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Filmkritik zu „Erfundene Wahrheit – Die Relotius AffĂ€re“: Ein Medienskandal in der Nachbetrachtung

29.03.2023
Titelillustration: Esther SchaarhĂŒls

Daniel Sagers sehenswerter Dokumentarfilm vermittelt durch die differenzierte Auseinandersetzung mit Relotius‘ Reportagen einen umfassenden Eindruck ĂŒber den nachwirkenden FĂ€lschungsskandal.

Mehr als vier Jahre liegt die EnthĂŒllung des FĂ€lschungsskandals um den vielfach ausgezeichneten Spiegel-Reporter Claas Relotius nun zurĂŒck. Sie nahm am 19. Dezember 2018 mit einem auf Spiegel Online veröffentlichten Artikel in eigener Sache ihren Lauf. Kurz darauf griffen zahlreiche deutsche, aber auch internationale Medien den aufsehenerregenden Fall in eigenen Berichten und feuilletonistischen Betrachtungen auf. Es folgten der Einsatz einer AufklĂ€rungskommission, die Veröffentlichung von Juan Morenos Tatsachenroman „Tausend Zeilen LĂŒge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ und im vergangenen Jahr schließlich mit Michael „Bully“ Herbigs Komödie Tausend Zeilen die darauf basierende Verfilmung.

Nun stellt sich angesichts diverser öffentlicher Auseinandersetzungen mit dem Fall Relotius die Frage: Ist die AffĂ€re, die gemeinhin als einer der grĂ¶ĂŸten Medienskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte gilt, damit auserzĂ€hlt und zur GenĂŒge aufgearbeitet? Eine klare Antwort darauf liefert Daniel Sagers Dokumentarfilm Erfundene Wahrheit – Die Relotius AffĂ€re nicht. Aber trotz eines Mangels an neuen Erkenntnissen verdeutlicht dieser Film, dass differenzierte Nachbetrachtungen zum Fall Relotius weiterhin sinnvoll und angebracht sind.

ZurĂŒck zur GrenzĂŒberschreitung

Erfundene Wahrheit beginnt mit nĂ€chtlichen Aufnahmen von einem Mann, der am amerikanisch-mexikanischen GrenzĂŒbergang im US-Bundesstaat Arizona patrouilliert, sich eine Zigarette anzĂŒndet und in die dunkelblau gefĂ€rbte Landschaft blickt. Aus dem Off werden dazu Beginn und Ende von Claas Relotius‘ Spiegel-Reportage „Jaegers Grenze“ verlesen. Es ist der Text, der Co-Autor Juan Moreno zu einer fieberhaften Suche nach dem Wahrheitsgehalt hinter einigen unglaubwĂŒrdigen Behauptungen veranlassen sollte. Am Ende von Morenos Nachrecherche stand schließlich die bittere Erkenntnis, dass Relotius den „Jaeger“ genannten Protagonisten seiner Reportage, Tim Foley, niemals besucht und interviewt hatte. Und es ist ebenjener Tim Foley, der zu Beginn dieser Dokumentation als Teil einer BĂŒrgerwehr bewaffnet durch die Nacht wandert, um Menschen an der illegalen Einwanderung zu hindern.

Protagonist in einer der gefĂ€lschten Reportagen: Tim Foley in „Erfundene Wahrheit – Die Relotius AffĂ€re“. © Kinescope / Sky / Nicolai Mehring

Sechs von Relotius‘ weitgehend gefĂ€lschten Reportagen nimmt Erfundene Wahrheit insgesamt auf diese Weise in Augenschein: Daniel Sager (Hinter den Schlagzeilen) prĂ€sentiert ruhig eingefasste Aufnahmen von den Handlungsorten der Reportagen, die sich mit dem nĂŒchtern verlesenen Reportagetext zusammenfĂŒgen und dabei mitunter sehr offensichtlich eine Text-Bild-Schere offenbaren. So fĂ€ngt beispielsweise die Kamera das Ortseingangsschild der Kleinstadt Fergus Falls ein, das, anders als von Relotius in seiner Reportage „In einer kleinen Stadt“ beschrieben, nicht mit dem Spruch „Home of damn good folks“ („Heim verdammt guter Leute“) versehen ist. Anschließend offenbaren GesprĂ€che mit Personen, die in diesen Reportagen beschrieben werden, sowie mit an der Recherche oder der PrĂŒfung der jeweiligen Texte Beteiligten das gesamte Ausmaß des von Relotius Erdachten – und die anhaltende Irritation der von diesen publizierten Unwahrheiten Betroffenen.

Nachdenkliche Einordnungen

Dieser an Relotius‘ Reportagen orientierte ErzĂ€hlstrang wird ergĂ€nzt durch Einordnungen von Medienschaffenden, die mittel- und unmittelbar mit Relotius‘ LĂŒgen zu tun hatten. Steffen Klusmann, Chefredakteur des Spiegel, der seine Position 2018 erst wenige Monate vor der EnthĂŒllung des Skandals angetreten hatte, erklĂ€rt seine damalige Situation: „Ich musste mich fĂŒr etwas rechtfertigen, was vor meiner Zeit war.“ Auch Cordelia Freiwald, seit 1994 beim Spiegel und seit 2019 Leiterin der Dokumentation, findet deutliche Worte fĂŒr den Fall, den sie als „Super-GAU“ fĂŒr ihre Abteilung bezeichnet. Klusmann und Freiwald sind vonseiten des Spiegel auch die Einzigen, die in der Doku zu Wort kommen. 20 weitere ehemalige und aktuelle Spiegel-Redakteure habe man vergeblich angefragt, lĂ€sst der Abspann schließlich wissen. Dazu gehört auch Claas Relotius selbst, der hier lediglich in Archivaufnahmen von diversen Preisverleihungen zu sehen ist.

