhaltlich noch an Ihrer Arbeitsweise verbessert werden?
Ein Thema, mit dem wir uns gerade beschäftigen: wie wir es hinbekommen, stärker die inhaltliche Linie im Blick zu haben. Nicht nur mit dem Tagesgeschäft und den nächsten Wochen beschäftigt zu sein, sondern vorauszuplanen.
Es gibt die Rolle einer Langzeitplanerin/eines Langzeitplaners, aber derzeit hat die Person nicht genug Zeit, diese Rolle auszufüllen, sodass wir beschließen müssten, ihr mehr Freiraum zu organisieren. Und schreiben möchte und soll jede:r von uns natürlich auch noch. Denn letztlich sind wir Reporter:innen – das ist der wichtigste Teil unserer Arbeit: gut recherchierten Journalismus zu liefern.
Als Genossenschaft gehört Krautreporter seinen Mitgliedern und ist diesen verpflichtet. Wie binden Sie die Community mit ein?
Was bei Krautreporter bei allen Veränderungen über die Jahre immer konstant geblieben ist: dass wir sehr nah an unserer Community sind. Alle Reporter:innen stehen für ein bestimmtes Themengebiet, zu dem auch eine Community an Leser:innen gehört, und sind daher alle Conversation Leader. Das war schon vor der Umstellung auf das selbstorganisierte Arbeiten so.
Zusammen mit zwei anderen Kolleg:innen besetze ich die Rolle „Beteiligung“ im Team. Das heißt, wir arbeiten gemeinsam daran, die Krautreporter-Leserschaft in Recherchen einzubeziehen. Die Mitglieder spielen eine wesentliche Rolle bei unserer journalistischen Arbeit; wir betreiben eine kollaborative Form des Journalismus. Wer Krautreporter-Mitglied ist, also ein „Abo“ abgeschlossen hat, darf Texte lesen, kommentieren oder teilen. Genossinnen oder Genossen mit Anteilen am Krautreporter-Magazin können über Zukunft und Strategie des Unternehmens mitentscheiden. Wenn jemand Mitglied wird, kann er angeben, ob man ihn kontaktieren und um seine Expertise bitten darf. Das ist Teil der Augenhöhe, auf der wir mit unseren Mitgliedern agieren. Aus dieser Datenbank schöpfen wir Expertenwissen, von dem wir bei unseren Recherchen profitieren.
Die Mitglieder spielen eine wesentliche Rolle bei unserer journalistischen Arbeit; wir betreiben eine kollaborative Form des Journalismus.
Die Krautreporter-Redaktion freut sich über Themenvorschläge von Leser:innen und über Feedback in Kommentaren. Ein bekanntes Problem im Internet ist ja, dass der Ton in den Kommentarspalten oft zu wünschen übrig lässt. Bei uns können nur die Mitglieder kommentieren – und diese tun das unglaublich konstruktiv. Ich habe mal ein zweiteiliges Interview mit einer Sexarbeiterin veröffentlicht, das 40.000 Zeichen lang war. Das wurde viel gelesen und es gab sehr nachdenkliche Reaktionen darauf.
Manchmal hat man als Freie das Problem, dass die Redaktion eine Geschichte nicht scharf genug findet. Natürlich wollen wir auch, dass unsere Texte gelesen werden, und manchmal muss man Themen zuspitzen. Aber unsere Mitglieder würden uns das gar nicht durchgehen lassen, wenn wir die Überschrift überdrehen.
In klassischen Redaktionen gilt: Die jeweiligen Chefredakteur:innen tragen die publizistische Gesamtverantwortung. Wer übernimmt diese Rolle in Ihrer Redaktion – juristisch und inhaltlich?
Neue redaktionelle Ziele werden von Teams erarbeitet, die dafür gewählt wurden. Zum Beispiel haben wir einen Action-Kreis; dieser erarbeitet unsere Ausrichtung und Ziele, woran wir zukünftig arbeiten wollen. Der Aktionsplan-Kreis gestaltet den Prozess, über den wir einen Aktionsplan finden.
Neue redaktionelle Ziele werden von Teams erarbeitet, die dafür gewählt wurden.
Und presserechtlich verantwortlich sind unsere Vorstände Leon Fryszer und Sebastian Esser.
Glauben Sie, dass eine Chefredaktion ein Auslaufmodell ist?
Das ist in jedem Fall eine Rolle, die schwierig auszufüllen ist, weil sie all die Aufgaben, die wir jetzt auf mehrere Personen verteilt haben, auf sich vereint. Ich würde nicht sagen, dass das Modell der Chefredaktion falsch ist und dass alle Redaktionen so arbeiten sollten, wie wir es tun.
Es klingt jetzt irre, aber es kann auch sein, dass wir bei Krautreporter irgendwann wieder eine Chefredaktion haben.
Wenn man als Chefredakteur:in auch noch selbst schreiben möchte, was mir damals sehr wichtig war, braucht man mehr Tage als die Woche hat. Wenn ein:e Chefredakteur:in mal krank ist, fällt das viel mehr ins Gewicht, als wenn jemand aus dem Team krank ist.
Es klingt jetzt irre, aber es kann auch sein, dass wir bei Krautreporter irgendwann wieder eine Chefredaktion haben. Denn natürlich hat es auch Vorteile, wenn Entscheidungen von einer Person oder wenigen Personen getroffen werden. Aber es ist eben auch toll, wenn die Verantwortung innerhalb des Teams geteilt wird und alle Mitarbeitenden sich für den Erfolg des Mediums verantwortlich fühlen.
