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„Wir erklären, warum Medien die Fehler machen, die sie machen“

18.03.2026 Gunter Becker
Titelillustration: Esther Schaarhüls

Am Anfang der Gründungsgeschichte des Medienmagazins Übermedien stand ein Skandal. Den beiden Medienjournalisten Boris Rosenkranz und Stefan Niggemeier war aufgefallen, dass das ZDF die Teilnehmer:innen seiner Sendung „Deutschlands Beste“ mit Johannes B. Kerner mit dubiosen Methoden ermittelt hatte. Rosenkranz (u. a. tätig für das WDR-Medienmagazin ZAPP) und Niggemeier (u. a. Gründer des BILDBlog) schrieben darüber ein vielbeachtetes Stück. Aus dem Blogbeitrag entwickelte sich das Medienmagazin Übermedien. Das deckt seit inzwischen zehn Jahren Ungereimtheiten, Versäumnisse und Systemfehler im Medienbetrieb auf.

Einen Blick in den Maschinenraum der Redaktion werfen wir im Interview mit Chefredakteur und Geschäftsführer Alexander Graf.

Herr Graf, alles Gute zum Geburtstag von Übermedien. Wo und wie positioniert sich das Magazin im deutschen Medienjournalismus, zehn Jahre nach seiner Gründung?

Medienjournalismus wird ja oft als eine Art Branchenjournalismus wahrgenommen, also von Journalisten:innen für Journalisten:innen. Das ist bei Übermedien anders. Wir richten uns zuerst an Menschen, die Medien nutzen, und erst danach an solche, die Medien machen. Ersteren möchten wir erklären, warum Medien so funktionieren, wie sie funktionieren, und warum sie die Fehler machen, die sie immer wieder machen.

Im Unterschied zu anderen medienjournalistischen Titeln schreiben wir daher auch selten über Branchenentwicklungen, Personalien oder die Arbeitsbedingungen von Journalist:innen. In unserem Fokus steht ganz klar die konkrete Medienkritik, geschrieben für Menschen, die kritische Fragen an Medien haben.

Medienjournalismus wird ja oft als eine Art Branchenjournalismus wahrgenommen, also von Journalisten:innen für Journalisten:innen. Das ist bei Übermedien anders. Wir richten uns zuerst an Menschen, die Medien nutzen, und erst danach an solche, die Medien machen.

Gibt es auch deshalb Ihre Rubrik „Sachverstand“, in der Berufstätige Fehler in der medialen Darstellung ihrer Berufe richtigstellen können?

Uns schreiben tatsächlich oft Menschen, die in der journalistischen Darstellung ihres Fachgebiets immer wieder die gleichen Ungenauigkeiten oder Fehler entdecken und sich darüber ärgern. Vor allem, weil ihre Perspektive in den Redaktionen oft nicht gehört wird – eine offene Fehlerkultur gibt es im Journalismus schließlich nur selten. Wir geben diesen Menschen daher mit der Rubrik die Möglichkeit, ihre kritische Expertise zu teilen.

Gibt es trotzdem auch große Themen und Entwicklungen in den Medien, denen Sie systematisch und langfristig in Ihrer Berichterstattung folgen? Wenn ja: Welche wären das?

Die gibt es natürlich. Da ist zunächst das Thema Ökonomie im weitesten Sinn. Also: Wie beeinflusst die wirtschaftliche Situation der Verlage – dazu gehören die sinkenden Werbeeinnahmen – die Rahmenbedingungen von Journalismus? Wie sieht der Journalismus aus, der unter diesen Vorzeichen und Zwängen entsteht?

Zudem beobachten wir die Aufmerksamkeitsökonomie und das Verhältnis von journalistischen Medien und Plattformunternehmen sehr genau. Das sind ebenfalls Themen, die den Journalismus unmittelbar beeinflussen. Medien müssen ihre Inhalte heute schließlich primär auf Plattformen verkaufen, die vor allem Emotionalisierung und Zuspitzung belohnen. Natürlich setzt das den Anreiz, besonders knallige oder zugespitzte Zeilen zu formulieren oder vor allem emotionalisierte Themen zu wählen, die in sozialen Netzwerken gut laufen.

KI ist ebenfalls ein Dauerthema, das uns umtreibt. Hier sehen wir inzwischen auch im seriösen Journalismus die ersten fragwürdigen und besorgniserregenden Ergebnisse. Teilweise stecken dahinter bewusste Entscheidungen.

