Extremereignisse ohne Panikmache: Claudia Kleinert über guten Wetterjournalismus
Gletscherschwund, Flutwellen, Orkanböen, Hitzerekorde: Wie hat sich der Wetterjournalismus durch häufigere Extremwetterlagen verändert? Die langjährige Wettermoderatorin Claudia Kleinert, bekannt aus „Das Wetter im Ersten“ vor der „Tagesschau“ sowie „Wetter nach den Tagesthemen“, erzählt im Interview, wie sich ihr Beruf wandelt, ob Wetterjournalismus heute immer auch Klimajournalismus sein muss und über welche Eigenschaften Menschen verfügen sollten, die professionell über Wetter und Klima berichten.
Wie können Wetter- und Klimajournalismus sinnvoll miteinander verzahnt werden?
Wetterjournalismus ist die Vorhersage für die nächsten Tage: ein kurzer Zeitraum, eine bestimmte Region. Klimajournalismus ist die Beschreibung und Einordnung dessen, was du über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren beobachtest. Und natürlich kannst du aufgrund der Wetterereignisse von heute Rückschlüsse aufs Klima ziehen – das heißt aber nicht, dass du in jedem Wetterbericht auch Klimaberichterstattung machen musst. Umgekehrt musst du aber auf Klimadaten zurückgreifen, um das, was gerade passiert, einzuordnen.
Da kannst du gar nicht genug darüber berichten – Klimathemen müssten in allen Medien aufgegriffen werden.
Genau darin sehe ich unsere Verantwortung. Wir müssen darauf hinweisen: Nein, das war kein normaler Sommer. Nein, das ist nicht etwas, was alle 50 Jahre mal passiert. Das passiert immer häufiger, wenn man die Peaks sieht: In den letzten 20 Jahren ist die Anzahl an Tagen mit über 30 Grad exorbitant gestiegen. Ein Sommer wie im Jahr 2026, das ist das neue Normal. Ich bin absolut der Meinung: Da kannst du gar nicht genug darüber berichten – Klimathemen müssten in allen Medien aufgegriffen werden.
Allerdings ist laut KLIMA° vor acht – einem gemeinnützigen Verein, der sich für eine bessere und der Relevanz der Klimakrise angemessene Berichterstattung der deutschen Medien einsetzt – der Anteil der Klima-Sendeminuten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erstmals unter ein Prozent gefallen. Das steht doch im Widerspruch zu Ihrer Aussage, oder?
Nicht wirklich, denn unsere Wetterberichte zählen nicht als Klimaberichterstattung. Wenn ich als Wettermoderatorin arbeite, mache ich zehn Sendungen am Tag, die in der ARD ausgestrahlt werden. Darin weisen wir auch immer wieder darauf hin, dass unser verändertes Wetter zurückzuführen ist auf Klimaveränderungen. Aber du kannst den Menschen nicht jedes Mal, wenn es über 30 Grad sind, sagen: Das ist übrigens dem Klimawandel geschuldet.
Und warum nicht?
Uns wird von Zuschauer:innen bisweilen unterstellt, wir seien wertend, nicht wissenschaftlich. Wenn ich beschreibe, dass dies der heißeste Sommer seit Langem war oder in Frankreich der trockenste oder dass es noch nie so extreme Waldbrände gab wie in diesem Jahr, dann beruht das auf Fakten und Statistik. Wenn mehr als 100.000 Hektar Wald in Frankreich verbrennen, dann kannst du nicht mehr komplett neutral berichten. Das ist eine Katastrophe! Und wenn die vierte Hitzewelle kommt, bist du natürlich auch erschrocken oder denkst: „Bitte nicht schon wieder!“
Uns wird von Zuschauer:innen bisweilen unterstellt, wir seien wertend, nicht wissenschaftlich.
