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Filmkritik zu Cover-Up: „Niemand mag den Boten“

14.01.2026 Dobrila Kontić
Titelillustration: Esther Schaarhüls

Der zuletzt in Verruf geratene Investigativjournalist Seymour Hersh ist bekannt für seine folgenreichen Recherchen und steht im Mittelpunkt des äußerst sehenswerten Dokumentarfilms Cover-Up von Laura Poitras und Mark Obenhaus.

Aufeinandergestapelte, akkurat etikettierte Aktenkartons neben Bergen von wild beschriebenen gelben Notizblöcken. Dazwischen eine abgegriffene Aktentasche aus Leder, aus der dieser ältere Mann noch mehr handschriftliche Notizen hervorholt: Der 88-jährige US-Journalist Seymour Hersh veröffentlicht seine Artikel inzwischen nur noch digital auf der Plattform Substack, doch dem Papier ist er treu geblieben, wie die Interview-Passagen in Cover-Up, dem Dokumentarfilm von Laura Poitras und Mark Obenhaus, verdeutlichen.

Seinen Durchbruch hatte Hersh mit seiner 1969 veröffentlichten Enthüllung über das von US-Soldaten verübte Mỹ Lai-Massaker während des Vietnamkriegs. In den kommenden Jahrzehnten untersuchte er investigativ unter anderem haarsträubende CIA-Machenschaften im In- und Ausland, die Watergate-Affäre und die Geschäftspraktiken vom Konglomerat Gulf and Western Industries, bevor er 2004 mit seinem Bericht über die Folterpraktiken im Abu-Ghuraib-Gefängnis während des Irak-Kriegs erneut die US-Führung in Erklärungsnot brachte. All das schien jedoch in Vergessenheit geraten zu sein, als Hersh 2023 das Ergebnis seiner Recherchen zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines auf Substack veröffentlichte und damit in den USA und Deutschland zugleich in Verruf geriet. Cover-Up ist dennoch weniger als Verteidigungs-, sondern vielmehr als Gegenrede zu verstehen, die zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit Hersh und seiner Arbeit einlädt.

Frühe Skepsis gegenüber offiziellem Narrativ

Klugerweise ist Cover-Up dabei keiner strengen Chronologie verpflichtet,

Der Journalist Seymour Hersh sitzt in diesem Szenenbild aus dem Dokumentarfilm "Cover Up" mit handgeschriebenen Notizen an einem Schreibtisch.
© Netflix
Von Akten und handgeschriebenen Notizen umgeben: Die 88-jährige Reporterlegende Seymour Hersh in Cover-Up (2025). Die Netflix-Dokumentation setzt sich differenziert mit der Arbeit des zuletzt in Verruf geratenen US-Investigativjournalist auseinander.

sondern eröffnet zunächst mit kurzen Impressionen zum Nervengas-Vorfall in Skull Valley (Utah), bevor sich der Dokumentarfilm seinem Herzstück widmet, auf das immer wieder Bezug genommen wird: die Enthüllungen über das Mỹ Lai-Massaker im Jahr 1968, dem mehr als 500 vietnamesische Zivilisten zum Opfer fielen. Den Hinweis zu diesem bis dato der Öffentlichkeit unbekannten Kriegsverbrechen erhielt Seymour Hersh, so erzählt er es in Cover-Up, per Anruf von einem Unbekannten. Zu diesem Zeitpunkt war Hersh Freiberufler, nachdem er seine Anstellung als Pentagon-Korrespondent für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) gekündigt hatte. Der Job habe laut Hersh ohnehin nur daraus bestanden, für die Agentur das niederzuschreiben, was in der Pressekonferenz von Pentagon-Angehörigen über den Vietnamkrieg verlautbart wurde.

Auf eindrucksvolle Weise legt dieses erste Kapitel von Cover-Up Verhaltensweisen von Seymour Hersh dar, die im weiteren Verlauf seines beruflichen Lebens zum Muster werden: Eine frühe Skepsis gegenüber dem offiziellen Narrativ, das der Presse präsentiert wird, paart sich mit einer geringen Frustrationstoleranz gegenüber den ihm von etablierten Medien gesetzten Grenzen. Als Schlupfloch erkennt Hersh in diesen frühen Reporterjahren jedoch die Hinwendung zu gesprächsbereiten Angehörigen öffentlicher Institutionen. So ging Hersh während seiner Zeit im Pentagon nicht etwa mit seinen Journalisten-Kollegen, sondern vorzugsweise mit jungen Offizieren zum Mittagessen – und diese zeigten sich bald auch über den üblichen Small Talk hinaus redselig.

