Historie

Wohl kein anderes Ressort ist so eng mit der Geschichte des neuzeitlichen Medienwesens verwoben wie der Lokaljournalismus. Und wohl kein anderes Ressort spiegelt den aktuellen Zeitgeist so umfassend wieder. Denn schon kurz nach der Erfindung der beweglichen Lettern durch Johannes Guttenberg informierten Flugblätter lange bevor die ersten regelmäßigen Zeitungen erschienen, über aktuelle, bevorstehenden Ereignisse vor Ort. Eine besondere Bedeutung kam ihnen vor allem während der Reformation und während der Zeit der Revolutionen zu. In den Tageszeitungen - als erste Tageszeitung Deutschlands gelten die Einkommenden Zeitungen aus Leipzig, die ab 1. Juli 1650 werktäglich erschienen - spielte der Lokaljournalismus zunächst eine untergeordnete Rolle. Allenfalls Hochzeitsnachrichten, Todesanzeigen und amtliche Bekanntmachung wurden in der Tageszeitung veröffentlicht.

Die Leser, welche sich eine Zeitung leisten konnten und des Lesens mächtig waren, interessierten sich mehr dafür, was in der weiten Welt geschah. Dies änderte sich erst, als sich die neuen Medien Radio und Fernsehen verbreiteten. Diese konnten sehr viel schneller auf Ereignisse reagieren und sogar live von herausragenden Ereignissen berichten. Die Tageszeitungen verlagerten die Berichterstattung zunehmend in Richtung Lokaljournalismus.

Die Blütezeit: nach dem Zweiten Weltkrieg

Dass der Lokaljournalismus nach dem Zweiten Weltkrieg eine wahre Blütezeit erlebte, hat mehrere Gründe. Maßgeblich verantwortlich dafür sind neben den politischen Entscheidungen der Besatzungsmächte auch gesellschaftliche Entwicklungen.

Politische Gründe

Nach dem Zweiten Weltkrieg benötigten Verleger eine Lizenz durch die Besatzungsmächte, um eine Zeitung herausgeben zu dürfen. US-Amerikaner, Briten und Franzosen wollten dadurch verhindern, dass die als politisch belastet geltenden Herausgeber, die während des Dritten Reiches Zeitungen publiziert hatten, weiterhin eine Rolle in der Medienlandschaft spielten. Diese galten in Bezug auf die Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda als vorbelastet. Die USA begannen schon vor Kriegsende mit den Vorbereitungen, Deutsche Zeitungen zu lizenzieren, indem sie die Druckerei beschlagnahmten in welcher zuvor der Aachener Anzeiger produziert worden war. Die erste Zeitung, die im Nachkriegsdeutschland erschien, waren deshalb die Aachener Nachrichten, die seit 24. Januar 1945 erscheinen. Weitere Lizenzen folgten für die Braunschweiger Zeitung, die Stuttgarter Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, das Badener Tagblatt, die Saarbrücker Zeitung und den Südkurier. Diese Lizenzpflicht endete am 21. September 1949.

Gesellschaftliche Gründe

In den Vorkriegsjahren herrschte nur eine geringe Mobilität unter der Bevölkerung Deutschlands. Die Menschen lebten in unmittelbarer Nähe zu ihrem Arbeitsplatz, kannten sich untereinander und waren bestens darüber informiert, was sich in ihrer Nachbarschaft ereignete. Das änderte sich durch die Ströme an Flüchtlingen aus den einstigen Ostgebieten des Deutschen Reiches. Deutsche, die aus polnischen und tschechischen Regionen stammten, flohen vor der sowjetischen Besatzungsmacht und ließen sich im Westen nieder.

Zudem mussten vor allem in den Jahren des Wirtschaftswunders zahlreiche Arbeitnehmer zu ihren Arbeitsplätzen pendeln oder mit ihren Familien umziehen. Sie waren ebenso, wie die sogenannten Aussiedler, in ein gesellschaftliches Umfeld eingebettet, in dem sie erst Kontakte schaffen mussten. Doch weil sie sich natürlich ebenfalls informieren wollten, entstand ein Markt für Lokaljournalismus.

