„Einigkeit ist keine Neuigkeit“? – Wie Politikjournalismus den Sachfokus stärken kann
„Für die schlechte Stimmung in unserem Land sind nicht zuletzt die Medien verantwortlich, weil sie die Maßnahmen jeder Regierung sofort mit negativen Kommentaren und Meldungen begleiten, und sich im Übrigen lieber den Problemen gesellschaftlicher Randgruppen widmen. Die AfD braucht da nur zuzusehen und abzuwarten.“
Leserbrief bei Berliner Morgenpost online am 07.07.2026
Steckt unser Politikjournalismus in der Krise – gerade jetzt, wo er besonders gefordert ist? Auf der diesjährigen Digitalmesse re:publica, wenige Monate vor wichtigen Wahlen im Osten Deutschlads, wurde das intensiv diskutiert. Die Befunde waren vielfältig: Im Politikjournalismus würde zu oft skandalisiert und personalisiert; er bediene zu sehr Talkshows und Social Media; die generalistische „Hauptstadt-Berichterstattung“ verdränge den politischen Fachjournalismus. Stimmt das so – und, wenn ja, verstärken diese Effekte den Demokratieverdruss des Publikums? Beobachtungen auf der Messe und ein Interview mit dem Journalisten und Journalismusausbilder Tanjev Schultz von der Universität Mainz geben Hinweise auf den aktuellen Zustand.
Sind die Medien bei ihrer Berichterstattung über den Politikbetrieb zu stark auf „Zoff“ und Streit fixiert? Vernachlässigen sie Good News, Einigung und Kompromiss?
Anna Lehmann, Leiterin des Parlamentsbüros der taz wollte das im eigenen Haus überprüfen. Im Archiv recherchierte sie taz-Überschriften seit dem Amtsantritt von Friedrich Merz im Mai 2025. Das Ergebnis: In den Überschriften fand sie 274-mal den Begriff „Streit“, aber nur 3-mal die Begriffe „Einigkeit“ oder „Einigung“ (im Inlandsressort war das Verhältnis 25:3). „Es hat mich doch beruhigt, dass wir viel stärker das Wort ,Debatte‘ benutzt haben als das Wort ,Streit‘ “, berichtete Lehmann auf der re:publica.
Auf der Digitalmesse diskutierte sie mit dem ehemaligen SZ-Journalisten und heutigen Journalismusprofessor Tanjev Schultz, Christoph Schwennicke aus der T-Online-Chefredaktion und der Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach beim Panel „Einigkeit ist keine Neuigkeit“. Nun klingt „Einigkeit ist keine Neuigkeit“ nach einer journalistischen „Binse“. In der angespannten politischen und medialen Großwetterlage war der Slogan aber durchaus als Appell an Journalist:innen zu verstehen, ihr professionelles Selbstverständnis zu hinterfragen.
Obwohl sich diese Reflexionen (siehe auch re:publica-Slot Medien & Öffentlichkeit) oft aus anekdotischer Evidenz und persönlichen Beobachtungen speisten, boten sie wertvolle Hinweise auf mögliche Lösungen bei bestehenden Defiziten in der aktuellen Politikberichterstattung. Welche wurden festgestellt?
1. „Aufregung sells“
Durch das digitale Tempo mit dem daraus resultierenden Zeitdruck und aufgrund des ständigen Blicks auf die Klickraten erlägen Journalist:innen bei der Politikberichterstattung zunehmend der Versuchung, ganz bewusst künstliche Erregungszustände zu kreieren.
T-Online-Chefredakteur Schwennicke steuerte ein Fallbeispiel bei. Sein Team hatte Friedrich Merz’ Besuch des DGB-Kongresses begleitet. Durch die Headlines der bereits berichtenden Kolleg:innen von Bild online alarmiert, erwarteten die T-online-Reporter:innen eine äußerst explosive Stimmung im Saal. Vor Ort nahmen sie die Situation dann aber als eher undramatisch wahr und beschlossen daraufhin ganz bewusst, journalistisch „den Fuß vom Gas“ zu nehmen, wie Schwennicke es formulierte. „Da müssen wir einfach sehr aufpassen, dass wir unserer Rolle gerecht werden und nicht der Versuchung erliegen das Gaspedal weiter durchzudrücken, als es in dem Moment angemessen ist“, appellierte er an die Kolleg:innen im Saal.
