Der Dandy hat gut lachen – Filmkritik zu „The New Yorker: Die ikonische Zeitschrift wird 100“
Schreckensnachrichten über den Bedeutungsverlust von Traditionsmedien gehören leider zur Gegenwart – doch der Dokumentarfilm zum 100-jährigen Bestehen des Magazins The New Yorker ermutigt und inspiriert gleichermaßen.
Es waren selten gute Nachrichten, die in den letzten Jahren über die Situation von US-Zeitungen und -Magazinen erschienen sind. So wurde erst kürzlich über die neueste Entlassungswelle bei der einst hochgeachteten Tageszeitung Washington Post berichtet: Ungefähr 300 Stellen wurden dort gestrichen, Betroffene nannten es ein „Blutbad“. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung Online berichtet, sei die Entlassungswelle auf das politische Umschwenken von Amazon-Gründer und Multi-Milliardär Jeff Bezos zurückzuführen, der die Zeitung 2013 erwarb.
Doch inmitten der schlechten Nachrichten über den Untergang von Zeitungen in den USA gab es im Februar 2025 etwas zu feiern: Das 1925 gegründete Magazin The New Yorker feierte sein 100-jähriges Jubiläum. Dabei konnte es tatsächlich positiv in die Zukunft blicken, denn die weltweite Auflage des wöchentlich erscheinenden Magazins ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen und liegt heute bei etwa 1,3 Millionen Exemplaren, so der Guardian. Wie außergewöhnlich und vielleicht auch wegweisend dieser Erfolg ist, zeigt der Ende 2025 erschienene Netflix-Dokumentarfilm The New Yorker: Die ikonische Zeitschrift wird 100.
Ein „Wunder“ von einem Magazin
Anfangs wirkt dieser Dokumentarfilm noch etwas bemüht. Nach einem erwartbaren Schwenk über eine in vollem Lauf befindliche Druckmaschine wird in schnellen Schnitten die Anbindung dieses ehrwürdigen Magazins an die Popkultur gesucht: David Remnick, Chefredakteur des New Yorker, ist zu Gast beim beliebten Talkshow-Host Jon Stewart, gezeigt werden Ausschnitte aus Filmen wie Capote und Adaption, in denen der New Yorker erwähnt wird, und in kurzen Testimonial-Sequenzen bekunden Schauspieler wie Sarah Jessica Parker und Jon Hamm ihre Liebe zu diesem Magazin. Bei diesem Bilderreigen kommt bald die Sorge auf, dieser Film könnte der Beweihräucherung gleichen, die die Doku-Serie In Vogue: The 90s über das Lifestyle-Magazin Vogue (erscheint wie The New Yorker ebenfalls bei Condé Nast) auf die Spitze trieb. Doch Regisseur Marshall Curry verfolgt glücklicherweise einen Ansatz, der etwas mehr kritischen Tiefgang zulässt und den Sonderstatus dieses Magazins zu erfassen sucht.
Über diesen ist sich Chefredakteur David Remnick nur zu bewusst: „Der New Yorker ist ein Wunder“, erklärt er und verweist darauf, weshalb das Magazin eigentlich nicht mehr existieren sollte: Der New Yorker ist bekannt für seinen „Longform“-Journalismus und beinhaltet Reportagen, die teilweise weit mehr als 10.000 Wörter umfassen. Daneben bietet es Essays, in denen über Zeitgeist und Politik sinniert wird, Kurzgeschichten, Cartoon-Zeichnungen, Rezensionen und, statt eines Aufmacher-Fotos, ein seit 100 Jahren für jede Ausgabe liebevoll illustriertes Titelblatt. In unserer schnelllebigen, von Doomscrolling und kurzen Aufmerksamkeitsspannen geprägten Gegenwart wirkt dieses Magazin, das von seiner Leserschaft Muße fordert, etwas aus der Zeit gefallen. Wie der New Yorker die Digitalisierung überlebt und dabei Tradition und Moderne vereint hat, stellt dieser Dokumentarfilm in zwei sich immer wieder abwechselnden Erzählsträngen dar.
