„Findet die Alte. Findet alles.“ – Rezension zu Undercover unter Nazis
Das Buch Undercover unter Nazis schildert, wie sich die Investigativjournalistin Angelique Geray in die rechtsextreme Isabell verwandelt und so Zugang zu radikalen Gruppen wie der „Letzten Verteidigungswelle“ erhält. Sie datet Holocaustleugner und nimmt unter anderem an Demonstrationen und „Mädeltagen“ teil. Geray schreibt über ihre Zweifel, bestehende Gefahren und die Verlorenheit mancher auf den „rechten Weg“ gekommener Jugendlicher.
„Mich in eine rechtsextreme Frau zu verwandeln, war kein einmaliger Akt. Es war ein Prozess, der sich über Jahre gezogen hat. Anfangs war sie nicht mehr als eine digitale Hülle: ein Name, ein Geburtsdatum, ein Profilbild. Aber im 21. Jahrhundert ist es erstaunlich einfach, einer Figur ein scheinbar echtes Leben zu verleihen.“ So beschreibt Angelique Geray in ihrem Buch Undercover unter Nazis. Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene ihre Verwandlung. Für die geplante Undercover-Recherche formte sich die Investigativjournalistin ein zweites Leben als Isabell. Isabell musste glaubwürdig sein, keine „platte Neonazi-Karikatur“, jemand, der sich Gedanken macht und etwas verändern will. Doch wie nahe soll die künstlich erstellte Persona der eigenen sein? Eines war schnell klar: Gerays Art zu fragen musste auch eine Eigenart von Isabell sein. „Neugierig, aber vorsichtig. Nicht wertend, sondern beobachtend. Ich bin zurückhaltend, aber nicht unsicher. Diese Haltung hat bewirkt, dass Menschen mir gegenüber keinen Hehl aus ihrer Gesinnung machten“, ist sie sich sicher.
Die Grenze des professionellen Blicks
Die Journalistin schafft es in den inneren Zirkel der rechten Szene. Sie trifft sich mit heiratswilligen Rechtsradikalen und taucht in einem Wut-Video von Martin Sellner auf, nachdem sie bei einer der sogenannten „Fight Night“ der Identitären Bewegung in Wien eine Ringecke betreut hatte. Personenschützer und RTL-Kollegen ihrer Aktivitäten im Hintergrund, verfolgen das Geschehen aus der Distanz und hören die Gespräche der verkabelten Journalistin mit. So geschehen auf einer Fahrt mit vier Mitgliedern der rechtsextremistischen Gruppierung „Letzte Verteidigungswelle“ (LVW), wo in Tschechien Messer, Kugelbomben und anderes eingekauft werden. Auf die Frage, wofür die Bomben gebraucht werden, antwortet LVW-Mitglied Justin: „Naja, wir wollen die ins Heim schmeißen in Senftenberg, das Kanackenheim.“ Die LVW-Mitglieder, die sich über TikTok gefunden und radikalisiert haben, sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. In der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe wechseln sich „Hakenkreuze, SS-Totenköpfe, Panzer und Hello Kitty“ bei den Profilbildern ab. In ihrem mehrteiligen Podcast „Braune Kinderzimmer“ berichtet Geray von ihrem Undercover-Einsatz in der LVW.