So hatten die Webseiten von Frankfurter Rundschau und Merkur etwa eine Reportage des britischen Guardian mithilfe von KI plagiiert und unter eigener Fahne veröffentlicht. In anderen Fällen scheint hingegen noch die nötige Kompetenz zu fehlen. So im Februar beim ZDF, wo sowohl der New-York-Korrespondentin als auch der heute journal-Redaktion ein offensichtliches KI-Video im eigenen Beitrag nicht auffiel.

Nicht zuletzt beschäftigt uns die Zunahme zugespitzter Diskurse in den Medien. Dass also Themen, die eigentlich recht banal und nebensächlich sind, in Medien sehr groß und sehr emotional aufgezogen und dann auch immer wieder neu aufgekocht werden. Diese Entwicklung ist sicher teilweise der eben erwähnten Plattformenlogik und der Dynamik sozialer Medien geschuldet. Sie führt aber letztlich dazu, dass anfangs oft kleine Themen zunehmend in eine Art von Kulturkampf abdriften. Es ist ein wenig ironisch, dass in Leitartikeln dann gleichzeitig gerne staatstragend eine vermeintliche Polarisierung der Gesellschaft beklagt wird. Die eigene Rolle wird dabei nicht so gerne hinterfragt.

KI ist ebenfalls ein Dauerthema, das uns umtreibt. Hier sehen wir inzwischen auch im seriösen Journalismus die ersten fragwürdigen und besorgniserregenden Ergebnisse. Teilweise stecken dahinter bewusste Entscheidungen.

Apropos Kulturkampf: Auf Blue Sky hat der Moderator Aurel Mertz Szenen seines Streitgesprächs mit dem Journalisten Robin Alexander über Merz als Kulturkämpfer gepostet. Könnte so etwas ein Aufhänger für einen Übermedien-Beitrag sein? Vielleicht um das Verhältnis zwischen jungen Influencer:innen und etablierten Journalist:innen zu beleuchten?

Dieses Verhältnis ist grundsätzlich sicher ein relevantes Thema, auch für uns. Und der konkrete Fall könnte womöglich ein Aufhänger für eine größere Analyse sein, würde aber aus meiner Sicht keinen eigenen Text bei uns rechtfertigen.

Das kommentierte Nacherzählen von Konflikten aus einer Talkshow wäre schließlich auch das, was ich eben als Journalismus für die Plattformen beschrieben habe. Das passt nicht zu Übermedien. Zumal Talkshows in allen großen Publikumsmedien nachbesprochen werden. Wir haben nur sehr begrenzte personelle Ressourcen und versuchen daher, Themen zu finden, die anderswo eher nicht laufen.

Trotzdem habe ich auch das „Dschungelcamp auf Ihrer Site entdeckt. Warum haben Sie das gecovert? Auch das Thema läuft doch überall?

Zum einen gibt es immer wieder große Themen, die wir machen, gerade weil sie so präsent sind. Die Motivation ist dann, unserer Leserschaft eine ausgeruhte Übermedien-Lesart anzubieten. Denn wir bekommen oft die Rückmeldung, dass unsere Nutzer:innen erst durch einen Übermedien-Text ein Thema durchdrungen hätten, das gerade durch alle Medien gejagt wird.

Zum anderen wurde das Thema im konkreten Beispiel in unserem wöchentlichen Podcast behandelt. Dieser hat noch einmal eine andere Ausrichtung als unsere Texte. Hier geht es öfters um Themen, die in der jeweiligen Woche die Medienlandschaft dominiert haben.

Und nicht zuletzt haben wir das „Dschungelcamp“ ja nicht im Sinne einer TV-Rezension besprochen, sondern weil durch den Fall Gil Ofarim eine konkrete medienjournalistische Fragestellung interessant wurde. Nämlich: Welche redaktionelle Verantwortung hat ein Sender, wenn in einem Unterhaltungsformat irreführende Äußerungen verbreitet werden?

Sie haben vorhin von „ausgeruhten Texten“ gesprochen. Ihr Gründer Boris Rosenkranz sprach einmal von „ausgeruhter Einordnung“. Gibt es einen speziellen Übermedien-Touch? Einen bestimmten Stil, oder Sound?