Beeindruckende Archivarbeit

Um den von Hersh geschilderten Rechercheweg bis zur schrittweisen Aufdeckung des Massakers in all seinem Ausmaß zu bebildern, greift Cover-Up auf einen reichhaltigen Fundus an Archivmaterial zurück. Hierfür hat die Produzentin Olivia Streisand unzählige historische Videoaufnahmen und Fotos zusammengestellt. Zudem durfte sie auf das Dokumentenarchiv von Seymour Hersh zurückgreifen. Wie Poitras und Obenhaus im Interview mit dem Slant Magazine offenbarten, haben sie anschließend drei Monate damit zugebracht, dieses Material zu sichten und zu schneiden. Erst dann wagten sie sich an die sorgsam vorbereiteten Interviews mit Hersh, die auf insgesamt fast 100 Stunden Videomaterial hinausliefen, wie Obenhaus gegenüber dem Filmmagazin Hammer to Nail erklärte.

Im Ergebnis fügen sich die zeithistorischen Aufnahmen über den Vietnamkrieg mit Hershs aus der Gegenwart heraus formulierten Erinnerungen in Cover-Up scheinbar mühelos zusammen. Die passende Untermalung liefert dazu düster-sphärische Musik. Auch diejenigen, denen das Mỹ Lai-Massaker in seinem gesamten Ausmaß an Brutalität und Grausamkeit bereits bekannt ist, werden einige der von Hersh sowie von Beteiligten und Überlebenden geschilderten Details nur schwer ertragen können. Ein schwacher Trost mag es sein, dass Zeugen seitens der US-Armee überhaupt bereit waren, Hersh über ihre Befehle und Beobachtungen Auskunft zu erstatten und sich anschließend auch den TV-Kameras zu stellen. „Diese Geschichte konnte man nicht vermasseln. Man musste ihr nur freien Lauf lassen“, erinnert sich Hersh an dieser Stelle fast schon bescheiden zurück.

 

Porträt eines Journalisten und seiner Zeit

Von diesem finsteren Kapitel der US-Geschichte geht Cover-up für kurze Zeit in Hershs in Chicago verbrachte Kindheit und Jugend bis zu seinen allerersten Anfängen im Journalismus zurück. Im Anschluss wird sein Werdegang nach der Berichterstattung über Mỹ Lai aufgefächert: Sechs Jahre lang ist er bei der New York Times angestellt. In dieser Zeit wird er vom Chefredakteur auf die Weiterverfolgung der von Carl Bernstein und Bob Woodward enthüllten Watergate-Affäre angesetzt. Woodward selbst ist einer der wenigen ausgewählten Weggefährten von Hersh, die von Poitras und Obenhaus ebenfalls für Cover-Up interviewt wurden. Ein weiterer ist Jeff Gerth, der mit Hersh an einem kritischen Bericht über das Konglomerat Gulf and Western Industries recherchierte und hautnah mit dabei war, als sich Hersh hierüber mit der Redaktionsleitung der New York Times zerstritt und schließlich kündigte. Trotzdem ließ Hersh, seitdem meist als Freiberufler tätig, nicht von seinen investigativen Recherchen ab, die ihn in der Gegenwart etwa das Interview unterbrechen lassen, um mit Quellen aus Gaza zu telefonieren.

Cover-Up zeigt im Folgenden die enorme Dichte von Themen historischer Bedeutung und Brisanz, die Hersh in den Dekaden seiner beeindruckenden Laufbahn bearbeitet hat. Dabei kommt mitunter der Wunsch auf, dieser Dokumentarfilm hätte sich mehr als die knapp zweistündige Laufzeit genommen, um noch intensiver auf die einzelnen Enthüllungen von Hersh eingehen zu können. Doch dem lief Laura Poitras’ Ziel zuwider, das sie dem Slant Magazine verriet: „Ich betrachte dies als Porträt, aber es ist auch in hohem Maße eine Geschichte der Vereinigten Staaten.“ Und tatsächlich geht dieser Plan in ihrem Film auf. Denn mit jeder von Hershs Enthüllungen wird nicht nur ein weiteres wenig ruhmreiches Kapitel in der US-Geschichte offengelegt, sondern auch das sich stetig wiederholende Muster aus verdeckten Sabotageaktionen, Öffentlichkeitstäuschung und – wie der Titel schon sagt – Vertuschung durch die jeweilige US-Führung.

Cover-Up zeigt […] die enorme Dichte von Themen historischer Bedeutung und Brisanz, die Hersh in den Dekaden seiner beeindruckenden Laufbahn bearbeitet hat.