Im Buch schreibt die Journalistin von ihren immer drängenderen Zweifeln: „Man schwankt zwischen zwei Gedanken: Vielleicht ist das alles nur leeres Gerede und Zeitverschwendung. Oder: Vielleicht ist das hier die gefährlichste Geschichte meines Lebens.“ Sie holt sich Rat von André Aden, Experte der rechten Szene und Begründer des unabhängigen Recherche- und Medienprojekts „Recherche Nord“. Sie erzählt Aden von den Kugelbomben und dem angekündigten Anschlag auf das Flüchtlingsheim. Aden stellt klar: „Du bist Journalistin. Du beobachtest, sammelst, dokumentierst. Das ist dein Job. Aber irgendwann stößt selbst der professionellste Blick an eine Grenze. (…) Wenn du weißt, wann und wo etwas passieren soll, dann kannst du nicht mehr so tun, als wärst du nur die, die das alles dokumentiert.“
Anonymer Hinweis
In der Redaktion wird stundenlang diskutiert, wie es weitergehen soll. Geray hat während ihrer verdeckten Recherche viel Material gesammelt, Pläne und Chatverläufe archiviert sowie den Waffenkauf mit versteckter Kamera dokumentiert. Ein anonymer Hinweis führt am 21. Mai 2025 zur Verhaftung von vier LVW-Mitgliedern. Der anonyme Hinweis kam von den Reporter:innen von stern und RTL. „Unsere Recherchen, meine Gespräche und meine Aufnahmen führen die Ermittler zu Justin und seinen rechtsextremen Freunden – und verhindern so einen geplanten Anschlag“, schreibt Geray.
Während der Razzien war die Journalistin bereits von ihrem Arbeitgeber aus Sicherheitsgründen außer Landes gebracht worden. Die Entscheidung, ihren Namen und ihr Gesicht zu veröffentlichen, traf sie bewusst – sie wollte sich nicht verstecken. Im LVW-Chat heißt es nach Bekanntwerden ihrer Rolle: „Findet die Alte. Findet alles.“ Einige Wochen später wird im Gefängnis bei Justin ein handgeschriebener Zettel gefunden: Er schwört, die Verräterin zu töten. Am 5. März 2026 hat der Prozess gegen acht LVW-Mitglieder begonnen, das Urteil wird im Mai erwartet.
Keine einfachen Antworten
Die Recherchen zur LVW, zu rechten Datingplattformen, Anwerbeversuchen auf Social Media und anderen Themen gliedert Geray in neun Kapitel. Es gibt eine kleine Anzahl Fotos, eine Danksagung sowie jede Menge Anmerkungen und weiterführende Quellenangaben. Das Vorwort stammt von Schriftsteller und Investigativlegende Günther Walraff. In Kapitel 1, „Willkommen im Wir. Oder: Mein Platz in der rechtsextremen Welt“, weist die Autorin darauf hin, dass sie ihr Buch nicht als „vollständige Analyse oder wissenschaftliche Gesamteinschätzung der rechten Szene“ verstanden wissen will, sondern dass es ein „subjektiver Blick von innen“ ist. Zudem arbeitet sie Forschungsergebnisse von Beratungsstellen, der Leipziger Autoritarismus-Studie und der Shell Jugendstudie ein – Zahlen, die die rechte Bedrohung belegen.
Geray fragt, warum Rechtsextremismus wieder zur jugendkulturellen Mode wird. Dies sei „laut Experten das Ergebnis gezielter Einflussnahme: emotionale Ansprache, das Gefühl von Gemeinschaft, das feste Versprechen von Zugehörigkeit und Bedeutung“. Viele Jugendliche suchen nach Akzeptanz und Halt. Obwohl die Kommentare im Chat der LVW menschenverachtend seien, sodass vieles paraphrasiert werden muss, da „der tatsächliche Wortlaut in vielen Fällen nicht tragbar“ sei, gibt die Journalistin die Jugendlichen nicht auf. Sie weiß wohl, dass manche an die Rechte verloren sind, doch viele sich noch nicht final entschieden haben.
