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Christopher Walken muss raus

03.09.2025 Gunter Becker
Titelillustration: Esther Schaarhüls


Eine Rezension zur Dokumentation „We all bleed red“ über den Fotografen Martin Schoeller.

Der Magazin- und Porträtfotograf Martin Schoeller ist mit großformatigen Close-ups prominenter Politiker:innen, Filmstars und Sportler:innen weltweit bekannt geworden. Gleichzeitig fotografiert er Obdachlose, sexuelle und geschlechtliche Minderheiten oder ehemalige Todeszellen-Insassen. Mit deren Fotos und Geschichten macht er die Öffentlichkeit auf die Situation dieser Menschen aufmerksam. Die Dokumentation „We all bleed red“ zeigt Schoeller bei der Arbeit. Der Film begleitet ihn bei seinen Shootings und im Alltag, dokumentiert seine Arbeitsweise, aber auch seine persönlichen Überzeugungen und wirft Schlaglichter auf die Porträt-, Werbe- und Magazinfotografie. Eine Rezension des Films, ergänzt mit Wortmeldungen des Fotografen.

Martin Schoeller schmeißt Promis aus seiner Ausstellung. Bei einer Vorab-Begehung seiner Show mit großformatigen Close-ups fällt ihm auf, dass die Ausstellungs-macher:innen fast ausschließlich Bilder bekannter Zeitgenoss:innen aufgehängt haben. Das stört ihn: „Ich sage, ich stelle alle auf eine Plattform, und habe keine Nicht-Berühmten? … Es klingt verrückt, aber ich denke, wir können Christopher Walken rausnehmen“, schlägt Schoeller dem Kurator vor.

Dann durchsucht er selbst die angelieferten, aber nicht ausgestellten Bilder nach Nicht-Promis, um schließlich Hollywoodstar Christopher Walken von der Wand zu nehmen und durch das Close-up eines unbekannten afroamerikanischen Mannes zu ersetzen. Den hängt er zwischen die Popstars Peter Maffay und Celine Dion.

Fotografie als demokratische Plattform

Diese Szenen aus Josephine Links Doku „We All Bleed Red“ (Verleih Salzgeber) über den Fotografen Martin Schoeller enthüllen gleich mehrere interessante Dinge über ihren Protagonisten.

Seine Arbeit sieht Schoeller als eine mediale Plattform, auf die er Menschen gleichberechtigt nebeneinanderstellt, unabhängig von ihrer öffentlichen Bedeutung und ihrer individuellen Bekanntheit.  Er ist ein Hands-on-Typ, immer in Bewegung und ständig die Perspektive wechselnd. Außerdem vermeidet er Starallüren und Attitüden, anders als viele andere Medien-Celebritys. Diese Beobachtungen macht der Zuschauer immer wieder während der eineinhalbstündigen Dokumentation über Schoeller, die gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist.

Seine Arbeit sieht Schoeller als eine mediale Plattform, auf die er Menschen gleichberechtigt nebeneinanderstellt, unabhängig von ihrer öffentlichen Bedeutung und ihrer individuellen Bekanntheit.

Das Filmprojekt ist eine echte „Family Affair“: Regisseurin Josephine Links ist eine Stiefschwester des Fotografen. Die Bildgestaltung hat ihr Ehemann Martin Links gemacht und im Film tauchen immer wieder Schoellers Frau und sein Sohn auf.

Bei biografischen Filmen über Fotograf:innen sind die Foto- und die Filmkamera oft Konkurrentinnen. Das Foto war zuerst da, aber der Film hat seine eigenen Ambitionen. Martin Links‘ Kamera löst das Problem unaufwendig: Oft beobachtet sie Schoeller in einer Arbeitsperspektive, hinter oder neben ihm. Dann wieder bildet sie Schoellers Fotos frontal 1:1 ab, zum Beispiel die Close-ups, die ihn berühmt gemacht haben.

Close-ups und inszenierte Promibilder als Markenzeichen

Für diese Werkgruppe – in Deutschland erschienen einzelne Bilder daraus im Stern – richtet Schoeller seine Kamera akkurat und genau auf die (mit dem Maßband ausgemessene) Augenhöhe seiner Modelle aus, siebzig Zentimeter entfernt von ihrer Nasenspitze. Dazu setzt er ein hartes Neonlicht, das jedes Detail enthüllt. Für den Betrachter schafft er so einen sehr direkten, intimen Augenkontakt mit den Porträtierten. „Die ehrliche Sekunde“, wie Schoeller den Moment der Aufnahme nennt. Zahlreiche Prominente haben sich Schoellers „Sekunde“ inzwischen ausgeliefert, darunter Barack Obama und Angela Merkel.