Trotzdem bekommen wir tatsächlich Zuschriften, in denen die Leute sich beschweren: „Wir können es nicht mehr hören, ihr übertreibt maßlos, jetzt haben wir doch endlich mal einen richtigen Sommer – das ist doch alles Polemik und Meinungsmache.“ Deswegen müssen wir sehr aufpassen, dieses Thema so rüberzubringen, dass es einerseits keine Panikmache ist, dass wir andererseits aber die Leute offen und ehrlich informieren. Und zwar darüber, dass wir nicht noch 30 Jahre Zeit haben, darauf zu warten, ob der Klimawandel kommt. Denn er ist bereits da und macht sich in all seinen Auswirkungen auch bei uns bemerkbar.
Was ist für Sie der Kern von gutem Wetterjournalismus?
Wissenschaftliche Beweisbarkeit, Verlässlichkeit, Genauigkeit, Neutralität, Einordnung. Und Relevanz. Wenn ich das Wetter für eine Region vorhersage, in der kein Mensch wohnt, kann das eine interessante Aussage sein, aber es wird als „irrelevant“ wahrgenommen. Ich muss Geschichten erzählen, die relevant sind. Sobald Gefahr für Leib und Leben besteht, hat das Thema natürlich oberste Priorität.
Welche Fehlannahmen über Ihren Beruf halten sich hartnäckig?
Ich glaube nicht, dass sich heute noch die Mär vom Wettermäuschen hält, das seine Texte geschrieben bekommt, sich vor die Kamera stellt und vom Teleprompter abliest. Ich bereite jede einzelne Sendung selbst vor, überlege mir, was für die Menschen wichtig sein könnte, welche Geschichte ich erzähle, und spreche das alles frei. In zehn Sendungen.
Wo verläuft die Grenze zwischen Information, Service und Unterhaltung?
Egal, welches Thema ich den Menschen nahebringen möchte – ich muss es unterhaltsam präsentieren. Also interessante Hintergründe liefern, die man sonst nicht bekommt, beispielsweise wieso es gerade in diesem Jahr so besonders heiß war.
Ich bereite jede einzelne Sendung selbst vor, überlege mir, was für die Menschen wichtig sein könnte, welche Geschichte ich erzähle, und spreche das alles frei.
Was mich unfassbar geärgert hat: Schlagzeilen in Zeitungen oder Online-Portalen wie „Die nächste Killer-Hitzewelle rollt an!“. Diese Rekordhascherei ist mir zuwider und hat mit Service und Unterhaltung null zu tun. Wenn es um zwölf Uhr mittags schon 36 Grad sind, denke ich: „Holla, die Waldfee, wo geht das heute hin?“ Aber ich sitze ja nicht da und warte, ob jetzt ein neuer Höchststand erreicht wird. Diese Panikmache zielt nur darauf ab, möglichst viele Leser:innen oder Klicks zu bekommen.
Aber wie reagieren wir Menschen, wenn wir Angst haben oder uns Angst gemacht wird – und das auch in immer kürzeren Abständen und zum Teil völlig unseriös, weil das Vorhergesagte dann doch nicht eintritt? Wir ziehen uns zurück, wollen nichts mehr sehen und hören. Und das ist genau das, was nicht zielführend ist.
Welche Quellen gelten im Wetterjournalismus als besonders verlässlich? Und wie überprüfen Redaktionen meteorologische Informationen vor der Veröffentlichung?
Wir greifen auf wissenschaftlich verlässliche Daten von staatlichen Institutionen wie dem Deutschen Wetterdienst und anderen vertrauenswürdigen Datenanbietern zurück. Für die Wettervorhersage gucken wir uns verschiedene Vorhersagemodelle an und vergleichen, was diese für die nächsten Tage ausrechnen.