Einstieg auf Social Media
Isabell beobachtet, interessiert sich, fragt nach. Sie will wissen, warum und wie die Jugendlichen den „rechten Weg“ einschlagen. Die Antworten ähneln einander: TikTok, Instagram, YouTube. Rechtsextreme Akteure nutzen Social Media gezielt für ihre Rekrutierungsversuche. Ebenso überraschend wie erschreckend sind Informationen wie diese: Die „Reportagen von Spiegel TV über die Neonazi-Szene“ gelten unter Jugendlichen „fast als Einstiegdroge. (…) Kinder, Zwölf-, Dreizehnjährige, die plötzlich das Gefühl haben, irgendwo dazugehören zu können. Die Videos haben auf YouTube über eine Million Aufrufe – wahrscheinlich mehr als jede seriöse Doku über den Nationalsozialismus.“
Der Wunsch nach Zugehörigkeit wird auch in Kapitel 6, „Rechtsextremismus mit Blümchenkranz. Oder: Undercover im ,Mädelbundʻ “, deutlich. Isabell erhält eine Einladung von den Jungen Nationalisten (JN) zu den „JN-Mädeltagen“, inklusive Informationen zur Kleiderordnung: „Da unser Fokus auf gesunder Weiblichkeit liegt, tragen wir traditionelle Kleider und Röcke (waden- oder knöchellang). Hosen und andere maskuline Kleidungsstücke sind nicht erlaubt.“ Geray erklärt, wie junge Frauen von rechtsextremen Gruppen auf Instagram und TikTok gezielt „mit Pastellfarben, Bauernhofromantik und der vermeintlichen ,Rückkehr zu echten Wertenʻ “ angeworben werden.
#tradwife und andere Ungeheuerlichkeiten
In Kapitel 7, „Liebe unter Weißen. Oder: Dates mit rassistischen Romantikern“, berichtet Geray von ihrer Suche nach dem richtigen (rechtsextremen) Mann. Auf der Datingplattform White.Date verabredet sie sich mit mehreren Männern. Vor allem ihr Profil mit dem Namen „Tradwife“ erntet viel Aufmerksamkeit. Holocaustleugner und Lehrer Till, Profilname „supremacist bookworm“, empfiehlt ihr einschlägige Literatur und versucht so, ihre „Bildungslücken“ zu schließen. Während des vierstündigen Treffens versucht er Isabell „von seiner Wahrheit zu überzeugen“. Interesse an Isabell als Person? Fehlanzeige. Wenig überraschend eigentlich, suchte er doch eine Frau, die bereit ist, sich „versklaven und unterdrücken“ zu lassen.
Das Date mit Julian verläuft ähnlich. Er redet viel über das kaputte System, „Gender-Gaga“, Überfremdung und seinen Lieblingsbegriff „aufwachen“. Denn er sei „aufgewacht“ und wisse, was los sei. Das Treffen endet abrupt, als er erfährt, dass Isabell aufgrund ihres Berufs in der Pflege gegen Corona geimpft ist: „ ,Puhʻ, meint er nach einer kurzen Pause. ,Dann wird das wahrscheinlich nichts mit uns.ʻ “
Dem Hass den Stecker ziehen
Bei den Dates ging es nie um Persönliches, nie um die Frau als Mensch. Stets rückten die Männer ihre Gesinnung und ihr Weltbild in den Fokus der von ihnen dominierten Gespräche, die eher an Vorträge erinnerten. „Was ich gefunden habe, war oft: Hass. Und ich habe verstanden: Hass bleibt nicht privat. Er sucht Anschluss und Struktur.“
Finale Aufmerksamkeit erhielt die rechtsextreme Datingplattform White.Date, als die Hackerin Martha Root während des Chaos Communication Congress in Hamburg Ende 2025 die Seite (plus White.Child und White.Deal) samt ihren rund 8.000 Mitgliederdaten löschte. Gefilterte Informationen stellte Root später auf einer Website mit dem verballhornten Namen okstupid öffentlich. Schon davor hatte sich Die Zeit intensiv mit der Betreiberin der drei Seiten, Liv Heide, eigentlich Christiane H., und ihrer rassistischen und queerfeindlichen Mission auseinandergesetzt.
„… fragwürdiges Überschreiten von Grenzen“?
