Reuters-Bericht bildet Risiken und Chancen für den Fachournalismus ab.
Welche Entwicklungen beeinflussen 2026 die internationale Medienbranche? Antworten liefern weltweit 280 Nachrichtenverantwortliche, die für den diesjährigen Reuters-Bericht „Journalism and Technology Trends and Predictions“ befragt wurden. Darin analysiert Studienautor Nic Newman die Einschätzungen von internationalen Führungskräften aus der Medienbranche zur aktuellen Entwicklung von Journalismus-, Medien- und Technologietrends.
Die Kernergebnisse zeigen, dass Generative KI sowie die Veränderung der Medienlandschaft durch die Creator- sowie Influencereconomy weiterhin stark beschäftigen werden. Als große Herausforderung für die Medien sehen die Befragten das Wachstum dieser Branchen. Damit verbunden ist, dass Personen aus der Politik und anderen öffentlichen Bereichen zunehmend traditionellen Medien ausweichen und stattdessen über Creator- oder Influencer-Kanäle den Kontakt zur Öffentlichkeit herstellen. Zudem wird als großes Problem wahrgenommen, dass Suchmaschinen KI-gesteuerte Antworten liefern und damit den Traffic zu den Verlagen unterlaufen. Die Führungskräfte sehen sich in der Verantwortung, diese Trends zu verstehen bzw. Wege zu finden, diesen entgegenzuwirken.
Reaktionen: Konzentration auf Kernaufgaben, Investition in Video- und Audioformate
Aufgrund der KI-gestützten Suchmaschinenantworten erwarten Publisher, dass der – ohnehin bereits gesunkene – Traffic zu ihren Seiten in den nächsten drei Jahren um über 40 Prozent sinkt. Als Reaktion möchten sich viele verstärkt auf die Kernaufgaben des Journalismus konzentrieren und damit auf eigene investigative Recherchen, Vor-Ort-Berichterstattung und Analysen. Auch dem Community-Building durch Live Journalismus und Events sowie dem Fokus auf menschliche Geschichten messen die Befragten große Bedeutung zu. Servicejournalismus, zeitloser „Evergreen-Content“ und allgemeine Nachrichten sollen hingegen stark reduziert werden, da diese Inhalte zunehmend von KI abgedeckt würden. Gleichzeitig wollen die Verlage deutlich mehr in Video- und Audioformate wie Podcasts und weniger in Text investieren.
Viele Publisher messen klassischer Suchmaschinenoptimierung aber auch der Bedeutung der „traditionellen“ sozialen Netzwerke Facebook oder X für ihre Reichweite inzwischen zudem weniger Bedeutung bei und konzentrieren sich stattdessen stärker auf Youtube sowie andere videobasierte Plattformen wie TikTok und Instagram. Ebenso gewinnt die gezielte Distribution über KI-Plattformen wie ChatGPT von OpenAI, Googles Gemini und Perplexity zunehmend an Bedeutung.
Chancen durch Lizenzeinnahmen; Abo & Mitgliedschaft wichtigste Einnahmequelle
Neben den Risiken durch Künstliche Intelligenz für den Traffic sehen die Nachrichtenverantwortlichen aber auch Chancen für neue Lizenzeinnahmen über Chatbots. 20 Prozent der Verlage – meist große Unternehmen – rechnen mit erheblichen Erlösen, 49 Prozent erwarten geringe Beiträge und weitere 20 Prozent gehen von keinen Einnahmen aus – dabei handle es sich vor allem um lokale Anbieter, öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten oder Befragte aus kleineren Ländern.
In Bezug auf ihre Umsatzstrategie bilden Abonnements und Mitgliedschaften mit 76 Prozent Zustimmung weiterhin die wichtigste Einnahmequelle für Publisher, es folgen Display-Werbung (68 Prozent) und Native Advertising (64 Prozent). Online- und Präsenzveranstaltungen gewinnen ergänzend weiterhin an Bedeutung (54 Prozent).
Mehr Zusammenarbeit mit Creatorbranche
Der Aufstieg von individuellen Nachrichtenproduzenten und Influencern ist für Publisher auf zweierlei Weise ein Problem. Mehr als zwei Drittel der Befragten zeigten sich laut Studie besorgt, dass diese den Inhalten der Medienhäuser Zeit und Aufmerksamkeit entziehen. Vier von zehn befürchten zudem, dass sie Gefahr laufen, die besten eigenen redaktionellen Talente an die Creator-Branche zu verlieren.
Als Reaktion auf den verstärkten Wettbewerb und eine Verschiebung des Vertrauens in Creator-Persönlichkeiten sagen drei Viertel der Publisher-Befragten, dass sie versuchen werden, Mitarbeitende selbst mehr wie solche aufzubauen und zu präsentieren. Die Hälfte gab an, dass sie mit Creatoren zusammenarbeiten würden, um Inhalte zu verteilen, etwa ein Drittel gab an, dass sie Creatoren einstellen würden, zum Beispiel um ihre Social-Media-Konten zu betreiben. Einige wollen eigene Creator-Studios einrichten und Joint Ventures unterstützen.
Fazit: Gesetzlicher Schutzbedarf; neue Sichtbarkeit
Der DFJV sieht die im Reuters-Bericht geschilderten Entwicklungen einerseits mit großer Sorge: Die KI-Zusammenfassungen und generative Systeme greifen zunehmend zeitlosen, erklärenden und serviceorientierten Inhalte ab, die qualitativ hochwertigen Fachjournalismus ausmachen. Gerade Fach-Content, der auf Expertise, Einordnung und Verlässlichkeit setzt, wird von KI extrahiert, verdichtet und in Such- und Antwortsystemen ausgespielt, ohne dass Reichweite, Vergütung oder auch Markenbindung bei den Urheberinnen und Urhebern ankommen. Damit droht eine schleichende Entwertung journalistischer Arbeit, von der insbesondere kleine Verlage sowie freie Fachjournalistinnen und -journalisten betroffen sind. Wir fordern daher die rasche Umsetzung eines klaren gesetzlichen Rahmens in Deutschland, der die Nutzung von Presse- und Fachinhalten für Training, Zusammenfassung und Ausspielung durch KI-Plattformen vergütungspflichtig macht, Transparenz über genutzte Quellen herstellt und kollektive Rechtewahrnehmung ermöglicht – etwa über Verwertungsgesellschaften oder neue branchenspezifische Clearingstellen.
Zugleich zeigt die beschriebene Neuausrichtung des Verhältnisses von Journalismus und Creatorbranche auch Chancen für den Fachjournalismus auf: Fachkompetenz, persönliche Glaubwürdigkeit und Publikumsvertrauen gewinnen in einer fragmentierten Medienöffentlichkeit an Bedeutung. Gerade freie Fachjournalistinnen und -journalisten können hiervon profitieren, indem sie sich als Personenmarken positionieren, ihre Expertise sichtbar machen und direkte Beziehungen zu Communities aufbauen – etwa über Newsletter, Podcasts, Videos, Events oder Mitgliedschaftsmodelle. Fachjournalismus kann so den digitalen Wandel für sich nutzen und weiter an Profil gewinnen.