Spiegel-Chefredakteur Stefan Klusmann Ă€ußert sich in Stefan Sagers Dokumentarfilm zum FĂ€lschungsskandal. © Kinescope / Sky / Nicolai Mehring.

Dementsprechend erhalten GesprĂ€chspartner*innen in Erfundene Wahrheit Raum, die den Skandal aus der Distanz verfolgt (z.B. Wolfgang Krach, Chefredakteur der SĂŒddeutschen Zeitung), darĂŒber eingehend berichtet (Stefan Niggemeier, Medienjournalist und GrĂŒnder von Übermedien) oder an dessen EnthĂŒllung direkt mitgewirkt haben (Juan Moreno und der freiberufliche, um klare Worte nicht verlegene Fotograf Mirco Taliercio). Ihre Äußerungen und Einordnungen fĂŒgen sich in diesem Dokumentarfilm zum erlĂ€uternden GerĂŒst zusammen, das zwar keine neuen Erkenntnisse zum Fall an den Tag bringt, aber das HerzstĂŒck des Films stĂŒtzt: die Reise zu den Menschen, die Relotius in seinen Reportagen beschrieben, aber in vielen FĂ€llen gar nicht direkt gesprochen hatte.

Falsche Reportagen, echte Schicksale

So sitzt die Irritation bei Michele Anderson und Jake Krohn, die in Fergus Falls leben, weiterhin merklich tief. Relotius hatte die Kleinstadt in seiner Reportage als „typisch fĂŒr das lĂ€ndliche Amerika, das Trump zum PrĂ€sidenten machte“ beschrieben, Krohn zufolge aber nur bestehende Vorurteile bedient: „Die Wahrheit ist komplizierter und facettenreicher.“ Und Doug Becker, in der Reportage fĂ€lschlicherweise als Kohleschaufler bezeichnet, wĂŒsste auch gern, wer diese von Relotius beschriebenen Menschen seien.

Besonders berĂŒhrend wird es aber in Erfundene Wahrheit, als es um die Reportage „Löwenjungen“ von 2017 geht: Relotius schrieb darin ĂŒber zwei BrĂŒder, die im Alter von 12 und 13 Jahren vom IS verschleppt und mit SprengstoffgĂŒrteln nach Kirkuk geschickt wurden. Einer der Jungen ĂŒberlebte und Relotius behauptete, ihn im Dschamdschamal-GefĂ€ngnis im Irak besucht zu haben. Der kurdische Kameramann Syara Kareb erklĂ€rt in Sagers Film, wie er kurz nach Erscheinen der Reportage von Spiegel TV beauftragt wurde, selbst den Jungen zu finden. Kareb besuchte Mahmoud Ahmed im GefĂ€ngnis und beschreibt sein Mitleid mit dem inhaftierten Jungen, dem er im GesprĂ€ch gegenĂŒbersaß. An dieser Stelle zeichnet sich fĂŒhlbar die RealitĂ€t der Schicksale hinter Relotius‘ Konstrukten ab. Denn, so stellte Kareb im April 2017 fest und meldete es auch an Spiegel TV, der vermeintliche Starreporter hatte Mahmoud nicht im GefĂ€ngnis gesprochen.

Bleibende Fragen

Weshalb es aber noch mehr als ein Jahr bis zur EnthĂŒllung von Relotius‘ FĂ€lschungen dauern sollte, ist eine zentrale Frage, die Erfundene Wahrheit zum Schluss aufwirft. Besonders kritisch wird hier auch die Arbeit der AufklĂ€rungskommission beleuchtet, die im Mai 2019 einen Abschlussbericht vorlegte, in dem Claas Relotius als unabhĂ€ngig agierender EinzeltĂ€ter ausgemacht wurde. An diesem Befund werden in Erfundene Wahrheit leise Zweifel wach, als Paul Milata, ein auf BetrugsfĂ€lle im Bereich der WirtschaftskriminalitĂ€t spezialisierter Ermittler, seine Sicht erklĂ€rt: So habe die Arbeit der vom Spiegel eingesetzten AufklĂ€rungskommission keineswegs dem in solchen FĂ€llen ĂŒblichen Vorgehen entsprochen, besonders angesichts offensichtlicher Interessenkonflikte.

Erfundene Wahrheit zeigt somit, dass ĂŒber den Skandal um Claas Relotius zwar breit berichtet wurde, es aber noch einiger Erkenntnisse zur prĂ€zisen Einordnung bedarf. Dieser interessant und fernab von Sensationalismus aufbereitete Dokumentarfilm liefert durch seine intensive Auseinandersetzung mit den Themen einzelner Reportagen einen umfassenderen Eindruck von diesem Fall, der die deutsche Medienwelt nachhaltig aufgerĂŒttelt hat. Es ist ein erster Schritt der Nachbetrachtung, dem hoffentlich noch weitere, ebenso sehens- und bemerkenswerte folgen werden.

Titelillustration: Esther SchaarhĂŒls

Das Magazin Fachjournalist ist eine Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV)

Erfundene Wahrheit – Die Relotius AffĂ€re (seit 24. MĂ€rz 2023 auf Sky und beim Streamingdienst Wow zu sehen.)
Dokumentarfilm
Deutschland 2023. 93 Min.
Regie und Buch: Daniel Sager
Kamera: Nicolai Mehring

Die Autorin Dobrila Kontić hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften, Englische Philologie und Neuere Geschichte an der Freien UniversitĂ€t Berlin und Journalismus am Deutschen Journalistenkolleg (DJK) studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin, Film- und Serienkritikerin in Berlin.

 

 

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