Vom geistreichen Amüsement zur schlagkräftigen Berichterstattung
Einer dieser Stränge besteht aus eingestreuten Rückblenden in die dekadenweise abgehandelte 100-jährige Geschichte des Magazins, die im Original vom Voiceover der Schauspielerin Julianne Moore begleitet werden. Der Rückblick beginnt 1925, als der Journalist Harold Ross den New Yorker gemeinsam mit seiner Ehefrau Jane Grant gründete. Dabei hatten die beiden ein „humoristisches“ Magazin im Sinn, das passend zu den von Jazz bespielten „Roaring Twenties“ geistreiche Lesestücke über das kulturelle und gesellschaftliche Leben in New York bieten und den Snobismus augenzwinkernd zur Tugend erheben sollte. Entsprechend zierte den Titel der ersten Ausgabe die Karikatur eines hochnäsigen Dandys, der später zum Emblem dieses Magazins werden sollte.
Glücklicherweise, so stellen die weiteren Rückblenden dar, ist es bei diesem Nischen-Anspruch in den kommenden Jahrzehnten nicht geblieben. Während andere US-Medien eine kritische Auseinandersetzung mit dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki scheuten, widmete der New Yorker seine gesamte Ausgabe vom 31. August 1946 der über 30.000 Wörter langen Reportage über die Opfer in Hiroshima, die Journalist John Hersey nach einer wochenlangen Vor-Ort-Recherche und Gesprächen mit Überlebenden verfasst hatte. Der New Yorker unterschied sich nicht nur durch diesen Themenfokus von anderen Publikationen, sondern auch durch Herseys Schreibstil. Denn dieser vereinte narrative Stilmittel mit dem Wahrheitsanspruch der Reportage und schuf so einen Vorläufer des ab den 1960er-Jahren populären „New Journalism“.
Progressiv gegen den Strom
The New Yorker: Die ikonische Zeitschrift wird 100 stellt die Veröffentlichung von Herseys Reportage als Zäsur dar, die das Magazin in den Rang eines international anerkannten journalistischen Blatts erhoben hat. Weitere solcher bahnbrechenden und exklusiven Beiträge sollten diesen Ruf in den kommenden Jahrzehnten, vor allem während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, verstärken. Archivaufnahmen zeigen, wie Rachel Carsons 1962 erschienene Reportage „Silent Spring“ über den extrem umwelt- und gesundheitsschädlichen Einsatz des Insektizids DDT die Umweltgesetzgebung beeinflusste. Auch die Veröffentlichung von Essays wie „Letter from a Region in my Mind“ (1962) des afroamerikanischen Schriftstellers und Aktivisten James Baldwin über Rassismus zeigt, wie progressiv der New Yorker damals voranschritt – dabei aber auch die rassistischen Werbeanzeigen und Cartoonzeichnungen im eigenen Blatt überdenken musste.
Neben den ausführlich behandelten Lesestücken blendet der Dokumentarfilm beiläufig jüngere bahnbrechende Reportagen ein, etwa Seymour Hershs 2004 veröffentlichte Enthüllung über das während des Irak-Kriegs betriebene Foltergefängnis Abu-Ghraib. Dies sei eine der beiden Veröffentlichungen, so verriet David Remnick dem Guardian, auf die er am stolzesten ist. Die andere ist die Enthüllung über den Machtmissbrauch durch Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, der inzwischen aufgrund diverser Fälle von sexualisierter Gewalt eine lange Haftstrafe verbüßt. Verfasst wurde sie nach monatelanger Recherche vom Investigativjournalisten Ronan Farrow, der in The New Yorker: Die ikonische Zeitschrift wird 100 erklärt, dass sich jedes andere Medium angesichts des weitreichenden Einflusses von Weinstein gescheut habe, eine Story über ihn zu veröffentlichen – aber eben nicht der New Yorker.
