Alle meine Mörder: Journalist Erich Follaths Galerie an Gewalttätern
Arafat, Mobutu, Pol Pot: Reporterlegende Erich Follath hat mit Menschen gesprochen, die der Rest der Welt meist nur aus den Geschichtsbüchern kennt. Im Buch Alle meine Mörder versammelt der Journalist und Sachbuchautor einige seiner Recherchen und interessantesten Interviewpartner:innen zu einer spannenden Geschichtsstunde.
1977. Erich Follath ist damals Reporter beim Stern und will nach Zaire reisen, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, wo seit März Krieg herrscht. Im Land regierte Mobutu Sese Seko mit eiserner Hand, Journalisten erhielten keine Aufenthaltserlaubnis. Doch der Stern „wollte sich diesen Maulkorb nicht aufzwingen lassen“ und ermutigte zu Recherchen, wie Follath in seinem Buch Alle meine Mörder. Erlebnisse mit einigen der schlimmsten Tyrannen unserer Zeit anmerkt. „Wir hielten es für wichtig, dass ein solcher Krieg, auch und gerade wenn er sich etwas außerhalb des zentralen Interesses der Weltöffentlichkeit abspielte, von unabhängigen Zeugen beobachtet wurde“, heißt es weiter. Der junge Journalist reiste in Begleitung seines Freundes und Fotografen-Kollegen Régis Bossu ins benachbarte Sambia, wo sie sich mit dem zairischen Botschafter trafen. Dank des offiziellen Visums fühlten sie sich sicher und passierten ohne Probleme die Grenze – doch schon wenig später ist das Abenteuer zu Ende.
„Alle Journalisten sind Spione“
Das Duo wird trotz gültiger Visa verhaftet und in eine Zelle verfrachtet. Es folgen Verhöre mit der immer wiederkehrenden Frage: „Wie nennt man es, wenn man in ein fremdes Land eindringt und die Menschen dort auskundschaften will?“ Das Wort Spion und Spionage darf unter keinen Umständen fallen, so Follath, und er erzählt von seinen Gedanken: „Immer wieder überlege ich (…), wie ich wohl reagieren würde, wenn sie mich auch foltern würden wie die afrikanischen Mithäftlinge (…).“ Es kommt anders. Follath und Bossu werden in einem Scheinprozess zum Tode verurteilt – doch „Dank der unermesslichen Gnade des Präsidenten Mobutu Sese Seko würden wir ,nurʻ des Landes verwiesen“. Nachdem der Journalist wohlbehalten in Deutschland angekommen ist, kontaktiert er die Botschaft Zaires und bittet um ein Interview mit dem Präsidenten Mobutu – Antwort erhält er keine.
Doch Follath gibt nicht auf und stellt jedes Jahr eine Interviewanfrage, bis er 1990 überraschend eine Zusage erhält … Als sich Mobutu und der einst zum Tode verurteilte Journalist nach 13 Jahren endlich gegenüberstehen, ergeht sich der Präsident darin, seine Errungenschaften für Zaire zu loben. Doch Follath ist kein Freund weichgespülter Einstiegsfragen: „Herr Präsident, im Westen sieht man Ihr Land ganz anders. Sie gelten als brutaler Gewaltherrscher. Würden Sie denn bestreiten, dass Sie Zaire diktatorisch regieren?“ Mobutu reagiert aufgebracht … und konstatiert wenig später: „Alle Journalisten sind Spione.“ 2026 stellt Follath im Gespräch mit Nicole Köster vom SWR fest, dass die Reise von 1977 in Anbetracht der damaligen Lage wohl doch „ein zu großes Risiko“ gewesen sei. Das Buch liefert Aufschluss über die zahlreichen Interventionen, die die Freilassung unterstützten, darunter die des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt und die des Vatikans.
Auf der Suche nach dem Tyrannen-Gen
In 13 Kapiteln erzählt Follath von unterschiedlichen Begegnungen, nur wenige Schwarzweiß-Fotos illustrieren den Text. Der Autor schreibt über das philippinische Diktatoren-Paar Ferdinand und Imelda Marcos, Muammar al-Gaddafi, Pol Pot, Mahmud Ahmadinedschad oder den Frauenmörder Jack Unterweger sowie gescheiterte Selbsmordattentäter:innen. Seine Porträts basieren auf intensiven Recherchen und Artikeln, die in unterschiedlichen Medien wie Stern, Spiegel oder Die Zeit während seiner rund 50-jährigen Journalistenkarriere erschienen sind. Die Texte im Buch hat Follath allesamt um aktuelle Informationen ergänzt und neu eingeordnet, stets auf der Suche nach dem Verbindenden zwischen seinen Figuren. Doch das finale Tyrannen-Gen haben weder er noch der amerikanische Psychoanalytiker Jerrold Post finden können. Diesen interviewte Follath für eine Geschichte für Die Zeit (Z+) zu dessen Spezialgebiet: Diktatoren-Psychogramme.
