Talk to me: Journalist Samir H. Köck und die „Goldene Backhendlzeit des Musikjournalismus“
B. King, Harry Belafonte, Lana del Rey und Amy Winehouse: Musikjournalist Samir H. Köck hat sie alle getroffen und mit ihnen über Musik, Politik, Philosophie und anderes gesprochen. Im Buch „Talk to me. Stars im Gespräch“ liefern 62 seiner Interviews eine Rückschau auf eine Zeit, in der man die (angehenden) Größen des Musikbusiness noch ohne Management und Maulkorb treffen konnte.
1990 versucht Samir H. Köck, damals noch Fan und nicht renommierter Musikjournalist, von seinem Idol Van Morrison ein Interview zu bekommen. Dieser, bekanntermaßen kein Freund von Journalist:innen, lässt Köck abblitzen. Der vierzeilige Schlagabtausch eröffnet den Interview-Reigen des Buches „Talk to me. Stars im Gespräch“. Doch die Szene, die der Verfasser wiedergibt, wird zwischen den Buchdeckeln verkürzt abgehandelt. Im Eiles Podcast erzählt der Autor im Gespräch mit Gert Kunze mehr dazu: Nach einem Blick auf die in Blockschrift aufgemalten Fragen meinte der Musiker lapidar: „Alles schon beantwortet.“
Interesse am Menschen
In seinem Buch präsentiert Köck 62 Interviews aus der Fülle von rund 2.500, die er in seiner mehr als 30 Jahre dauernden Karriere als Musikjournalist geführt hat. Zu seinen Interviewpartner:innen zählen Größen wie Björk, Yoko Ono, Henry Rollins, Patti Smith, Elvis Costello, Leonard Cohen und viele andere. Die Fragen, die er den Künstler:innen stellt, gehen weit über das Musikalische hinaus. Köck interessiert sich auch abseits des kreativen Schaffensprozesses für die Menschen. Dies wird spürbar, wenn er zum Beispiel mit Kevin Coyne über dessen Alkoholsucht spricht oder mit Harry Belafonte über die verstörenden Erfahrungen mit einem Psychotherapeuten, der sich als FBI-Informant entpuppte.
Köck interessiert sich auch abseits des kreativen Schaffensprozesses für die Menschen.
Ein gutes Interview sei laut Köck eines mit einer interessanten Wendung: „[M]an muss quasi die Gesprächspartner soweit auflockern, dass irgendetwas Unerwartetes kommt, sonst ist es ja fad.“ Zudem sei ihm wichtig, „die Musik größer zu sehen“, denn ein Konzert sei „ein semiotisches System, dass man dekodieren“ müsse, wie er im Eiles-Podcast erzählt. Der Anspruch ist, die während eines Interviews behandelten Themen auf andere gesellschaftliche Bereiche auszuweiten. So erfährt man als Leser:in, wie und wo ein Tom-Waits-Song entsteht: „[Ich] schreie und singe und nehme das mit einem kleinen Recorder auf. Diese Rohversionen liebe ich am meisten. Sie müssen wissen, wenn man eine Familie hat, dann ist der einzige ruhige Platz, der bleibt, das Auto.“ Man liest aber auch, dass Lana del Rey ihre ersten Musikvideos selbst gedreht hat oder was der brasilianische Sänger und Komponist Caetano Veloso vom damaligen Präsidenten Jair Bolsonaro hält …
„Warum fragen Sie mich das“
Wichtig sei die Chemie zwischen Interviewer und interviewter Person – und dies entscheide sich in Sekundenbruchteilen oder gar Nanosekunden, wie Köck in einem Radiobeitrag im Österreichischen Rundfunk (Ö1) sagt. Rational zu erklären sei dies nicht. „Es gibt Leute, bei denen macht es richtig Klick.“
Nicht so richtig geklickt hat es wohl zwischen dem Musikjournalisten und der Blueslegende B. B. King. 1999 fragt Köck ihn, welche weißen Bluesmusiker seine Gnade finden würden. Der Interviewte reagiert unwillig: „Warum fragen Sie mich das. Das mag ich nicht. Wenn Sie irgendeinen Namen nennen würden, o.k. Aber so ist die Frage rassistisch. Mir ist es egal, ob jemand schwarz, weiß, rot, blau oder grün ist.“ Auch die Erklärung, dass „viele Musikfreunde in Europa finden, dass nur Afroamerikaner den Blues authentisch spielen“ könnten, lässt der spürbar verstimmte King nicht gelten. Heute würde man eine solche Frage nicht mehr stellen. Wie ein gut funktionierendes Interview mit einer unsensiblen Frage kippen kann, zeigt sich hier hingegen gut. Danach erkundigt sich Köck noch nach Kings Karrierehighlight. Die Antwort fällt knapp aus: „Mein Treffen mit Papst Johannes Paul II.“
