Logo DFJV

Jetzt Mitglied werden und sofort profitieren!

Werden Sie jetzt Mitglied und lassen Sie sich kostenlos und individuell von unseren Experten beraten.

Mitglied werden

Jetzt Mitglied werden und sofort profitieren!

Werden Sie jetzt Mitglied und lassen Sie sich kostenlos und individuell von unseren Experten beraten.

Mitglied werden

Jetzt Mitglied werden und sofort profitieren!

Werden Sie jetzt Mitglied und lassen Sie sich kostenlos und individuell von unseren Experten beraten.

Mitglied werden

Kritik zum Dokumentarfilm Born to Fake: Der Apparat hinter dem Fälscher

29.05.2026 Dobrila Kontić
Titelillustration: Esther Schaarhüls

Schwung- und humorvoll rekapituliert Born to Fake den Fälschungsskandal um TV-Journalist Michael Born – und nimmt dabei Vorstellungen zur Realitätsabbildung im Fernsehen gehörig auseinander.

Es war ein gewaltiger Medienskandal, der 1996 Deutschland erschütterte und zugleich auch etwas amüsierte: Michael Born, ein freischaffender Journalist, hatte mindestens 20 Beiträge fürs Fernsehen gefälscht, die mehrere TV-Sender in den 1990er-Jahren ausgestrahlt hatten. Besonders viele und die womöglich absonderlichsten davon (unter anderem über eine deutsche Ku-Klux-Klan-Division in der Eifel und Krötengift als begehrte Droge) liefen im von Günther Jauch moderierten Magazin „Stern TV“ beim Sender RTL. Drei Monate dauerte die Gerichtsverhandlung, bei der 60 Zeugen zu Wort kamen, wie sich heute noch bei taz.de nachlesen lässt. Am Ende wurde Born zu vier Jahren Haft verurteilt. Dabei ergab sich das Strafmaß nicht aus dem Betrug, sondern aus Vergehen im Zusammenhang mit der Herstellung der Beiträge, darunter Urkundenfälschung, illegaler Waffenbesitz, Sachbeschädigung und Volksverhetzung.

Hinterlassenschaft eines Skandals: Der Journalist Michael Born hatte vielfach Videobeiträge fürs Fernsehen gefälscht, die in den Neunziger Jahren von mehreren Sender ausgestrahlt wurden. 1996 kam es zum Gerichtsprozess. Der aktuelle Dokumentarfilm Born to Fake beleuchtet die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven. Filmstill Born to Fake / © Across Nations Filmverleih.

Doch trotz der damals hohen Medienresonanz scheint dieser Skandal 30 Jahre später so gut wie vergessen. Vielmehr arbeitete man sich in den vergangenen Jahren an den Umtrieben von Claas Relotius ab oder wagte noch einmal den Blick zurück auf Skandale aus der Bundesrepublik. So zog der Aufruhr um die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher nicht nur den Satirefilm Schtonk!, sondern zuletzt auch noch eine Mini-Serie nach sich. Dabei liefern Michael Borns mitunter stümperhaft scheinende TV-Beiträge interessante Indizien dafür, wonach TV-Magazine in den 1990er-Jahren gierten und wie sie dabei die Realität verzerrten. Dies erarbeitet der Dokumentarfilm Born to Fake auf clevere und spannende Weise.

Journalist oder Footage-Lieferant?

Ein Bild von Michael Born konnten sich Erec Brehmer und Benjamin Rost, die Regisseure von Born to Fake, nur posthum machen: 2019 starb Born in Graz, nachdem er in den letzten Monaten seines Lebens mit dem befreundeten TV-Produzenten Roland Berger an einem Theaterstück über den Medienskandal gearbeitet hatte, das ebenfalls den Titel „Born to Fake“ tragen sollte. Berger hat den beiden Filmemachern die Hinterlassenschaften von Born – Dutzende Video-Kassetten von seinen TV-Beiträgen sowie Notizen – zugänglich gemacht und erzählt vor der Kamera Anekdoten über den verstorbenen Freund. Diese drehen sich ausnahmslos um den Skandal, der nicht nur in diesem Dokumentarfilm, sondern auch in Borns späterem Leben offenbar von zentraler Bedeutung war. Mit ebenfalls mildem, dennoch klar scheinendem Blick sprechen auch Gabriele Schuster, Michael Borns Schwester, und Claudia Bern, seine ehemalige Assistentin und Ex-Partnerin, über den Verstorbenen. In ihren Darstellungen erscheint Born als liebenswerter Mensch, wenn er auch einen laxen Umgang mit der Wahrheit pflegte.