2. Singuläre Ereignisse gehen in die Heavy Rotation
Als weiteres Phänomen der aktuellen Politikberichterstattung monierten die re:publica-Diskutant:innen, dass singuläre politische Ereignisse inzwischen zu schnell und zu lange in eine mediale „Heavy Rotation“ geschoben würden.
Einzelne Ereignisse (Beispiel „Koalitionsstreit in der Villa Borsig“) beschäftigten tagelang die Talkshows, Podcasts und die sozialen Medien, oft sogar noch, wenn der ursprüngliche Streit längst beigelegt wurde. Zurück blieben Bilder von zerstrittenen Protagonist:innen und einem kaputten System.
Tanjev Schultz von der Universität Mainz beschrieb das auf der re:publica so: „Selbst Medien, die wir als Qualitätsmedien bezeichnen – nicht nur die Bildzeitung – geraten immer wieder in diesen Sog. Da ist eine Art Katastrophenjournalismus entstanden, der alle Medien betrifft und bei dem man den ganzen Tag den Eindruck hat, jeden Moment wird die Regierung zerbrechen.“
3. „Politics schlägt Policy“ – Prozesse statt Sachthemen
Zunehmend würde weniger über die Sachebene informiert, etwa den Inhalt von Gesetzesinitiativen oder parlamentarischen Anträgen; stattdessen werde über die Konflikte berichtet, die sie begleiten. Politik wird dann zunehmend „personalisiert“, auf einzelne prominente Protagonist:innen und Antagonist:innen fokussiert, als Duellsituation erzählt und in „Gewinner-Verlierer-Geschichten“ verwandelt.
„Früher fragten wir uns: Kommentieren wir das jetzt politisch, also den Prozess und Streit zwischen Parteien, oder kommentieren wir den ,Sachkack‘? Der ,Sachkack‘ wäre heute die ernsthafte Frage: Was ist ein gutes Rentenreformmodell? Wie ist es mit der Gesundheitsreform?“, erinnerte sich einer der Diskutanten auf der re:publica.
Auch die Medienforschung bestätige eine Verzerrung in Richtung politischer Prozesse. „Politics“ schlage „Policies“, bilanzierte Tanjev Schultz, der an der Uni Mainz den journalistischen Nachwuchs ausbildet.
4. Generalist:innen statt Fachjournalist:innen?
In dem Zusammenhang sei der „Hauptstadtjournalismus“ zu einem populären Genre geworden, das eher von Generalist:innen als von Fachjournalist:innen geprägt würde.
Zudem wurde die Befürchtung geäußert, dass die Redaktionen immer weniger spezialisierte Journalist:innen ausbildeten. T-Online Chefredakteur Schwennicke berichtete, dass er bei der Süddeutschen Zeitung sein erstes Jahr fast ausschließlich damit verbracht habe, sich tief in Themenfelder einzuarbeiten – noch ohne einen einzigen Kommentar schreiben zu dürfen. Diese Praxis sei verschwunden.
5. Politiker:innen als Mitverursacher
Möglicherweise trägt auch die Politik selbst zur Krise des Politikjournalismus bei. Politiker:innen nutzten die zugespitzte Berichterstattung oft ganz bewusst für ihre persönliche Profilierung. Wahlkampfrhetorik, Ankündigungen, die nicht eingelöst werden, dramatisierende Aussagen (Söder: „Weimarer Verhältnisse“) und strategisches Profilieren auf Kosten des Koalitionsfriedens breiten sich aus.
Wie Journalist:innen mit diesen Problemlagen umgehen können
Als mögliche Auswege aus diesem Dilemma sind folgende Verhaltensänderungen denkbar:
- Öfter wieder vom Prozess- zum Sachfokus wechseln: weniger den Prozess der politischen Auseinandersetzung und mehr die betreffenden Inhalte in den Vordergrund rücken.
- Politik nicht auf das Narrativ von Gewinner:innen und Verlierer:innen reduzieren, sondern die ganz normalen politischen Aushandlungsprozesse als das schildern, was sie sind: regelkonforme demokratische Willensbildung.
- (Bereits schon wieder beigelegte) Konflikte zwischen politischen Akteur:innen nicht endlos lange in Talkshows, Podcasts und Social Media recyceln, um Einschaltquote und Klickraten zu generieren.
- Dem „Gaspedal“ widerstehen und beim Berichten nicht automatisch die dramatischste Formulierung wählen, nur weil sie besser klickt.
- Parlamentarische Zwischenstände transparent machen und kontextualisieren sowie politische Aushandlungsprozesse zeigen – nicht nur das Endergebnis. Auch um ein besseres Verständnis von demokratischen Prozessen zu fördern.
- Noch mehr Sachkompetenz aufbauen. Spezialwissen schützt vor oberflächlichem Prozessjournalismus.
- Konstruktiven Journalismus nicht romantisieren, aber ausbauen
„Journalist:innen sollten wichtige Themen gründlich durchdringen und tiefer recherchieren“
Interview mit Tanjev Schultz, Journalismusausbilder an der Universität Mainz, über aktuelle Politikberichterstattung im Vorfeld der kommenden Landtagswahlen im September.
Herr Schultz, in welchen Rollen sind sie selbst in der Politikberichterstattung aktiv?
Ich war lange Politikredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, habe also politische Berichterstattung in der Praxis kennengelernt, und würde mich immer noch als Journalist bezeichnen.
Im Hauptberuf bin ich vor 10 Jahren an die Hochschule gewechselt und seitdem Professor für Journalismus an der Uni Mainz.
Welche Dinge sind Ihnen persönlich, auch als Ausbilder, besonders wichtig in Bezug auf Politikjournalismus?
Journalismus ist in einem ständigen Wandel begriffen und stark technologisch getrieben, aktuell durch KI.
Mir ist es wichtig, für den Wandel offen zu sein und gleichzeitig ethische und professionelle Standards hochzuhalten, auch und besonders in der Politikberichterstattung. Damit Journalismus eine Zukunft hat und seine Funktion als eine Art Dienstleister für die Demokratie erfüllen kann.
Auf der re:publica wurden dem aktuellen Politikjournalismus zahlreiche Mankos attestiert. Löst er seinen professionellen Anspruch gerade schlecht ein? Machen das neue Contentanbieter:innen womöglich sogar besser?
Der professionelle Politikjournalismus darf sich nicht auf das Motto „wir sind immer besser“ zurückziehen. Das ist nicht so. Es gibt auch schlechten professionellen Journalismus.
Es gibt viele neue Kommunikator:innen in dem Themenfeld, die aber nicht alle unbedingt Journalismus machen. Das bringt das Publikum manchmal durcheinander. Viele dieser Kommunikator:innen sind nur im Netz aktiv und machen oft nur Ableitungen aus zweiter, dritter Hand, von Inhalten, die sie anderen Medien entnommen haben. Da wird vieles lediglich weitergedreht und mit Memes und Meinungen ergänzt. Dem fehlt dann oft eine journalistische Herangehensweise, eine tiefgründige Recherche oder auch die kundige Aufbereitung von Vorgängen. Eine kontinuierliche Begleitung von Politik und speziellen Themenfeldern wird vorwiegend von professionellen Redaktionen geleistet.
Der professionelle Politikjournalismus darf sich nicht auf das Motto „wir sind immer besser“ zurückziehen. Das ist nicht so. Es gibt auch schlechten professionellen Journalismus.
Ich sehe die Scheidelinie nicht zwischen etablierten journalistischen Anbietern und neuen Akteur:innen, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus. In Redaktionen spielen hier vor allem Kapazitätsgründe eine Rolle.
Was hat sich nach ihrer Beobachtung sonst noch im Politikjournalismus verändert?
Einzelne Textschnipsel oder kurze Sequenzen von Zitaten der Politiker:innen werden immer wichtiger. Wichtiger noch als die „ Soundbites“, die bereits während der TV-Ära, noch vor der Digitalisierung, eine wichtige Rolle spielten. Memes, verbreitet über Instagram und TikTok, dynamisieren das Phänomen. Die Medien, aber natürlich auch die Politiker:innen, haben sich darauf eingestellt.
Das führt dazu, dass eine Banalität oder ein kleiner Fauxpas zu einer Riesensache hochgejazzt wird und sich solche Aufregungsanlässe immer schneller ablösen. Sie bestimmen zunehmend die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums.
Ich sehe die Scheidelinie nicht zwischen etablierten journalistischen Anbietern und neuen Akteur:innen, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.