Der Versuch, zu ergründen, was die Tyrannen, Mörder und Diktatoren eint, scheitert zwar, doch dem Lesevergnügen – sofern man es bei derartiger Thematik so bezeichnen darf – tut dies keinen Abbruch. Seine oft schwierigen Interviewpartner:innen hat sich Follath selbst ausgesucht, wie er schreibt. Das Angebot der Stern-Redaktion nach der Zaire-Rückkehr, weniger harte Themen zu behandeln, lehnt er ab. Doch Ausflüge in die Welt der Kultur oder des Sports genießt er. Die Gespräche waren „manchmal erhellend, oft erschütternd, gelegentlich auch frustrierend bis hin zum Scheitern“. Verblüfft habe ihn die „Selbstgerechtigkeit der Diktatoren, ihre oft triumphierend zur Schau gestellte Überzeugung, das Richtige zu tun“, heißt es im Vorwort.
Täter und Betroffene
Aufgrund Follaths Art zu erzählen und seiner tiefgehenden Recherchen im persönlichen Umfeld seiner „Mörder“ gerät das Buch zu einer Geschichtsstunde, die wichtige historische Ereignisse und Personen beleuchtet. So verknüpft er in Kapitel 5, „Der Menschenversenker“, die Lebensgeschichte des Kriegsverbrechers Ratko Mladić mit dem Schicksal einer Überlebenden: „Kada Hotić stand damals ganz nah bei ihm, auf Tuchfühlung. Ihre ganze Hoffnung konzentrierte sich auf diesen Mann, der dann ihr Leben für immer zerstören solle. Auf Radko Mladić.“ Noch heute engagiert sie sich in dem mit anderen Opfern gegründeten Verein „Die Mütter von Srebrenica“ und kämpft gegen das Vergessen. Auch in Kapitel 11, „Der Unmensch“, nähert sich Follath in sieben kurzen Porträts Menschen an, die besonders unter Pol Pot, dem kambodschanischen Diktator, gelitten haben oder ihm nahestanden. Die Porträts zeigen das ambivalente Verhältnis zwischen Täter, Mitläufern und Opfern sowie die gegenseitigen Abhängigkeiten auf. Der Autor beschreibt die Position der Interviewpartner wie jene des Folter-Fotografen Nhem En, der als „Dokumentarist des Schreckens“ Bilder der todgeweihten Häftlinge machte. Wie er damit umging? „Ich sah nur die Motive. Ich musste das Berufliche von den Gefangenen und ihren Schicksalen trennen. Anders ging es nicht.“ Follath schaut hin und zeigt die Ambivalenz bei manchen, bei anderen den Unwillen zu erkennen, was sie getan haben.
„Ich werde Journalist …“
Die Frage, woher das Interesse am Journalismus kam, beantwortet Follath mit einer Anekdote. Ob es die Mitarbeit bei der Schülerzeitung oder pubertäre Aufsässigkeit war, tut hier nichts zur Sache, doch als der Schüler Follath bei einer schriftlichen Prüfung im Fach Chemie mit „nicht genügend“ beurteilt wird, muss er nach vorne an die Tafel. Auf die Frage des Lehrers, was er denn einmal werden wolle, antwortet er selbstbewusst: „Ich werde Journalist und Chemie brauche ich dazu nicht.“ Nach dem Studium der Germanistik und der Politikwissenschaft besucht er die Deutsche Journalistenschule in München. Als Volontär merkt er rasch, dass Radio und Fernsehen nicht seine Stärke sind, das „Schreiben lag mir sehr viel mehr“.
Doch auch andere Berufe konnte Follath sich vorstellen; so wollte er einst Fußball- oder Schachprofi werden. Die Kenntnis des Brettspiels sorgte auch in seiner beruflichen Karriere für Überraschungen: „Das Schöne am Journalistenberuf ist ja, dass man sich auch ungewöhnliche Träume erfüllen kann. Beispielsweise den Traum, die beiden besten Schachspieler der letzten Jahrzehnte um eine Partie zu bitten. (…) Ein Selbstversuch. Klar, ich habe keine Chance, aber wie nutze ich sie?“, schreibt Follath in einem Spiegel-Artikel. So führte er nicht nur ein Gespräch mit dem norwegischen Schachweltmeister Magnus Carlsen sowie dem Ex-Weltmeister Garri Kasparow, sondern spielte auch je eine Partie gegen die beiden Großmeister.
Schach öffnet Follath im Jahr 1978 auch die Tür zu Menachem Begin. Der damalige israelische Ministerpräsident war dafür bekannt, deutsche Interviewanfragen konsequent zu verweigern. Doch auf dem Flug von Tel Aviv nach New York hat der Journalist einen Plan. Als sich der Premier mit seinem Buch zu langweilen beginnt, bietet der Journalist dem Staatsmann ein Spiel an. Nach zwei Partien unterhalten sich die Männer unter vier Augen über Politik. Follath erinnert sich: „Was er vom Westen erwartet (wenig), was er von einem palästinensischen Staat hält (gar nichts). ,Aber Sie zitieren mich bitte nicht.ʻ Ein großes Vertrauen, ein erstaunliches Entgegenkommen, für das ich nur eine Erklärung habe: Er sieht mich in diesem Moment nicht mehr als Journalisten, schon gar nicht mehr als Deutschen.“
Tops und Flops
Im Nachwort berichtet der Autor noch von Tops und Flops seiner journalistischen Karriere. Unter anderem von einer nicht publizierten Mörderstory, die ihn 1977 auf die Malediven führte. „Es waren die Zeiten der journalistischen Großzügigkeit, in denen Finanzen, zumindest beim Stern, keine große Rolle zu spielen schienen.“ Immer wieder schimmert durch, wie anders früher gearbeitet wurde; auch sei es einfacher gewesen an die Interviewpersonen heranzukommen, wie Follath im SWR-Interview angibt.