© Salzgeber
Der ehemalige US-Präsident Barack Obama ist nur eine von zahlreichen Persönlichkeiten, die Martin Schoeller im für ihn typischen Close-Up-Format fotografiert hat.

Andere Motive wiederum werden von dem gebürtigen Münchner, der seit 30 Jahren in New York lebt und arbeitet, sorgfältig und aufwendig inszeniert. So ließ er Bill Clinton in seinem Büro einen Golfschläger schwingen (den Schoeller zuvor heimlich zwischen seinen Stativen versteckt ins White House geschmuggelt hatte). Er schminkte Angelina Jolie einen Blutklecks in den Mundwinkel, der sie als dämonische Vampirin erscheinen lässt, und zeigte George Clooney und Brad Pitt im Business Look mit Krocket-Schlägern im Park – Clooney mit einem angedeuteten Schlag in Richtung von Pitts Unterleib.

Werbejobs und Magazinfotografie finanzieren Sozialprojekt

Schoeller fotografiert schon lange für wichtige Magazine (u. a. National Geographic, Time, GQ, Glamour, Entertainment Weekly, Vogue, Harper’s Bazaar), oft auch deren Magazin-Cover. Er produziert Werbung für große Marken wie Volvo und Porsche. Das lief lange sehr gut. In einem TagesspiegelInterview war von Budgets bis zu 60.000 Dollar für ein Shooting und in einem älteren Beitrag von Tagesgagen bis zu 20.000 Dollar zu lesen.

Auch in „We All Bleed Red“ spricht Schoeller offen über seine berufliche Situation. Früher habe er oft zwei oder drei Tage pro Woche für Magazine fotografiert, heute sei er froh, wenn es drei Tage pro Monat sind. Er reflektiert über die Abwertung der Qualitätsfotografie durch die rapide zunehmende Bilderflut (in den sozialen Medien), die Konkurrenz durch Jüngere und den Druck sich trotzdem künstlerisch zu behaupten.

© Salzgeber
Mit seinen privaten Fotoprojekten macht Martin Schoeller Menschen am Rande der Gesellschaft sichtbar, darüber hinaus generiert er dadurch Spenden für Obdachlose.

Mit seinen kommerziellen Jobs finanziert er seine „Passion Projects“, etwa die Homeless-Aufnahmen, quer. „Ich habe ein Bild eines Obdachlosen an einen Freund verkauft, weil der die Serie so toll findet. Sonst kauft niemand Fotos von Obdachlosen, Holocaust-Überlebenden oder ehemaligen Todeszellen-Insassen. Das hätte ich auch nicht erwartet und deswegen bin ich nicht enttäuscht. So ist es eben bei persönlichen Projekten. Ich habe das Glück, dass sich die Fotos von berühmten Menschen verkaufen, und ich ab und zu kommerzielle Jobs übernehmen kann“, schreibt Schoeller im Mail-Interview.

Auf seinen sozialen Accounts wirbt er dann mit den Fotos wieder um Spenden für eine „Food Coalition“ in Hollywood, ein „Suppenküchen“-Projekt für Obdachlose.  „Ich habe die ‚Sycamore und Romaine‘-Serie angefangen, um Fotos für den Vater einer Freundin zu machen. Er heißt Ted Landreth, ist Journalist, hat aber einen Großteil seines Lebens damit verbracht, Obdachlosen zu helfen und sie zu versorgen. Für seine ‚Food Coalition‘ habe ich über 300 seiner Schützlinge fotografiert und damit über 70.000 Dollar gesammelt“, berichtet Schoeller.

Verschiedene Formate von Porträtfotografie

© Salzgeber
Martin Schoeller bei der Arbeit. Je nach Themen und Zielgruppen entwickelt der Fotograf seine Porträtformate immer wieder neu.

Nicht nur für Fotografie-Insider:innen sind die speziellen Porträtformate interessant, die Schoeller immer wieder neu für seine Themen und Zielgruppen entwickelt. Entweder um ihrer Situation gerecht zu werden – oder um das von ihnen zu bekommen, was ihn wirklich interessiert.