Das alles ist vielleicht, isoliert betrachtet, gar nicht mal so dramatisch. Aber man muss sich fragen: Was sind eigentlich die wirklich wichtigen Themen? Wie viel Ressourcen verschwenden wir auf Pseudo-Ereignisse? Wie schwierig wird es dadurch, rationale und komplexere Themen in der Öffentlichkeit mit einer gewissen Tiefe und Dauer zu diskutieren?
Für eine Demokratie, in der viele Prozesse länger dauern und in der oft komplizierte Entscheidungen zu fällen und Kompromisse einzugehen sind, ist eine Dynamik öffentlicher Oberflächlichkeit in der politischen Kommunikation ein echtes Problem. Ehrlicherweise haben auch die etablierten journalistischen Medien einen Anteil an dieser Entwicklung. Und Parteien wie die AfD können davon profitieren.
Auf der re:publica wurde festgestellt, dass Politikberichterstattung inzwischen stärker von Konflikten, Streitereien und Skandalen erzählt als von Sachpolitik, Gesetzesinhalten und Programmen. Welche Folgen hat das?
Für die mediale Besessenheit von Konflikten, politischen Strategie- und Personalfragen lassen sich viele Belege, auch Studien, anführen. Politikberichterstattung konzentriert sich oft stärker auf Prozesse und Strategien – auf das, was wir in der Politikwissenschaft „Politics“ nennen – und weniger auf die „Policies“, die Politikinhalte und Sachthemen.
Man kann zwar nach wie vor in einzelnen Formaten und Medienangeboten tiefe gute Informationen bekommen. Aber die Medienwelt drumherum beschäftigt sich viel mit einzelnen Zitaten oder mit Phänomenen wie einem wurstessenden Ministerpräsidenten, sozusagen mit Stil- und Haltungsnoten.
Diese Art von Berichterstattung hatte zwar auch früher schon Konjunktur, durch die Digitalisierung hat sie sich aber noch einmal verschärft. Das lenkt von einem rationalen, in Ruhe geführten inhaltlichen Diskurs ab. Darin sehe ich ein großes Defizit der Politikberichterstattung.
Wie gesagt: Es gibt immer noch sehr gute Formate, die tiefgründig informieren. Ich denke zum Beispiel ans ARTE Journal. Doch sogar im Grunde seriöse Medien wie Spiegel, FAZ, SZ oder Zeit kommen inzwischen oft boulevardesk daher. Die Welt ist angefüllt mit leicht verdaubarer Ware, die sich einfach gut klickt und gute Reichweiten erhält.
Wie gut sind Medien darin, selbst politische Themen zu setzen?
Ein wichtiger Aspekt ist die grassierende „Umfrageritis“, die Demoskopie. Ein Thema, das seit Jahren diskutiert wird. Nach meinem Eindruck hat man sich zu sehr darin eingerichtet und sich darin gefügt. Und die Medien befeuern dies, indem sie selbst zu oft Umfragen in Auftrag geben, um Schlagzeilen damit zu produzieren.
Für eine Demokratie, in der viele Prozesse länger dauern und in der oft komplizierte Entscheidungen zu fällen und Kompromisse einzugehen sind, ist eine Dynamik öffentlicher Oberflächlichkeit in der politischen Kommunikation ein echtes Problem.
Wie aussagekräftig sind diese Zahlen eigentlich? Wie gut lassen sich damit politische Themen erzählen? Und wie stark ist das zu einem Geschäft geworden, bei dem man sich spiralartig hochschaukelt: Umfrage zeigt angebliche Relevanz – Medien greifen das Thema auf – Bevölkerung nimmt es wahr – Politik reagiert.
Das sind Mechanismen, die zu problematischen Konjunkturen führen. Mal ist die Klimakrise ein Riesenthema, dann wieder nicht mehr. Ich sehe oft unseriöse Deutungen von Umfragen. Das ist etwas, bei dem man sagen muss: „Liebe Medien, rüstet doch mal ab!“
Stilisieren sich Politikjournalist:innen inzwischen auch selbst zu sehr als „Marken“ und prägt das dann ihre Politikberichterstattung? Bedienen sie zu sehr die Publikumserwartung nach dem Motto: „Entertain us!“? Kommt deshalb die Fachinformation zu kurz?
Ja, klar. So lief das Geschäft mit dem Journalismus zwar schon immer, aber Social Media verschärfen das. Zur Marke wird man ja nicht unbedingt durch abgewogene und nüchterne, sachliche Beiträge, sondern durch Pointierung und Zuspitzung.