Ja, ich glaube schon. Wir wollen nicht einfach nur irgendeine weitere Meinung in die bereits überfüllte Meinungsarena werfen. Wir möchten unseren Leser:innen vielmehr einen echten Mehrwert bieten, sodass sie nach der Lektüre eines Textes ein Thema besser verstehen. Sie sollen danach nicht noch weiter emotionalisiert, sondern im besten Fall schlauer sein.

Es gibt sicher auch einen bestimmten Übermedien-Stil. Unsere Gründer Boris Rosenkranz und Stefan Niggemeier haben von Anfang an auf eine sehr eigene Mischung in ihren Texten gesetzt: einerseits wahnsinnig viel Recherche und Akribie, gleichzeitig aber auch Humor und Ironie.

Wir wollen nicht einfach nur irgendeine weitere Meinung in die bereits überfüllte Meinungsarena werfen. Wir möchten unseren Leser:innen vielmehr einen echten Mehrwert bieten, sodass sie nach der Lektüre eines Textes ein Thema besser verstehen. Sie sollen danach nicht noch weiter emotionalisiert, sondern im besten Fall schlauer sein.

Sie sind in der Redaktion lediglich zu viert. Wie investigativ, eng und lange können Sie an einer Story dranbleiben mit solch einem kleinen Team?

Diese relativ geringen personellen Ressourcen setzen uns natürlich Grenzen. Aber gleichzeitig entziehen wir uns oft auch ganz bewusste den Logiken des Mediengeschäfts. Bei uns gibt es keinen Veröffentlichungsdruck. Wir müssen nicht jeden Tag zehn Texte veröffentlichen. Wir geben uns die Freiheit, Themen zu bringen, auf die wir Lust haben, und haben nicht den Druck, Themen machen zu müssen, nur weil sie gerade die Timelines beherrschen. Das gibt uns die Gelassenheit, unter Umständen zwei Monate lang zu einem Thema zu recherchieren, das uns wichtig ist. Dann darf die Kollegin oder der Kollege auch einfach mal weniger Zeit in andere Aufgaben investieren.

Aber im Hintergrund lauern doch auch Ihre etwa 7.000 „Übonnent:innen“ darauf, dass sie regelmäßig neuen Stoff bekommen, für ihre Abo-Gebühren. Entsteht so nicht auch ein Druck?

Nein, unsere Abonnent:innen verstehen unseren Ansatz eigentlich sehr gut. Vielen geht es vor allem darum, unabhängige und fundierte Medienkritik mit ihrem Abo zu ermöglichen. Ob sie dann am Ende drei oder fünf Texte in der Woche lesen können, ist den meisten relativ egal. Das zeigen uns auch Umfragen in unserer Community.

[U]nsere Abonnent:innen verstehen unseren Ansatz eigentlich sehr gut. Vielen geht es vor allem darum, unabhängige und fundierte Medienkritik mit ihrem Abo zu ermöglichen.

Konkret gefragt: Wie viele neue Beiträge veröffentlichen Sie im Schnitt pro Woche auf Übermedien?

Im Schnitt sind es tatsächlich etwa fünf neue Beiträge. Wie gesagt: Das ist der Schnitt, den wir zu halten versuchen, aber kein notwendiges Kriterium für unsere Arbeit.

Sie sind gleichzeitig auch Geschäftsführer bei Übermedien. Warum holen Sie Ihre Beiträge bereits nach einer Woche vor die Paywall in den öffentlich zugänglichen Bereich. Warum so schnell?

Unter rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das bestimmt Quatsch und würde klassische Verlagsmanager sicher verzweifeln lassen. Aber für uns ist das die beste Lösung, um zwei miteinander konkurrierende Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Denn einerseits brauchen wir den Zahlungsanreiz durch eine Paywall – und natürlich auch das Geld. Andererseits möchten wir möglichst vielen Menschen den Zugang zu unseren Inhalten ermöglichen. Uns schadet dieses Modell nicht, im Gegenteil. Es sorgt teilweise sogar für erhöhte Glaubwürdigkeit.

Das klingt sehr nach Gemeinnutz, Aufklärung und Volksbildung. Warum haben Sie dann die GmbH und nicht, wie etwa die Correctiv gGmbH oder die RiffReporter eG, eine gemeinnützige Gesellschaftsform gewählt? Dann könnten Sie auch steuerbefreit Spenden und Fördergelder in Anspruch nehmen?