Zwischen berechtigter Kritik und Diffamierung

Nichtsdestotrotz verkommt Cover-Up niemals zu einer Beweihräucherung von Seymour Hersh, der spätestens seit der Jahrtausendwende von Journalisten-Kollegen immer kritischer betrachtet wird. Ein Grund dafür ist beispielsweise, dass er bei der Arbeit an seinem Buch The Dark Side of Camelot über den Kennedy-Clan auf einen gefälschten Beleg zur Affäre zwischen Marilyn Monroe und John F. Kennedy hereinfiel. Ein anderer sind seine Fehl-Interpretationen zu den Sarin-Angriffen in Syrien 2013. Beide Fälle werden in Cover-Up thematisiert und Hersh räumt zerknirscht ein, sich getäuscht zu haben. Anders verhält es sich aber, als ihn Obenhaus und Poitras kritisch zu seiner Recherche über die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines befragen: Weiterhin besteht er darauf, dass er eine zuverlässige Quelle habe, und bestreitet, mehr als diese zu benötigen.

Nichtsdestotrotz verkommt Cover-Up niemals zu einer Beweihräucherung von Seymour Hersh, der spätestens seit der Jahrtausendwende von Journalisten-Kollegen immer kritischer betrachtet wird.

An dieser Unterwanderung des Zwei-Quellen-Prinzips störten sich zahlreiche US- ebenso wie deutsche Medien. Sie zogen über Seymour Hersh mitunter als „raunenden Schriftsteller“ (Zeit Online) her, ließen ihm ein „Altersproblem“ bescheinigen (Deutschlandfunk) oder verwiesen darauf, dass lediglich „Apologeten des Kreml“ seinen Artikel teilten (Handelsblatt Online). Auf differenzierte Weise analysierte Friedemann Vogel für Übermedien Hershs Verfehlungen, aber auch diese Medienresonanz wiederum als Ergebnis eines „Haltungsjournalismus“, der sich „mehr an Gruppenzugehörigkeit (wer gehört zur ‚Freund-‘, wer zur ‚Feind-Fraktion‘) denn an Informations- oder Argumentationsqualität orientiert.“

Ein Pulitzer-prämierter Außenseiter

Wenn es um die angesprochene Gruppenzugehörigkeit geht, macht Cover-Up eins unmissverständlich deutlich: Seymour Hersh ist trotz seiner Auszeichnung mit dem Pulitzer-Preis ein Außenseiter im Journalismus – und dies sehr wahrscheinlich aus Überzeugung. Schon in seinem Artikel über den Nord-Stream-Sabotageakt warf er kritisch die Frage auf, warum keine größere amerikanische Zeitung nach der Sprengung der Pipelines den damaligen US-Präsidenten Biden über sein zuvor abgegebenes öffentliches Statement befragt habe, Nord Stream 2 im Fall einer russischen Invasion „ein Ende zu setzen“. Auch in Cover-Up hat Hersh für die US-Medien einiges an Kritik übrig. Diese äußerte er schon in früheren öffentlichen Auftritten, wie etwa: „In Amerika herrscht nicht wirklich Zensur, aber die Presse zensiert sich selbst.“

Seymour Hersh ist trotz seiner Auszeichnung mit dem Pulitzer-Preis ein Außenseiter im Journalismus – und dies sehr wahrscheinlich aus Überzeugung.

Kritik an seiner Person erträgt der zum Aufbrausen neigende Journalist erstaunlich gefasst, wie Aufnahmen aus zurückliegenden Fernseh- und Radioauftritten in Cover-Up immer wieder zeigen. In einem davon wirft ihm ein erzürnter Anrufer in einer Live-Sendung nach seinen Enthüllungen zum Abu-Ghuraib-Folterskandal „Scheinheiligkeit“ vor. „Niemand mag den Boten“, entgegnet Hersh knapp. Denn ein Bote will er sein – koste es, was es wolle, so scheint es: Eine wichtige Story nicht anzugehen, Hinweisen nicht zu folgen, Informationen zurückzuhalten – dies kristallisiert sich in diesem sehr empfehlenswerten und leider auch in vielfacher Weise brandaktuellen Film heraus – stellt für Seymour Hersh auch im fortgeschrittenen Alter keine Option dar. Ebenso ist eine solche  journalistische Hartnäckigkeit für eine wirklich aufgeklärte Öffentlichkeit, wie sie die Demokratie fordert, unverzichtbar.


Cover-Up
Dokumentarfilm
USA 2025. 117 Min.
Regie: Laura Poitras, Mark Obenhaus
Kamera: Mia Cioffi Henry
Mitwirkende: Seymour Hersh, David Obst, Bob Woodward, Jeff Gerth, Max Friedman, Amy Davidson Sorkin

Der Film ist seit 26. Dezember 2025 auf Netflix verfügbar.


Dobrila Kontić

Die Autorin Dobrila Kontić hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK) studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Film- und Serienkritikerin in Berlin.

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