Und da kannst du auch nachhalten, wie verlässlich die jeweils sind. Drei Tage vorher kann man ziemlich sichere Aussagen treffen, und dann kann man vorsichtig auch ein bisschen weiter gucken und grobe Aussagen treffen. Aber wenn ich jetzt sehen würde, nächste Woche sollen es über 40 Grad werden, würde ich das noch nicht kommunizieren, sondern mich darauf beschränken zu sagen: „In der nächsten Woche wird es wohl wieder sehr heiß. Wie heiß genau, ist noch nicht realistisch vorherzusagen.“
Wenn die Abweichungen zwischen den Modellen zwischen 23 und 45 Grad schwanken, finde ich es spannend, den Zuschauer:innen mitzugeben: Welche Wetterlage müsste herrschen, damit es wirklich so heiß wird, beziehungsweise welchen Bedingungen wäre es geschuldet, wenn es nur 23 Grad würden. Die Hintergründe von Wetterereignissen zu erklären, wie das Ganze zusammenhängt, darin sehe ich meine Aufgabe.
Schalten die Leute Nachrichtensendungen wie die „Tagesthemen“ ein, um sich über das Wetter zu informieren?
Lineares Fernsehen wird bekanntermaßen immer weniger genutzt. Im Normalfall sind wir eine „Beilieferung“. Aber bei der vierten Hitzewelle in Folge haben Menschen sicherlich auf den Wetterbericht gewartet und vielleicht überhaupt erst eingeschaltet, um genau diesen zu sehen.
Was eine Art Alleinstellungsmerkmal von uns ist: Wir sind noch eine Instanz, die so seriös und verlässlich wie nur irgend möglich arbeitet. Uns glaubt man, dass wir journalistisch korrekt vorgehen, dass man sich darauf verlassen kann, dass wir das gegenrecherchiert haben, dass wir uns versichert haben, dass da keine Fehler drin sind. Und dass wir keine fünf Stunden vorher unsere Prognosen aufzeichnen. Wir haben unser Handwerk gelernt, sitzen mittags zu fünft zusammen und diskutieren: Was ist wahrscheinlich? Kommunizieren wir etwas oder nicht?
Wir sind noch eine Instanz, die so seriös und verlässlich wie nur irgend möglich arbeitet.
Ich denke bei Extremwetterlagen schon deutlich mehr darüber nach als früher, was ich wie kommuniziere, wie ich den Menschen Ereignisse nahebringen kann, ohne Panik zu verbreiten, aber trotzdem auf den Ernst der Situation hinweise. Als öffentlich-rechtlicher Sender haben wir den großen Vorteil, nicht mit Effekthascherei Schlagzeilen produzieren zu müssen, da wir nicht auf möglichst viele Zuschauende angewiesen sind.
Wie verändern Apps, soziale Medien oder KI den klassischen Wetterjournalismus?
Seriöse Informationsbeschaffung ist durch Social Media und KI viel komplizierter geworden.
Durch KI wird es auch in Bezug auf das Wetter immer schwieriger zu beurteilen, ob eine Information der Wahrheit entspricht oder ob ein Foto die Wirklichkeit abbildet. Das wird die größte Herausforderung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein – nicht nur für unser Publikum, sondern auch für uns selbst.
Letzten Winter hat mir ein Kollege einen Post von einem Alpenpass gezeigt, mit ganz viel Schnee und rutschenden Autos. Das war völliger Quatsch, denn da hatte es überhaupt nicht geschneit. Auch deshalb haben wir bei den Waldbränden in Frankreich immer gegengecheckt, ob ein Bild auf Social Media möglicherweise KI-generiert ist – ob es zum Beispiel wirklich sein kann, dass es an genau dieser Stelle brennt, wenn der Wind aus der anderen Richtung weht. Du vergleichst die Quellen miteinander, und bei verschiedenen Aussagen musst du nochmal tiefer einsteigen, um herauszufinden, was nun stimmt.
Durch KI wird es auch in Bezug auf das Wetter immer schwieriger zu beurteilen, ob eine Information der Wahrheit entspricht oder ob ein Foto die Wirklichkeit abbildet.
Aber man muss natürlich sagen, dass KI auch Vorhersagen, sofern sie von Menschen mit Erfahrung noch einmal validiert werden, immer weiter verbessern wird.