Ebendiesen nimmt ihm Martin Lettmayer, in den 1990er-Jahren Stern TV-Reporter, noch merkbar übel. Vehement widerspricht er der Darstellung von Gabriele Schuster, anfangs sei ihr Bruder noch ein seriöser Berichterstatter gewesen, und ordnet ihn vielmehr als begehrten Footage-Lieferanten ein, der sich damit hervortat, in schwer zugängliche Krisengebiete zu reisen und dort zu filmen. Lettmayer, der im Verlauf des Films Stern TV durchweg als Betrugsopfer verteidigt, wirkt so als Gegengewicht zu den wohlwollenden Stimmen über Michael Born, die seinen Betrug als symptomatisch für den damals grassierenden Sensationalismus in den Medien sehen. Ebenso gleicht er mit dieser Haltung die Abwesenheit von Stern TV-Moderator Günther Jauch in dieser Dokumentation etwas aus, der laut Abspann wie viele andere „Protagonist*innen“ des Skandals Interview-Anfragen unbeantwortet ließ.

Eine profitorientierte, zynische Medienwelt

Das Spannungsverhältnis zwischen der Sichtweise von Martin Lettmayer, der Born als alleinigen Übeltäter sieht, und den medienkritischen Stimmen in Born to Fake wissen Brehmer und Rost geschickt zu nutzen, auch inszenatorisch: Die in Einzelinterviews dargelegten unterschiedlichen Sichtweisen haben sie zu einer Debatte zusammengeschnitten. Nachdem etwa Claudia Bern darlegt, wie sie und Michael bei ihrem Dreh in Bangladesch nach dem verheerenden Zyklon von 1991 den Druck der Auftraggeber spürten, explizite Bilder von Leichen zu liefern, und auch Roland Berger dies aus Borns Erzählungen erinnert, folgt ein entschiedenes „Never ever!“ von Lettmayer, der solch einen Druck in seiner Arbeit nie gespürt haben will. Dass er selbst an einer Stelle den Beginn des Jugoslawienkriegs unbekümmert zynisch als „großes Glück“ für seine Karriere bezeichnet und argumentiert, der Bedarf nach „sensationellen Bildern“ habe ja nach Kriegsende – also nachdem sich das Publikum schon am Grauen sattgesehen hatte – wieder radikal abgenommen, bestätigt aber implizit die Vorwürfe der Gegenstimmen.

An mehreren Stellen in Born to Fake wird deutlich, wie gewinnträchtig die Lieferung von sensationellem Videomaterial war. So bezeichnet Thomas Pritzl, damals Pressesprecher von Stern TV, die 1990er-Jahre als „goldene Zeit“ für Medienschaffende und Gabriele Schuster bestätigt an anderer Stelle, ihr Bruder habe mit seinen Beiträgen viel Geld verdient. Warum Born dabei aber schließlich zur Fälschung griff, erklärt er selbst in einem nach der Enthüllung geführten Interview damit, dass die Auftraggeber zunehmend Aufnahmen von Dingen gefordert haben, die sich gar nicht filmen ließen. Im gleichen Atemzug unterstellt er, dass die Sender in diesem Filmmaterial vorgefertigte Geschichten bestätigt sehen wollten. „Die bauen sich eine fiktive Welt in den Sendeanstalten und benutzen uns und unsere Bilder. […] Wir haben da beschlossen, eine fiktive Welt zu bauen, wie sie nur in den Köpfen der Redakteure existiert“, lautet sein trotziges Resümee in einer Audioaufnahme.

Enttarnung des Inszenierten

Gewinnträchtiges Videomaterial, fiktive TV-Welt: Selbst abstruse Videobeiträge, wie über einen „Katzenjäger“ mit aufgeklebtem Bart, wurden ausgestrahlt. Filmstill Born to Fake / © Across Nations Filmverleih.