Die Menschen hinter dem Magazin
Der andere Erzählstrang in The New Yorker: Die ikonische Zeitschrift wird 100 sorgt dafür, dass dieser Dokumentarfilm nicht zu einem Rückblick auf glorreiche Zeiten und Errungenschaften verkommt: Etwas mehr als ein Dutzend der aktuellen Mitarbeitenden wird bei der Arbeit in den Monaten vor dem Erscheinen der Jubiläumsausgabe begleitet. Jede und jeder Einzelne von ihnen wird dabei als unverzichtbares Mitglied des Magazins dargestellt, von der Cartoon-Zeichnerin Roz Chast über die für die Titelblattgestaltung verantwortliche Françoise Mouly bis zum seit den 1980er-Jahren angestellten Büro-Manager Bruce Diones.
Gleichermaßen wird auch die Arbeit von festangestellten Journalisten wie Kriegsreporter Jon Lee Anderson, Filmkritiker Richard Brody oder der für Star-Porträts zuständigen Rachel Syme und vielen weiteren beleuchtet. Einen ganz besonderen Stellenwert nimmt bei dieser Wanderung durch die Ressorts und Abteilungen schließlich der knapp 30 Angestellte umfassende „Fact Checking“-Bereich ein, in dem nicht nur jede Aussage jedes Textbeitrags, sondern sogar jedes Cartoons auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft wird. Dieser Bereich ist letzten Endes die Folge der faktischen Fehler, mit denen Truman Capotes berühmte „narrative“ Reportage „In Cold Blood“ abgedruckt wurde, kombiniert die Dokumentation im Rückblick.
„Es ist unglaublich, dass das unser Job ist.“
Aufschlussreich, aber mitunter etwas zu zügig schreitet der Film durch die Historie und die Gegenwart dieses Magazins und bezieht dabei auch ein Kurzweiligkeit gewohntes Publikum ein, im besten Sinne: Ernsthafte Reflexionen über die Schwierigkeiten der Berichterstattung während der zweiten Amtszeit von Trump wechseln sich souverän ab mit profaner scheinenden Momenten – etwa als sich David Remnick mit zwei Kolleginnen zum wöchentlichen Meeting trifft, um die Cartoons für die kommende Ausgabe zu bestimmen. „Es ist unglaublich, dass das unser Job ist“, kommentiert Remnick.
Tatsächlich scheint es auch unglaublich, mit welcher Detailverliebtheit sich die Mitarbeitenden jedem Element des Magazins widmen – und mitunter auch skurril: In einem Meeting zur Überarbeitung des jahrzehntealten Style-Guides lassen sich Redakteure über die altertümlichen Schreibweisen mancher Wörter („teen-ager“ statt „teenager“, „élite“ statt „elite“) aus, die das Magazin ihnen abverlangt. Doch am Ende fügt sich auch diese Diskussion passgenau ein in das Porträt eines Magazins, das einen Ruf zu verlieren hat und um dessen Aufrechterhaltung an jeder kreativen wie faktischen Front kämpft. Der Elitismus, der dem New Yorker häufig vorgeworfen und in diesem Film auch behandelt wird, wirkt in solch einem Licht tatsächlich als Errungenschaft, nach der mehr Medien streben sollten. Es steckt also mehr hinter dem hochnäsigen Dandy, der den Titel der Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstag erneut zieren durfte.
The New Yorker: Die ikonische Zeitschrift wird 100
Dokumentarfilm
Originaltitel: The New Yorker at 100
Seit 5. Dezember 2025 auf Netflix verfügbar
USA 2025. 97 Min.
Regie: Marshall Curry
Mitwirkende: David Remnick, Françoise Mouly, Bruce Diones, Jon Lee Anderson, Richard Brody, Rachel Syme, Ronan Farrow, Sarah Jessica Parker, Jon Hamm u. v. m.