So hat er zur Darstellung von unschuldig zum Tode verurteilten und dann entlassenen Strafgefangenen („death row exonerees“) die sogenannten Moving Porträts kreiert: Video-Close-ups mit einer Tonspur aus Interviews mit den Fotografierten. Transmenschen fotografierte er in seinem Studio in ihren atemberaubenden Kostümen und Make-ups, bat sie aber um eine möglichst neutrale Mimik, um den Betrachter nicht von ihren Looks abzulenken.

Wo verläuft die Grenze zwischen sozialem Engagement und „Poverty Porn“?

Die fotografische Darstellung von Armut ist in Deutschland oft hochumstritten. Der Schauspieler Lars Eidinger hat das wegen der Nutzung eines Obdachlosenmotivs als fotografischen Hintergrund einer Werbekampagne zu spüren bekommen.

Wo verläuft für Martin Schoeller die Grenze zu „Poverty Porn“? „Menschen am Rande unserer Gesellschaft haben meist keine Erfahrung mit Presse und haben auch nichts zu verkaufen, anders als Schauspieler, Musiker oder Politiker. Was hat jemand, der oder die auf der Straße lebt, davon, auf meinem Instagram-Profil präsentiert zu werden und sich unter Umständen sogar bloßgestellt zu fühlen? Dieses Bloßstellen versuche ich zu verhindern, indem ich ihre Geschichten nicht bewerte, sondern Sichtbarkeit für ihre Situation schaffe“, so der Fotograf.

Fazit

Dramaturgisch schlägt „We All Bleed Red“ keine Funken. Es gibt keine spektakuläre Story, keine Spannungsbögen und auch keine überraschenden Plot Twists, wie sie inzwischen auch in Dokus Usus geworden sind. Bildgestaltung und Ton vermeiden (meistens) die künstlich erzeugte Emotion. Stattdessen leistet sich der Film sogar öfter einmal stille Momente, etwa wenn Moeller versonnen seine alten Arbeiten sichtet.

Bewusst wählt Links ein fast „flaneurhaftes“ gemächliches Tempo. Sie begleitet und beobachtet, statt Bedeutung herzustellen, nimmt sich viel Zeit für Arbeitsszenen und die kurzen Gespräche zwischen Schoeller und seinen Modellen.

Bewusst wählt Links ein fast „flaneurhaftes“ gemächliches Tempo.

Stark ist „We All Bleed Red“ nicht als komplexes Künstlerporträt, sondern weil sehr einfach und überzeugend davon erzählt wird, wie Fotografie – trotz des visuellen Overkills auf den sozialen Netzwerk, trotz Exploitation und Clickbait – noch immer dazu in der Lage ist, der Öffentlichkeit soziale und politische Fragen zu stellen und zu beantworten. Lange nach dem Verschwinden der Pionier:innen dieses Genres, wie August Sander, Dorothea Lange, Walker Evans, Diane Arbus und Robert Frank.

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).


We All Bleed Red
Deutschland 2024,  87 Minuten, englisch-deutsche Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln.
Regie: Josephine Links
Kamera: Michel Links, Marcus Winterbauer
Montage: Anne Jünemann, BFS
Musik: Leonard Petersen
Ton, Sounddesign, Mischung: Oliver Stahn
Redaktion rbb/Arte: Dagmar Mielke
Mit Martin Schoeller, u.v.a.

Der Film läuft seit dem 28.08. im Kino (Aufführungstermine).


© Salzgeber
Martin Schoeller (*1968 in München) ist ein international bekannter Magazin-, Werbe- und Portraitfotograf. Neben seinen zahlreichen Fotos bekannter Persönlichkeiten engagiert er sich für soziale Randgruppen, Obdachlose, sexuelle und geschlechtliche Minderheiten sowie zu Unrecht Verurteilte. Er nutzt oft standardisierte Beleuchtung, Symmetrie und ein einheitliches Format, um eine „demokratische“ Darstellung unterschiedlichster Modelle zu ermöglichen. Seine Arbeiten erscheinen in führenden Publikationen wie National Geographic und Vanity Fair und sind weltweit in Museen und Galerien ausgestellt.


Gunter Becker
© Eberhard Kehrer

Gunter Becker schreibt seit Beginn der 1990er Jahre als freier Autor über elektronische und digitale Medien. Anfangs für Tageszeitungen, z.B. die taz und den Berliner Tagesspiegel und inzwischen vorwiegend für Fachmagazine. Für den Fachjournalist, das Medium Magazin und Menschen Machen Medien verfolgt er die digitale Transformation der Medien, stellt neue Berufsprofile vor und schreibt Service-Beiträge für Medienschaffende.

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