Doch nicht immer läuft alles nach Plan. Das gemeinsam mit einem Nahostkorrespondenten des Spiegel, bei dem der Autor mittlerweile tätig ist, geführte Interview mit Jassir Arafat, dem damaligen Chef der dem Palestine Liberation Organization (PLO), ist schon nach der Einstiegsfrage beendet. „Wie abgesprochen beginnt der Kollege: ,Herr Präsident, Ihre Regierung steht international, aber auch bei der palästinensischen Bevölkerung in der Kritik, sie gilt als sehr korrupt.ʻ Arafat reagiert aufgebracht. ,Das ist eine Verleumdung!ʻ “ Der wütende Arafat überlegt kurz – steht auf und geht. Und kehrt nicht zurück.
Blick ins Nachbarland
Im Kapitel 4 „Der Lustmörder“ thematisiert Follath unter anderem die Verstrickungen des Frauenmörders Jack Unterweger mit den österreichischen Medien. Der Häfen-Literat – „Knast-Schriftsteller“ – „wird bejubelt und hofiert wie ein Popstar. Auf Partys herumgereicht und in den Medien als ,Experteʻ herangezogen.“ So darf Unterweger, der sich dandyhaft im weißen Anzug inszeniert, in der Talkshow „Club 2“ im ORF als Fachmann zum Thema Resozialisierung sprechen. Doch die Glamour-Zeit dauert nicht allzu lange. Bald verliert man das Interesse am Ex-Häftling und bemerkt obendrein, dass er eigentlich nicht schreiben kann.
Follath, der in Interviews zu seiner Person und der Neuerscheinung überlegt, feingeistig und sanft wirkt, ist vermutlich nur schwer aus der Fassung zu bringen. Doch die Einstellung des ehemaligen Privatsekretärs Pol Pots Tep Khunnal, den er 2025 trifft, empört den Autor spürbar. Khunnal, der nach dem Ableben des Diktators dessen Witwe ehelichte und für die Tochter Pol Pots sorgte, bezeichnet den kambodschanischen Massenmörder in einem verstörenden Interview mit Follath noch heute als „bedeutenden Mann“ und „umsichtigen Herrscher“, von den Killing Fields will Khunnal nichts gewusst haben. Der Zorn des Reporters wird in diesem Zeit-Artikel (Z+) kurz deutlich – in Alle meine Mörder ist davon nichts zu spüren. Nicht umsonst sagt er, den Zorn gäbe es, doch sei er kein idealer Begleiter bei seinen Interviews.
Fazit
Erich Follath hat in Alle meine Mörder einige seiner wichtigsten Interviewpartner:innen zwischen zwei Buchdeckel gepackt und präsentiert eine Rückschau auf sein Reporterleben. Die spannend erzählten Beschreibungen der brutalen Machthaber, ihrer Opfer und der autoritären Systeme bieten Orientierung und helfen, das Entstehen und Erstarken derartiger Machtstrukturen besser zu verstehen. Auch heute tätige Reporter:innen können aus diesem Werk einiges über journalistische Vorgehensweisen, die notwendige grundlegende persönliche Einstellung und Haltung mitnehmen.

Der Autor Erich Follath, 1949 im schwäbischen Esslingen geboren, studierte Germanistik und Politikwissenschaft und promovierte 1974 über Internationale Rundfunksysteme. Nach dem Studium absolvierte er die renommierte Deutsche Journalistenschule in München und begann nach einem Volontariat als Reporter beim Stern, für den er 1979 über den Umsturz im Iran berichtete. 1994 wechselte er zum Spiegel und übernahm das Auslandsressort. Seit 2017 schreibt er als Kolumnist und Korrespondent für Die Zeit und berichtet über seine Spezialgebiete Zentralasien, China und Nahost. Follath verfasste zahlreiche Sachbücher, sein 2007 veröffentlichtes Buch „Das Vermächtnis des Dalai Lama“ wurde zum Bestseller. Während seiner 50-jährigen Reporterkarriere reiste er um die ganze Welt und interviewte eine Vielzahl von bedeutenden Persönlichkeiten.
Das Buch:
Titel: Alle meine Mörder. Erlebnisse mit einigen der schlimmsten Tyrannen unserer Zeit
Autor: Erich Follath
Preis: 26,00 € (D)
Umfang: 256 Seiten; Hardcover
Erscheinungsjahr: 2026
Verlag: Picus Verlag
ISBN: 978-3-7117-2169-3