Einige der haarsträubenden Ergebnisse dieser Entscheidung streut Born to Fake fast beiläufig an entsprechenden Stellen ein und rekonstruiert die jeweilige Entstehungsgeschichte der abstrusen Videobeiträge anhand von Borns Geständnissen und den Erläuterungen der damals oder später Eingeweihten. Spätestens ab dem Beitrag über einen Jäger, der auf Katzen schießt und dabei sehr offensichtlich einen aufgeklebten Bart trägt, fragt man sich, wie das bei Stern TV ausgestrahlt werden konnte. Doch auch wenn der Dokumentarfilm diesem Sachverhalt durch Befragung von Martin Lettmayer und des sehr auskunftsfreudigen Thomas Pritzl nachgeht, tritt bald eine sehr viel weitreichendere Fragestellung in den Vordergrund dieses Films: Inwiefern bilden journalistische Fernsehbeiträge überhaupt die Wirklichkeit ab? Denkanstöße dazu liefert die Medienwissenschaftlerin Dr. Eva Hohenberger, die in Bezug auf Dokumentarfilme nicht von einer Realität sprechen mag, sondern dort gleich fünf Realitätsebenen aufeinander einwirken sieht, die sie 1988 auch in ihrem Buch „Die Wirklichkeit des Films. Dokumentarfilm – ethnographischer Film – Jean Rouch“ dargelegt hat. Zu welchen Anteilen die nicht-filmische Realität sich schließlich überhaupt noch in einem Dokumentationsbeitrag wiederfindet, lässt sie offen.

Doch zur Antwort versuchen Erec Brehmer und Benjamin Rost selbst beizutragen, indem sie das Inszenatorische ihres Dokumentarfilms selbst betonen: Des Öfteren sind die Regieanweisungen beim Dreh des Zwischenschnittmaterials zu hören, zum Teil wird auch das Material außerhalb der eigentlichen Szenen mitgezeigt. Pointiert hebt dieser verräterische Schnitt das Artifizielle der Doku hervor, manchmal auf sehr humorvolle Weise – etwa als Roland Berger frontal und in Nahaufnahme gefilmt versichert, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen und der Gegenschnitt das dichtgedrängte Kamerateam vor ihm zeigt, das ihn sogleich für die gute Performance lobt.

Die Wahrheit hinter der gebauten Realität

Trotz dieser kritischen Auseinandersetzung mit der filmischen Abbildung von Realitäten gelangt Born to Fake schließlich und auf sehr subtile Weise zu einer ganz eigenen Wahrhaftigkeit. Zum Schluss der 93 äußerst sehenswerten Minuten offenbart sich an einigen Protagonist*innen dieser Doku, wie sie sich selbst die Realität in Bezug auf Michael Borns Betrug zurechtlegen und sich sowie die Zuschauenden über ihre eigenen Absichten womöglich täuschen.

Wenn Fälscher enttarnt werden, so Dr. Hohenbergers bedeutsamer Befund, werde „der ganze Apparat drumherum mitenttarnt“. Diesen Apparat im Fall Born allein bei Stern TV oder in den deutschen TV-Medien in den 1990er-Jahren repräsentiert zu sehen, scheint am Ende dieses auf so verspielte Weise tiefschürfenden Dokumentarfilms zu kurz gegriffen. Vielmehr stellt sich zu guter Letzt die Frage, wie die von Born monierte „fiktive Welt“ in den Köpfen der Redakteure überhaupt erst entstanden ist.


Born to Fake
Deutschland 2025. 93 Min.
Buch und Regie: Erec Brehmer, Benjamin Rost
Kamera und Bildgestaltung: Pius Neumeier, Julian Krubasik
Mitwirkende: Roland Berger, Martin Lettmayer, Gabriele Schuster, Claudia Bern,
Dr. Eva Hohenberger, Thomas Pritzl

Der Film läuft seit dem 28. Mai 2026 im Kino.


Dobrila Kontić

Die Autorin Dobrila Kontić hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK) studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Film- und Serienkritikerin in Berlin.

Sie veröffentlichen professionell?

Jetzt Mitglied werden
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner