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50 Jahre tennis MAGAZIN: Gedruckter Sportjournalismus, der sich lohnt

04.11.2026 Ulrike Bremm
Titelillustration: Esther Schaarhüls

Andrej Antic, Chefredakteur des tennis MAGAZIN, erzählt im Interview, wie sich die Special-Interest-Zeitschrift als Marktführer in ihrem Segment behauptet, auf welche Weise sie eine jüngere Zielgruppe ansprechen will und warum er nach wie vor für Print kämpft.

Das tennis MAGAZIN gibt es seit 50 Jahren, Sie selbst sind seit mehr als 30 Jahren dabei: Inwiefern hat sich das Heft gewandelt?

Natürlich haben wir Layout und Anmutung der Zeit angepasst, aber unsere inhaltlichen Schwerpunkte haben sich gar nicht so sehr verändert. Unsere DNA ist, dass wir unseren Lesern Tipps fürs eigene Spiel mitgeben, ihnen Tennisreisen und Equipment vorstellen. Wir berichten von Turnieren, führen Interviews mit Stars oder mit dem Umfeld, schreiben Reportagen oder Porträts.

Inzwischen sind Sie auch digital und auf Social Media unterwegs.

Ja klar, wir haben wir auf die veränderten Zeiten reagiert. Und auch wenn wir nicht so schnell waren wie Spiegel Online, haben wir relativ zeitnah, als das losging mit dem Digitalen, eine Website entwickelt. Social Media haben wir zunächst aus der Redaktion mitgemacht. Inzwischen haben wir eine Content-Creatorin eingestellt, die sich rein um Instagram kümmert. TikTok haben wir nicht. Facebook ist nicht mehr so angesagt.

Das Bild zeigt das Cover der ersten Ausgabe des tennis MAGAZIN aus dem Jahr 1976. Es zeigt den Tennisspieler Ilie Năstase bei einem Match.
© tennis MAGAZIN
Tennisstars im Fokus – damals wie heute: Die erste Ausgabe des tennis MAGAZIN aus dem Jahr 1976 zeigt mit Ilie Năstase einen Weltklassespieler auf dem Cover.

Wie hat sich Print bei Ihnen verändert?

Historisch war es so, dass der durch Boris Becker, Steffi Graf und Michael Stich ausgelöste Tennisboom Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre für eine Auflage von rund 90.000 Heften gesorgt hatte. Der Deutsche Tennis Bund, DTB, hatte zu der Zeit 2,3 Millionen Mitglieder. Nach den Karrieren der drei deutschen Tennisprofis ist es stark talwärts gegangen.

Mittlerweile ist Tennis erneut sehr angesagt und der DTB hat wieder deutlich über 1,5 Millionen Mitglieder. Unsere Auflage liegt nun etwa bei 20.000 Heften, die meisten davon werden von Abonnenten bezogen. Wir sind damit immer noch Marktführer und verdienen unser Geld zu 80 Prozent mit Print.

Was unterscheidet aus Ihrer Sicht eine gute Tennisgeschichte von einer bloßen Berichterstattung über ein Match?

Es gibt ja die sogenannte 1:0-Berichterstattung, wo wirklich nur die W-Fragen abgehandelt werden: Wer? Wann? Was? Wo? – das ist die schmale Nummer. Wir hatten teilweise eine Kooperation mit dem SID, dem Sportinformationsdienst, für unseren digitalen Auftritt.

Aber zu einer qualitativ guten Berichterstattung gehört natürlich, dass man selbst mit Menschen redet, dass man in die Tiefe geht, dass man Informationen hat, die andere nicht haben, und diese gut aufschreibt – egal in welcher Stilform. Bei schwierigen Themen wie Wettmanipulation oder Doping versuchen wir zu berichten, was hinter den Kulissen abgelaufen ist, und können auf unser großes Netzwerk innerhalb der Tennis-Bubble zurückgreifen.

Woran messen Sie die Qualität Ihrer redaktionellen Arbeit?