Zunächst einmal ist der Journalismus an sich ja noch immer nicht als gemeinnützig anerkannt. Um die von Ihnen erwähnte Gemeinnützigkeit zu erhalten, müssten wir also ähnlich wie etwa Correctiv Bildungsangebote bereitstellen.

Vor allem geht es dabei aber um unsere Unabhängigkeit. Wir möchten nicht bei Stiftungen, Förderprogrammen oder anderen Institutionen anklopfen, um dann vielleicht von diesen Geldern abhängig zu werden. So ein Modell kommt für uns daher nicht infrage.

Sie sind zudem werbefrei. Zur Zielgruppe passende Werbung ist doch heute kein Makel mehr für ein progressives Medienhaus, wie etwa auch die taz oder der Freitag. Warum verzichten Sie auf solche Einnahmen?

Die Entscheidung der Werbefreiheit gehört zu unserem Gründungsnarrativ – und davon werden wir auch nicht abweichen: keine Werbung und kein Geld von irgendwelchen Institutionen oder Konzernen. Auch wenn uns Google regelmäßig per Mail Lizenzzahlungen für unsere Inhalte anbietet, klicken wir konsequent auf den Nein-Button.

Wir möchten nicht bei Stiftungen, Förderprogrammen oder anderen Institutionen anklopfen, um dann vielleicht von diesen Geldern abhängig zu werden. So ein Modell kommt für uns daher nicht infrage.

Inwieweit können Ihre Autor:innen ihre bereits anderweitig veröffentlichten Beiträge bei Übermedien zweitverwerten oder die für Übermedien geschriebenen anderweitig nutzen?

Ich sehe das undogmatisch. Manchmal passt es, dann veröffentlichen wir einen Text noch einmal bei uns. Das kommt aber selten vor, weil wir doch sehr spezifische Ansprüche an Texte haben. Beiträge, die bei uns schon erschienen sind, können Autor:innen mit einem gewissen zeitlichen Abstand gerne woanders veröffentlichen. Letztlich kann man mit uns über solche Dinge immer sehr unkompliziert sprechen.

Als Chefredakteur setzen Sie auch formale und stilistische Rahmen. Welche journalistischen Formen möchten Sie bedient sehen? Welche stilistischen Vorgaben machen Sie?

Es gibt schon einige Vorgaben. Die beziehen sich zunächst auf die Recherchearbeit. Uns ist es sehr wichtig, alles penibel belegen und begründen zu können, was in einem Text geschrieben wird – auch persönliche Einordnungen. Das klingt trivial, ist es aber leider nicht. Unsere Redigatsschleifen sind daher teilweise durchaus aufwendig.

Zudem fordere ich von Autor:innen, dass sie auch Argumente oder Sachverhalte in ihrem Text erwähnen, die der eigenen These widersprechen. Erst in diesem Spannungsverhältnis entsteht echter Mehrwert.

Nicht zuletzt legen wir auch Wert auf einen bestimmten Sound. Gerade weil unsere Themen oft sehr analytisch sind, ist uns eine eigene Tonalität, die den Text trägt, sehr wichtig.

Dieser Spagat – einerseits extrem genau und analytisch zu arbeiten und andererseits dem Text einen gewissen Swing zu geben – ist erfahrungsgemäß auch die größte Herausforderung für neue Autor:innen.

Gerade weil unsere Themen oft sehr analytisch sind, ist uns eine eigene Tonalität, die den Text trägt, sehr wichtig.

Besonders Fachjournalist:innen fühlen sich öfter der peniblen Faktendarstellung als der massentauglichen Schreibe verpflichtet. Haben Sie Probleme, neue Autor:innen zu bekommen?

Es ist tatsächlich nicht leicht, neue Autor:innen zu finden. Aber weniger aufgrund der von Ihnen genannten Herausforderung. Das Problem ist eher, dass der Medienjournalismus traditionell ein Nischenressort ist.

Ich freue mich also immer über Textangebote von Freien. Die einzige Voraussetzung ist, dass man sich vorher ausreichend damit auseinandergesetzt hat, was für Themen wir machen und wie wir sie umsetzen.

Wie funktioniert bei Übermedien das Zusammenspiel zwischen Website und Podcast? Sind das sich ergänzende Elemente oder zwei ganz verschiedene Produkte? Mir fällt auf, dass der Podcast primär mit „Holger ruft an“ gebrandet ist. Warum ist das so?

