Lokale Berichterstattung muss als zentrale Informationsgrundlage für die demokratische Öffentlichkeit gestärkt und geschützt werden.
Die Digitalisierung bringt für den Lokaljournalismus auf dem Land viele Probleme und Herausforderungen mit sich, wie Untersuchungen wie „Wüstenradar“ umfassend belegen. Doch wie nehmen die Menschen diesen Wandel vor Ort wahr? Dieser Frage hat sich das Projekt „Lückenfüller – Leben ohne Zeitung?“ von Netzwerk Recherche gewidmet. Dazu wurde der Dialog mit Menschen gesucht, die in und rund um die Stadt Greiz in Ostthüringen leben.
Der Hintergrund: 2023 erklärte die Funke Mediengruppe die Region zur „Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums“ und stellte die Zulieferung der Ostthüringer Zeitung (OTZ) ein. Davon waren rund 300 Abonnentinnen und Abonnenten betroffen, wie die Autoren des Projektberichts Thomas Schnedler und Malte Werner festhalten.
Verlust von Teilhabe und Informationszugang
Das aufsehenerregende Experiment wurde oft als beispielhaft für den Wechsel von Print- zu Digital-Abos auf dem Land wahrgenommen. Das Resultat sei allerdings ernüchternd gewesen: Der Verlag verlor laut Bericht mit 47 Prozent fast die Hälfte der Abonnements.
Die Ergebnisse der im Zuge des Projekts durchgeführten Gespräche und Gruppendiskussionen mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zeigen, dass vor allem älteren Menschen durch den Verlust der Papierzeitung eine für sie wichtige Informationsquelle, die ihnen gesellschaftliche Teilhabe und eine eigenständige Meinungsbildung ermöglicht, abhandenkommt. Einige konnten sich zwar mit dem digitalen Zeitunglesen anfreunden, doch die Umstellung habe das Gefühl des „Abgehängtseins“ in einer Region, die ohnehin unter einem Rückgang von Infrastrukturangeboten leidet, verstärkt.
Jüngere Menschen würden darüber hinaus von dem Digitalangebot nicht erreicht, weil die Inhalte nicht ausreichend an deren Mediennutzungsverhalten angepasst seien. Diese Altersgruppe zeige „einen eher unkritischen Umgang mit Quellen“; sie beziehe Informationen teilweise aus sozialen Medien – auch von nicht-journalistischen Akteuren.
Wunsch nach Orientierung und journalistischer Qualität
Insgesamt konstatieren die Autoren einen starken Wunsch nach Orientierung: Die Zeitungsleserinnen und -leser der Region wollen mehr lokale Recherchen, ausführlichere Hintergrundberichte und eine größere Vielfalt an Perspektiven zu einzelnen Themen. Nach ihrer Einschätzung entwickelt sich der aktuelle Trend jedoch in eine entgegengesetzte Richtung.
Bei den kostenlos verteilten Amtsblättern sei den Befragten nicht immer klar, dass es sich bei diesen nicht um unabhängige journalistische Formate, sondern um Medien für die kommunale Öffentlichkeitsarbeit handle. Stichproben hätten gezeigt, dass in einigen Anzeigenblättern die Grenzen zwischen Werbung, Meinung und Berichterstattung verschwimmen und dies für Laien nicht immer leicht erkennbar sei. Pseudojournalistische, alternative Medienangebote der Region seien „stark von der AfD und ihrem Umfeld geprägt“.
Förderung: Mehr Medienkompetenz, Dialogräume und lokale Recherche gefragt
Der DFJV tritt für den Erhalt der Pressevielfalt ein und nimmt den Rückgang in der Versorgung der Bevölkerung mit unabhängigen journalistischen Lokalzeitungen seit Langem mit Sorge wahr. Der vorliegende Report unterstreicht die Dringlichkeit, den Lokaljournalismus strukturell zu stärken und seine gesellschaftliche Funktion neu zu verankern. Wir befürworten die Forderung der Autoren nach einer Förderung von Medienkompetenz – idealerweise bereits in der schulischen Bildung –, damit Bürgerinnen und Bürger unabhängigen Journalismus klar erkennen und bewusst nutzen können. Gerade mit Blick auf jüngere Zielgruppen wird deutlich, dass Inhalte stärker an veränderte Nutzungsgewohnheiten angepasst werden müssen – ohne dabei journalistische Standards zu verwässern. Zeitgemäße, niedrigschwellige digitale Formate sowie ein intensiverer Austausch mit der Bevölkerung – etwa durch lokale Dialogformate und Begegnungsräume, die es zum Teil bereits gibt – sind wichtig, um Vertrauen und Relevanz zurückzugewinnen.
Wir begrüßen darüber hinaus die Empfehlung, lokale Recherchestrukturen – etwa durch regionale Rechercheverbünde – nachhaltig zu stärken und die inhaltliche Qualität durch mehr Hintergrundberichterstattung und Perspektivvielfalt auszubauen.
Besorgniserregend ist darüber hinaus die Tendenz, dass rechte Akteure die entstehenden Informationslücken gezielt nutzen, um über alternative Medienangebote eigene Narrative zu verbreiten und journalistische Standards zu unterlaufen. Gerade in strukturschwachen Regionen zeigt sich, wie wichtig eine stabile, unabhängige journalistische Berichterstattung ist, um Propaganda entgegenzuwirken und eine verlässliche Informationsgrundlage für die demokratische Öffentlichkeit zu sichern.