Lokalzeitungen schließen sich zusammen

Bei den Zeitungsgründungen in den ersten Nachkriegsjahren, vor allem nachdem die Lizenzpflicht gefallen war, handelte es sich zum größten Teil um Lokalzeitungen. Diese konnten sich jedoch vor allem in kleinen und überschaubaren Wirtschaftsräumen nicht allzu lange auf dem Markt behaupten: Die Leser verlangten von ihrer Zeitung nicht nur Berichte aus dem Lokalen, sondern wollten auch über das Weltgeschehen informiert werden. Die Produktion eines Mantelteils lohnte sich für sie wirtschaftlich nicht, zumal das Verbreitungsgebiet auch für viele Anzeigenkunden zu klein war, als dass sich Inserate gelohnt hätten. Der Großteil der Lokalzeitungen wurde entweder von größeren Konkurrenten aufgekauft oder die Herausgeber schlossen sich zu einem größeren Verbund zusammen. Zwar erscheinen sie bis heute unter ihrem alten Namen, es handelt sich dabei aber um sogenannte Kopfblätter. Bei diesen wird der Mantelteil vom Hauptblatt produziert, während der Lokalteil noch eigenproduziert wird.

Anzeigenblätter beleben den Lokaljournalismus

Eine wesentliche Belebung erlebte der Lokaljournalismus durch den Gründungsboom an Anzeigenblättern ab 1970. Im Gegensatz zu Tageszeitungen finanzieren sich Anzeigenblätter ausschließlich über Werbung und werden gratis an nahezu alle Haushalte in ihrem Verbreitungsgebiet kostenlos verteilt. Damit erreichen Anzeigenblätter nahezu die gesamte Bevölkerung. In erster Linie nutzen die Leser von Anzeigenblättern vor allem als Informationsquelle für Konsumtipps, wie eine aktuelle Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie 2013 ergab. Der redaktionelle Teil ist für viele Leser von Anzeigenblättern ein willkommenes Zusatzangebot.

Lokaljournalismus in der Krise?

Die Krise der Tageszeitungen, die sich etwa seit Anfang der 1990er Jahre abzeichnet und mit der Insolvenz der Frankfurter Rundschau 2013 einen dramatischen Höhepunkt erlebte, wird gern mit einer Krise des Lokaljournalismus gleichgesetzt. Diese Argumentation greift allerdings viel zu kurz, denn geändert hat sich schlicht und einfach das Nutzerverhalten. Die morgendliche Zeitungslektüre ist vor allem für die jüngere Generation kein liebgewordenes Ritual, das zum Tagesablauf gehört. Sie beziehen ihre Informationen aus anderen Quellen wie dem Lokalradio, dem Regionalfernsehen, aus Stadtmagazin oder seit einigen Jahren eben aus dem Internet. Tageszeitungen erleben wie alle Medien generell einen Strukturwandel, durch den sie gezwungen sind, sich an die geänderten Nutzergewohnheiten anzupassen.

Die Krise als Chance sehen?

Für die etablierten Zeitungen, die neben rückläufigen Anzeigengeschäft und sinkenden Verkaufszahlen - im Schnitt sank die Auflage um etwa zwei Prozent pro Jahr - kämpfen, hat diese Entwicklung dramatische Folgen: Während die Erlöse im Vertrieb sinken, erzielen sie niedrigere Erlöse im Anzeigengeschäft. Der Grund: Der Anzeigenpreis orientiert sich an der Auflage.

Die etablierten Medien haben darauf reagiert, indem sie ihre Online-Präsenz massiv ausgebaut haben. So ist die Schweriner Volkszeitung seit dem 5. Mai 1995 im Internet vertreten. Mittlerweile gibt es kaum ein Medium, das darauf verzichten kann. Obwohl meist nur ein Teil des Angebotes eingesehen werden kann und die User entweder ein Abonnement brauchen oder bezahlen müssen, wenn sie die Artikel komplett lesen wollen, ist es noch keinem Verlag gelungen, ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept zu entwickeln.


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