„Es gibt Leute, bei denen macht es richtig Klick.“
Neu- und Wiederentdeckungen
Köck stellt selbstredend Fragen zur Musik, zur Entstehung, zu Vorbildern usw., doch besonders spannend sind Fragen wie: „Stoff Ihrer Lieder sind sehr oft die mannigfaltigen steinigen Wege zu Weisheit und innerer Ruhe. Ist das Leben ein Bildungsroman?“ Dies fragte er Cat Stevens bzw. Yusuf Islam im Jahr 2007. 2009 richtete er sich an Iggy Pop mit: „Was gefiel Ihnen an Houellebecqs Roman Die Möglichkeit einer Insel?“ Bei der letzten Frage wird ein Manko des Buches deutlich: der fehlende Kontext. Denn der Zusammenhang wird erst durch Recherche oder Vorwissen nachvollziehbar: Der niederländische Dokumentarfilm „To Stay Alive: A Method“, in dem die Musik-Ikone Iggy Pop und der Kult-Autor Michel Houellebecq ein tieftrauriges Duo abgeben, liefert das Verbindungsstück.
Zwischen Blindfold-Test und Jodlerin
Besonders deutlich wird die ausgesparte Umgebungserzählung im letzten Kapitel, das keinen klassischen Frage-Antwort-Dialog, sondern einen Blindfold-Test nach Leonard Feather mit Little Jimmy Scott enthält: Hier erfährt man, dass Scott zu Gast in Köcks Wohnung war und man sich durch die Plattensammlung des Gastgebers gehört hat. Der erste Blindfold-Test, dessen Erfinder der britisch-amerikanische Jazz-Journalist, Kritiker und Musiker Leonard Feather ist, wurde September 1946 in der Jazz-Zeitschrift Metronome mit der Pianistin und Komponistin Mary Lou Williams durchgeführt. Größen wie Charlie Parker (1948) oder Miles Davies haben sich dieser speziellen Interviewform unterzogen und lieferten damit einen besonderen Einblick in ihre Gedanken zur Musik.
Mehr davon wäre wünschenswert gewesen: Zum Beispiel wie Tom Waits den hochnervösen Journalisten im kalifornischen Nirgendwo an einer Bushaltestelle zum Interview abholt. Oder wie Köck nach einem Interview mit Amy Winehouse zu wenig auf das Konzert achtgibt, da er darauf vertraut hat, dass die Musikerin noch eine längere Karriere vor sich hat … Doch die Interviews sollten wohl für sich stehen. Das tun sie auch, nur leider etwas isoliert. Denn dass der Autor viele spannende Geschichten zu den Begegnungen zu erzählen weiß, beweist er eindrücklich im oben zitierten Eiles-Podcast. Hier wäre mehr tatsächlich mehr gewesen.
Dennoch liefert das Buch einen interessant-wehmütigen Blick zurück in die Vergangenheit, wo Interviewfragen noch ohne message-control gestellt und beantwortet werden durften. Zudem holt es Musikschaffende vor den Vorhang, die vermutlich nicht (mehr) jedem geläufig sein dürften. Interessant, aber schwer zugänglich mögen für bundesdeutsche Leser:innen wohl auch die Antworten der Sängerin und Jodlerin Gretl Steiner sein, die der Autor unter der Südwand des Dachsteins zum Interview getroffen hat. Hier würde man bei einem Film vermutlich Untertitel einblenden, wenn es über einen speziellen Jodler heißt: „Wenn den mei’ Vater in da Lodenwalcherei g’sungan hod, is mir scho ois Kind koid übern Buckel glafn.“
Abgesang
Samir H. Köck hat „die letzten Ausläufer der Goldenen Backhendlzeit des Musikjournalismus“, wie er im Buch schreibt, noch miterlebt. Viele seiner Interviews entstanden in einer Ära ohne Streaming, Musik-Downloads und Social Media. Die Künstler:innen traf man nach dem Konzert, in einer Bar oder ungezwungen daheim – wohingegen heute kaum jemand ohne Medientraining und ohne Management-Maulkorb mit Journalist:innen spricht. Vor diesem Hintergrund lesen sich manche Interviews im Buch wie ein Abgesang auf den Musikjournalismus. Denn Überraschungen, wie sie Köck in „Talk to me“ liefert, sind heute nur mehr schwer zu erreichen.