Das ist eine gute Frage. Eine umfangreiche Leserbefragung oder eine Analyse haben wir zuletzt wahrscheinlich vor 30 Jahren gemacht. Man bekommt manchmal etwas gespiegelt aus dem Bekanntenkreis oder aus der Tennis-Szene. Leserbriefe gibt es so gut wie gar nicht mehr als Feedback. Es gibt Kommentare zu den Online-Geschichten. Wenn wir mal etwas produzieren wie ein Sonderheft über die Trend-Sportart Padel, bekommen wir teilweise wütende Zuschriften.

Aber ich glaube, wir sind nicht komplett auf dem Holzweg. Unsere Geschichten sind teilweise qualitativ sehr hochwertig, da bieten wir Sachen, die Spiegel, Stern oder Fokus nicht besser können, auch wenn die viel mehr Reporter beschäftigen. Aber weil wir ein großes Netzwerk haben, die Sportart sehr gut kennen und auch geradeaus schreiben können, machen wir glaube ich einen guten Job.

Sie stemmen das tennis MAGAZIN mit drei Festangestellten und einem Netzwerk freier Fachjournalistinnen und Fachjournalisten.

Die Redaktion war auch zu Hochzeiten nie riesig, aber sie war schon deutlich besser besetzt. Als ich angefangen habe, gab es sechs fest angestellte Redakteure und Fotografen. Jetzt sind es drei: zwei feste Mitarbeiter und ich. Wir machen ganz viel selbst, greifen ansonsten auf unser Netzwerk von Freien zurück.

Wenn es uns beispielsweise mal nicht gelingt, bei allen Grand-Slam-Turnieren vor Ort zu sein, fragen wir einen renommierten Kollegen, ob er die Berichterstattung für uns übernimmt. Es ist ein kleiner Kreis, der von den großen Turnieren weltweit berichtet. Die Kollegen kann man mittlerweile fast an einer Hand abzählen – mit viel Wohlwollen vielleicht an zwei Händen, inklusive TV und Radio. Wir haben etwa bei den BNP Paribas Open in Indian Wells – das Turnier wird oft als fünftes Grand-Slam-Turnier bezeichnet – den Korrespondenten von der Süddeutschen Zeitung eingekauft. Auch da versuchen wir, uns eine gewisse Qualität zu sichern.

Es ist ein kleiner Kreis, der von den großen Turnieren weltweit berichtet.

Wir müssen allerdings eine Kröte schlucken, weil wir stark von Anzeigen abhängig sind. Dem einen oder anderen Anzeigenkunden versprechen wir auch mal eine redaktionelle Geschichte im Paket. Ein Beispiel: Das Hamburger Tennisturnier schaltet Anzeigen, wir machen eine Vorberichterstattung, in der erwähnt wird, wo man Tickets kaufen kann – das finde ich nicht verwerflich, da es ja auch den Leser interessiert.

Das tennis MAGAZIN erscheint zwölfmal jährlich als Printprodukt und E-Paper, ergänzt um weitere digitale Kanäle. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welches Thema ins Printmedium gehört und welches digital ausgespielt wird?

Eine sehr gute Frage, denn wir sind ja in diesem Shift-Prozess, in dem die Maxime lautet: digital first. Du schreibst alles fürs Digitale und bringst es leicht modifiziert ins Heft. Das ist ein möglicher Weg, den ja auch viele andere gehen. Da sind wir noch nicht ganz.

Natürlich ist die Website das schnellere, aktuellere Medium. Kürzlich hat beispielsweise die frühere Weltranglistenerste Iga Swiatek nach langer Zeit mal wieder einen Titel geholt, das bringen wir dann auch online. Oder wenn jemand eine neue Partnerin / einen neuen Partner hat oder sich getrennt hat. Aber wenn es zu seicht wird, muss man aufpassen, dass es nicht Richtung Clickbaiting geht.

Wie läuft der redaktionelle Prozess ab?

Nach der Veröffentlichung setzen wir uns zusammen und konferieren über die Themen fürs neue Heft: Es gibt Pflichtthemen wie den neuen Racket Test oder anstehende Turniere, also regelmäßig etwa die US Open oder den Davis Cup. Wir stellen uns Fragen wie: Warum ist dieser oder jener Tennisspieler so lange krank?

Da wir ein Monatsmagazin sind, haben wir theoretisch vier Wochen Zeit für ein Heft. Allerdings sondiert man in den ersten beiden Wochen Themen; manche erledigen sich dann wieder. Vom Zeitpunkt des Redaktionsschlusses, der in der Regel Anfang des Monats ist, bis zur Veröffentlichung vergehen rund zehn Tage. Da müssen wir antizipieren, ob das Thema dann noch relevant ist. Denn viele Sachen, die vielleicht schön wären, sind überholt, wenn wir herauskommen. Heutzutage werden schon Tageszeitungen von den aktuellen Ereignissen überholt.

Aber die positive Nachricht lautet: Wir müssen gar nicht unbedingt mit den anderen um die Wette rennen. Wir können in die Tiefe gehen und mit Qualität punkten. Und Aktuelles online oder bei Social Media veröffentlichen.

Wir müssen gar nicht unbedingt mit den anderen um die Wette rennen. Wir können in die Tiefe gehen und mit Qualität punkten.

Gibt es Themen, die Sie gerne häufiger im Blatt hätten?

Es ist schwieriger geworden, mit den Stars Gespräche zu führen. Der Sport ist inzwischen so professionalisiert worden, dass die meisten Profis Presseagenten oder Manager vorgeschaltet haben, was den direkten Zugang zu ihnen erschwert. Häufiger Interviews mit Stars im Heft zu haben, wäre für mich die Kirsche auf der Torte.

Ansonsten sind wir gut aufgestellt. Durch unser Netzwerk bekommen wir viele Einladungen zu Pressereisen. Das ist vielleicht nicht die Krone des Journalismus, aber unserer Leserschaft ist die Frage, wohin der nächste Tennisurlaub geht, wichtig. Und beim Equipment sind wir auch gut dabei.

Häufiger Interviews mit Stars im Heft zu haben, wäre für mich die Kirsche auf der Torte.

Ich würde mir ein bisschen mehr Zeit wünschen für eine tiefe Recherche. Als Beispiel: das deutsche Tennis. Wie hat sich der Deutsche Tennis Bund entwickelt? Was macht er richtig? Was macht er falsch? Da muss man mit wahnsinnig vielen Leuten reden. Da hilft es, dass zwischen dem DTB und uns auch eine partnerschaftliche Verbindung besteht.

Ich glaube heutzutage bewegen sich viele Medien in so einem Geflecht. Da muss man aufpassen, dass man frei bleibt in der Berichterstattung. Unser Credo ist dabei, fair zu berichten, aber auch den Finger in die Wunde zu legen.

© tennis MAGAZIN
Mit Print erfolgreich durch den Medienwandel: Auch im 50. Jubiläumsjahr erzielt das tennis MAGAZIN den Großteil seiner Erlöse mit der gedruckten Ausgabe.

Wie lässt sich hochwertiger Sportjournalismus heute wirtschaftlich finanzieren?

Wir stellen uns auf ganz viele Säulen, um auf dem Markt zu bestehen. Wir haben beispielsweise eine Kooperation mit drei Landesverbänden, die sozusagen ein Pflicht-Abo beziehen. Wir haben eine kleine Schwesterzeitschrift namens tennisSPORT, ein Fachmagazin für Trainer und Vereine. Vor vier Jahren haben wir smash gekauft, das Tennis-Magazin der Schweiz und eine Schweizer Traditionszeitschrift. Wir entwickeln Turniermagazine beispielsweise für die Bad Homburg Open.

Ihre Leserschaft ist mehrheitlich älter. Wie wollen Sie jüngere Zielgruppen erschließen?

Das stimmt, wir haben als Printkunden mehrheitlich ältere Leser. Viele haben das tennis MAGAZIN seit dem Geburtsjahr 1976 abonniert.