Was die Wetter-Apps betrifft, die alle auf ihrem Handy haben: Wir Meteorolog:innen schauen uns ganz viele verschiedene Modelle an, um abschätzen zu können, was für eine Wetterlage sich wahrscheinlich entwickeln wird. Eine Wetter-App basiert in der Regel auf einem einzigen Modell. Wenn du für die Situation in drei Tagen fünf verschiedene Apps anguckst, bekommst du fünf verschiedene Wettersituationen angezeigt. Das kannst du also eigentlich auch gleich lassen. Wenn es nachmittags um 17 Uhr einen kurzen Schauer gibt, zeigt die App ein Regensymbol in der Sonne an. Das ist irreführend und das Interpretieren der Apps fällt Laien schwer. Verlässlich finde ich solche Apps auch nicht. Eine, die noch ganz gut ist, ist die Agrarwetter-App.
Welche Kompetenzen brauchen Journalist:innen, wenn sie professionell über Wetter und Klima berichten wollen?
Was es braucht: den unbedingten Willen, Wahres und Echtes zu vermelden, sowie Zeit und Geduld. Was natürlich leicht gesagt ist, weil man als Fachjournalist:in ja auch immer unter finanziellem Druck steht.
Klimajournalist:innen sollten lösungsorientiert berichten, ihrem Publikum Tipps an die Hand geben, wie sie sich auf die veränderten Verhältnisse einstellen können.
Dann glaube ich, dass Wetter- und Klimajournalist:innen sehr viel Empathie haben sollten, um sich in die Schuhe anderer Menschen stellen zu können. Was bedeutet der Klimawandel für die Feuerwehrleute, die bei den Waldbränden zum Teil zwei Wochen lang ununterbrochen draußen waren und Leben gerettet haben? Für die Landwirt:innen, deren Existenz von der Dürre bedroht ist, die Kioskbesitzer:innen am wegen der Portugal-Qualle gesperrten Strand von Biarritz oder die Campingplatzbetreiber am von Blaualgen verseuchten Badesee?
Und: Klimajournalist:innen sollten lösungsorientiert berichten, ihrem Publikum Tipps an die Hand geben, wie sie sich auf die veränderten Verhältnisse einstellen können.
Welche Rolle spielen Sprache, Tonfall und visuelle Dramaturgie in der Glaubwürdigkeit einer Wetterberichterstattung?
Eine riesengroße. Ich bin ein unglaublich emotionaler Mensch und muss mich immer zurücknehmen, wenn ich etwas furchtbar finde, damit ich nicht mit völlig aufgeregter Stimme spreche. Grundsätzlich sollte eine Moderatorin neutral sein, aber wenn ich selbst von einer Katastrophe oder drohenden Gefahr sehr berührt bin, dann kommt das natürlich auch in meinen Sendungen rüber.
Welche technologischen Entwicklungen werden den Wetterjournalismus in den nächsten zehn Jahren prägen?
Mit Sicherheit KI. Damit kannst du Daten noch besser auswerten und vergleichen. Je mehr Daten du beispielsweise durch Wetterstationen oder Wetterballons erheben kannst, desto besser werden natürlich auch Vorhersagen. Deshalb denke ich schon, dass die Wettervorhersage zukünftig noch genauer werden wird. Aber dass man irgendwann das Wetter für die nächsten drei Monate auf den Punkt genau für jeden Ort vorhersagen kann – das halte ich für eine Utopie.
Wie sieht aus Ihrer Sicht der Wetterbericht der Zukunft aus?
So wie heute. Aber ich glaube, dass dem Wetter zukünftig mehr Zeit eingeräumt wird, sodass man noch mehr einordnen und erklären kann. Das wäre auf jeden Fall wünschenswert, denn man kann nur verstehen, was warum passiert, wenn man sich mit den Hintergründen beschäftigt. Ich bin schon immer froh, wenn ich mal fünf, sechs Minuten zur Verfügung habe.
Das Wetter und das Klima sind Themen, welche die Menschen immer mehr interessieren sollten, die uns alle immer mehr beschäftigen werden.