„Während man bis zur Pandemie 2020 noch mit den Musikerinnen und Musikern entspannt in den Bars von Luxushotels in Paris, London und New York Konversation betreiben konnte, haben sich die Fronten nach dem gleichzeitig stattgefundenen sinnlosen Boom der Streaming-Plattformen schwer verhärtet“, so Köck im Vorwort. Und er ergänzt: „Eine Pest sind zudem protektive Künstlermanagements, die nicht nur den Inhalt der Gespräche im Nachhinein kontrollieren und zensieren wollen, sondern zuweilen schon dreist vorgeben, was eigentlich zu fragen wäre und was nicht.“
Überraschungen, wie sie Köck in „Talk to me“ liefert, sind heute nur mehr schwer zu erreichen.
Musikjournalismus in der Krise
Denkt man an die Social-Media-Accounts mancher Giganten wie Taylor Swift oder Bad Bunny wird klar, dass die Großen der Zunft den Kontakt zu Journalist:innen für das Promoten neuer Alben nicht mehr brauchen. Die vielzitierte Krise des Musikjournalismus hat sich von der Klage über das Verschwinden gedruckter Magazine wie Spex, Juice oder Groove – im taz Talk der Panter Stiftung genauer besprochen – zu einem Strukturwandel entwickelt. Es schrumpfen nicht nur die publizistischen Möglichkeiten, sondern auch die ökonomischen Grundlagen eines Berufsstands. Im Deutschlandfunk-Podcast „Nach Redaktionsschluss“ heißt es dazu: „Während die Musikindustrie Rekordzahlen schreibt, werden die Arbeitsbedingungen im Popjournalismus immer prekärer.“
„Das Shoulder rubbing with the Glitz ist vorbei. Was bleibt, sind Erinnerungen an Begegnungen, die so wohl nicht mehr wiederholbar sind. Nachlesbar sind sie wenigstens.“
Manche neuen Formate tarnen sich als klassischer Musikjournalismus, halten einer Unabhängigkeitsprüfung jedoch nicht stand: So werden die Plattformen thecircle.de und grainsmusic.com beide von Universal Music betrieben. Doch es gibt auch positive Stimmen – wie jene des deutschen Musikjournalisten Olaf Neumann, der 2024 im Fachjournalist-Interview sagte: „Viele Medienhäuser werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren ihre Printmagazine einstellen und nur noch online präsent sein. Meine feste Überzeugung ist: Ganz untergehen wird der Kultur- und damit der Musikjournalismus nicht.“
Untergehen wird der Kultur- und damit der Musikjournalismus nicht – aber die fetten Jahre sind vorbei. Köck sinniert darüber im Vorwort: „Das Shoulder rubbing with the Glitz ist vorbei. Was bleibt, sind Erinnerungen an Begegnungen, die so wohl nicht mehr wiederholbar sind. Nachlesbar sind sie wenigstens.“ Immerhin.
Fazit
Samir Köck präsentiert in „Talk to me“ nicht nur ein buntes Sammelsurium von Porträts quer durch die Musikszene, sondern auch einige seiner interessantesten Interviews, die immer wieder durch ihre Themensetzungen überraschen. Gleichzeitig liefert der Autor einen – wohl unbeabsichtigt wehmütigen – Blick zurück auf ein Reporterleben, das heute durch die Veränderungen der Musikindustrie und Medienlandschaft so nicht mehr stattfinden würde.

Das Buch:
Titel: Talk to me. Stars im Gespräch
Autor: Samir H. Köck
Preis: 26 € (D) und 27 € (A)
Umfang: 340 Seiten
Erscheinungsjahr: 2026
Verlag: MILENA Verlag
ISBN: 978-3-903460-55-3