Vielleicht haben wir in zehn Jahren noch vier große Printhefte, Coffee Table Books zu den Grand Slams. Aber es ist völlig klar, dass sich das meiste mehr und mehr digital abspielen wird. Wobei ich an allen Fronten für Print kämpfe! Ich sehe es im Umfeld und auch bei mir selbst: Wir alle rennen nur noch mit diesem kleinen Gerät in der Hand herum und starren mit gesenktem Nacken darauf. Und da ist es einfach mal wohltuend, ein Heft oder ein Buch in die Hand zu nehmen und sich damit im wahrsten Sinne des Wortes „zurückzulehnen“. Der letzte Funke Hoffnung in Sachen Print ist noch nicht erloschen. Schließlich feiert ja auch die Schallplatte ihr Revival und wird von jungen Leuten gekauft und gehört. Für Liebhaber von Print wird es das tennis MAGAZIN hoffentlich noch lange auch in gedruckter Form geben. Aber wir wollen auch unseren Podcast wieder aufleben lassen. Für junge Menschen setzen wir aktuell vor allem auf Instagram.

Der letzte Funke Hoffnung in Sachen Print ist noch nicht erloschen.

Welche journalistischen Fähigkeiten werden in den nächsten Jahren wichtiger werden? Und welche verlieren vielleicht an Bedeutung?

Heute wird viel mehr von Journalisten verlangt. Wahrscheinlich muss der moderne Redakteur alles können: in Bildern denken, in Reels denken, unfallfreie Texte schreiben, passende Bilder heraussuchen. Aber wenn man alle Fähigkeiten in sich vereint, ist man vielleicht auch nicht so gut in Einzeldisziplinen. Ich weiß nicht, ob ein richtig guter Schreiber auch ein richtig guter Instagrammer sein kann. Wir müssten im Digitalen viel schneller sein. Aber ob das immer ein Gütekriterium ist? Ich weiß es nicht.

Was immer so bleiben wird: Ein guter Journalist ist neugierig. Und mit einem gewissen moralischen Kompass ausgerüstet, sodass er vernünftig recherchiert, Angaben überprüft und Menschen nicht mit Falschdarstellungen verletzt. Das gilt heutzutage mehr denn je, wo alles schnell, schnell, schnell geschrieben wird, vieles nicht stimmt oder übertrieben formuliert ist.

Was immer so bleiben wird: Ein guter Journalist ist neugierig.

Was würden Sie jungen Journalist:innen raten, die heute im Sportjournalismus anfangen?

Seid neugierig, geht auf Termine – und redet ganz, ganz viel mit Menschen. Speichert Kontakte ab. Gute Geschichten bekommt man nur, wenn man Kontakte hat und sie pflegt. Verhaltet euch fair und vernünftig. Dann habt ihr gute Chancen in dem schönsten Beruf der Welt!


Andrej Antic
© tennis MAGAZIN

Andrej Antic spezialisierte sich als Sportjournalist auf Tennis. An der Deutschen Sporthochschule Köln studierte er Sportwissenschaft, daneben Anglizistik. Während seines Volontariats bei der Journalistenschule Axel Springer wählte er das tennis MAGAZIN als Stammredaktion und wurde zunächst übernommen, später stellvertretender Chefredakteur (2011) und Chefredakteur (2016). Daneben veröffentlicht er in Tageszeitungen wie Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung oder Hamburger Abendblatt. Von Medien wie Bild, Die Welt, Spox, Daily Express und The New York Times wird er immer wieder als Tennis-Experte herangezogen. An der Hochschule für Angewandtes Management (HAM) gibt er Kurse, um Kontakt zu jungen Leuten zu halten und journalistischen Nachwuchs für das tennis MAGAZIN zu gewinnen.


Ulrike Bremm
© Nadine Heller-Menzel

Die Journalistin Ulrike Bremm macht die Persönlichkeit und die Expertise ihrer Interviewpartnerinnen und -partner sichtbar. Sie interviewt Prominente, Fachleute, Selbstständige sowie Personen aus Politik und Wirtschaft – für Magazine, Websites, Videos, Newsletter, Pressemitteilungen, Flyer, Bücher usw. Hier veröffentlicht sie regelmäßig Interviews mit Kolleginnen und Kollegen aus den verschiedensten Ressorts. Ihr Wissen aus 25 Jahren Erfahrung teilt sie als Dozentin.

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