Die Undercover-Recherche liefert Authentizität, die nicht einfach als „Lügenpresse“ verunglimpft werden kann. Dies musste sogar die rechtsextreme Szene aufgrund von Gerays Zeit als Teil der eigenen Gruppen einräumen. „Sie wollten mir vieles absprechen, aber meine Anwesenheit und meine Berichterstattung waren unumstritten“, so die Journalistin. Während Wallraff im Vorwort einen Grundsatz seiner Arbeitsmethode erklärt – Verkleidung sei manchmal nötig, um Rassismus und Unrecht in der Gesellschaft aufzudecken –, wird genau dies Geray vorgeworfen. Nicht von Rechtsradikalen, sondern von Kolleg:innen wie es im Buch heißt: „Die Methode wurde teilweise herabgesetzt, ich wurde als jemand beschrieben, die sich eben ,eingeschlichenʻ habe – als sei Undercover-Arbeit ein fragwürdiges Überschreiten von Grenzen.“ Gerade diese Kritik unterstreiche laut Geray, wie wichtig es sei, journalistische Perspektiven zu hinterfragen und zu erweitern.
Nicht umsonst heißt es im Pressekodex, Richtlinie 4.1: „Verdeckte Recherche ist im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind.“ Ob sich die Kollegen-Schelte auf das jugendliche Alter der LVW-Mitglieder und Punkt 4.2 beziehen, ist nicht klar, da Geray nicht näher darauf eingeht. Dazu heißt es im Pressekodex: „Bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen ist besondere Zurückhaltung geboten (…) auch Kinder und Jugendliche. Die eingeschränkte Willenskraft oder die besondere Lage solcher Personen darf nicht gezielt zur Informationsbeschaffung ausgenutzt werden.“ Gerays Sichtweise auf dieses Dilemma wäre spannend gewesen.
Fazit
In „Undercover unter Nazis“ begibt sich die Investigativjournalistin Angelique Geray mutig und entschlossen auf eine Reise in die Welt von (jugendlichen) Rechtsradikalen. Sie will verstehen, wie das System der Rekrutierung funktioniert und warum es heute so einfach ist, junge Menschen von der rechten Ideologie zu überzeugen. Geray schaut dorthin, wo es wehtut – und bewahrt sich trotz der Gräben und Abgründe, die sie vorfindet, ihre Menschlichkeit. Dies wird vor allem bei den jugendlichen Mitgliedern der LVW oder den jungen Frauen bei den Mädeltagen deutlich: Denn trotzdem ihre Recherchen ein reales Bedrohungsszenario beschreiben, das zeigt, wie aus Worten (r)echte Gewalt entsteht, gibt sie die (gewaltbereiten) Menschen, denen sie begegnet ist, nicht auf.
Das Buch:

Titel: Undercover unter Nazis. Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene
Mit einem Vorwort von Günter Wallraff.
Autorin: Angelique Geray
Preis: 18 € (D) und 18,50 € (A)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsjahr: 2026
Verlag: Hoffmann & Campe
ISBN: 978-3-455-02144-8

Die Autorin Angelique Geray studierte am Europa Campus Fernsehjournalismus und startete 2008 als freie Lokalreporterin beim Südkurier in Friedrichshafen. Nach ersten Erfahrungen als Fernseh-Redakteurin bei zeitspuren.tv arbeitete sie unter anderem beim SPIEGEL und beim NDR. Die „Top 30 unter 30“-Journalistin war ab 2019 für Bild tätig, auch als Chefreporterin bei Bild TV, und engagiert sich seit 2022 als Investigativjournalistin bei RTL. Ihre Undercover-Reportagen erscheinen auch im stern; zusammen mit ihrem Team von stern Investigativ wurde sie für die Undercover-Recherche „Die Nazi-Kinder“ in der Kategorie Beste Dokumentation/Reportage für den „Deutschen Fernsehpreis 2025“ nominiert.