Sie ergänzen sich. Der Podcast führt oft Leute an Übermedien heran, die nicht über andere Kanäle oder über unsere Webseite zu uns kommen. Als dialogisches Format, in dem es etwas humorvoller und persönlicher zugehen kann und in dem auch etwas breitere Themen besprochen werden.

Der Host, Holger Klein, ist aus dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Radio bekannt und bringt eine eigene Fanbase mit. Denen öffnet er in unserem Podcast eine Tür zu unseren Themen. Es ergibt also Sinn, ihn auch prominent im Titel des Podcasts zu erwähnen.

Es gibt selbstverständlich auch Leute, die nur den Podcast hören, was vollkommen in Ordnung ist. Wenn jedoch jemand Stammhörer:in ist, steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie uns irgendwann mit einem Abo unterstützt.

Einmal steckte uns etwa jemand, dass ein leitender Redakteur einer bekannten Zeitung intern warnte: „Das müssen wir anders machen, sonst macht uns Übermedien rund.“

Wenn Sie drei wichtige Übermedien-Beiträge nennen sollten, die eine ganz konkrete Wirkung gehabt haben, welche wären das?

Wirkung ist gar nicht so einfach zu definieren. Wir hören etwa bisweilen aus kritisierten Redaktionen, dass unserer Beiträge dort durchaus etwas auslösen. Das wird dann aber nicht öffentlich. Einmal steckte uns etwa jemand, dass ein leitender Redakteur einer bekannten Zeitung intern warnte: „Das müssen wir anders machen, sonst macht uns Übermedien rund.“

Mancher Beitrag hat aber auch konkrete Folgen: Zuletzt haben wir etwa, wie vorhin erwähnt, aufgedeckt, dass die Webseiten von Frankfurter Rundschau und Merkur mithilfe eines KI-Tools eine Reportage des britischen Guardian fast vollständig plagiiert und mit eigener Autorenzeile veröffentlich hatten. So ein Text wird dann nach unserer Veröffentlichung gelöscht.

Es gibt auch andere Beispiele: Annika Schneider hatte herausgefunden, dass die Tagesschau – unwissentlich – auf ihrem Telegram-Account mit dubioser Sportwetten-Werbung Geld verdient hat. Weil man diese Funktion wohl nicht deaktivieren kann, wurde der Kanal der Tagesschau daraufhin abgeschaltet.

Ich hätte jetzt stattdessen die „Correctiv-Story über das Treffen von Rechtsextremen in Potsdam erwartet, die viel Medienecho hatte und über die viele Menschen Übermedien ganz bewusst wahrgenommen hatten. Warum nennen Sie dieses Beispiel nicht?

Ich hatte Wirkung primär im Sinn einer direkten Konsequenz oder Folge verstanden. Die hatte dieser Text ja nicht. Aber klar, das war tatsächlich ein wichtiger Beitrag, der sehr viele Reaktionen hervorgerufen hat, auch kritische und kontroverse.

Für uns definiert sich die Wirkung eines Beitrags vor allem über die Reaktionen unserer Leser:innen.

Wie würden Sie für Übermedien wirksamen Medienjournalismus formulieren?

Für uns definiert sich die Wirkung eines Beitrags vor allem über die Reaktionen unserer Leser:innen. Wenn uns also Menschen für einen Text danken, weil sie jetzt bestimmte Zusammenhänge im Journalismus oder aufgeheizte Diskurse besser verstehen, dann ist das für uns die wertvollste Wirkung, die unsere Arbeit haben kann. Viel wichtiger als personelle Konsequenzen oder das Auslösen einer riesigen Debatte in den sozialen Medien.


© Manuel Horn

Alexander Graf ist Chefredakteur von Übermedien, zuvor war er Chefredakteur beim Medium Magazin. Er war außerdem Redakteur der Rheinpfalz in Ludwigshafen und arbeitete als freier Journalist mit den Schwerpunkten Medien und Wissenschaft, unter anderem für die taz und Zeit Online.


Gunter Becker
© Eberhard Kehrer

Gunter Becker schreibt seit Beginn der 1990er Jahre als freier Autor über elektronische und digitale Medien. Anfangs für Tageszeitungen, z.B. die taz und den Berliner Tagesspiegel und inzwischen vorwiegend für Fachmagazine. Für den Fachjournalist, das Medium Magazin und Menschen Machen Medien verfolgt er die digitale Transformation der Medien, stellt neue Berufsprofile vor und schreibt Service-Beiträge für Medienschaffende.

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