Zudem haben wir eine Inflation politischer Talkshows, in denen sich immer wieder dieselben prominenten Talking Heads äußern. Da wird vieles zerredet und es wird zu oft zu schnell zu den besagten Politics geschwenkt.
Welche Rolle spielen die Politiker:innen selbst, in der aktuellen Politikberichterstattung?
Sie können durch eigene Kommunikationskanäle stärker als früher versuchen, selbst die Agenda zu setzen. So findet viel Inszenierung und Zuspitzung statt, mit kurzen prägnanten Statements.
Auch für die Medien ist es bequem, sich direkt bei den Politiker:innen-Accounts in den sozialen Medien zu bedienen.
Viele Politiker:innen, die genau wissen, welche echten Probleme es gibt und welche pragmatischen und konkreten Lösungen dafür möglich wären, finden zu wenig Beachtung in der Berichterstattung. Ich rede von Lokal- und Fachpolitiker:innen. Landräte und Bürgermeister – ich rede hier nicht von Boris Palmer, der spielt in einer Extraliga – sind in der größeren Öffentlichkeit kaum sichtbar. Die lokale Ebene ist zu dünn besetzt in der öffentlichen Wahrnehmung.
Zur Good Practice: Welche persönlichen Verhaltensempfehlungen haben Sie für Journalist:innen und welche strukturellen Empfehlungen haben Sie für Medienhäuser?
Zunächst mal finde ich es sehr positiv, dass es inzwischen abseits der großen Medienhäuser einige „digital only“-Medien gibt, die sich intensiv mit Politik beschäftigen, durch große Kompetenz auszeichnen und die Öffentlichkeit bereichern. Ich denke zum Beispiel an Netzpolitik.org oder an riffreporter.de.
Viele Politiker:innen, die genau wissen, welche echten Probleme es gibt und welche pragmatischen und konkreten Lösungen dafür möglich wären, finden zu wenig Beachtung in der Berichterstattung. Ich rede von Lokal- und Fachpolitiker:innen.
Zudem gehören einige sogenannte Briefing-Medien dazu, wie etwa TableMedia mit ihrem tiefen Fachjournalismus – selbst wenn die, auch preislich, eher Entscheider:innen adressieren und weniger die breite Öffentlichkeit.
Was die journalistische Praxis angeht, sollten sich Journalist:innen, gerade jetzt in Wahlkampfzeiten, öfter einmal die Frage stellen, ob ihre Themen wirklich relevant sind und nicht nur „irgendwie gefühlt“ oder durch Meinungsumfragen gesetzt. Die Medien spielen eine wichtige Rolle beim Agenda Setting.
Journalist:innen sollten wichtige Themen gründlich durchdringen und tiefer recherchieren und sich nicht nur von den Talking Points aus der Politik, aus Social Media oder aus Umfragen treiben lassen.
Auf der re:publica kam auch der Vorwurf, dass Politkjournalist:innen zu wenig über das Funktionieren und die Abläufe politischer Willensbildung berichten. Dass sie also die Öffentlichkeit mehr darüber aufklären sollten, wie Demokratie funktioniert und auch mal Zwischenberichte von parlamentarischen Prozessen liefern sollten. Was halten Sie von dem Vorschlag?
Natürlich ist es wichtig, auch Prozesse abzubilden und Diskussionen in Gang zu halten. Dabei sind die Leser:innen serviceorientiert mitzunehmen und ihnen ist immer wieder klarzumachen, auf welchem Stand die Debatten jetzt gerade sind. Was ist eigentlich schon umgesetzt? Was ist schon beschlossen, was wird erst noch diskutiert? Wie sind die nächsten Schritte?
Was die journalistische Praxis angeht, sollten sich Journalist:innen, gerade jetzt in Wahlkampfzeiten, öfter einmal die Frage stellen, ob ihre Themen wirklich relevant sind und nicht nur „irgendwie gefühlt“ oder durch Meinungsumfragen gesetzt.
Ich glaube, viele Bürger:innen sind oft verwirrt und haben den Eindruck, dass sich in den parlamentarischen Abläufen entweder gar nichts tut oder alles bereits entschieden ist.
Die Medien könnten und sollten noch mehr dafür tun, um dem Publikum sachliche Orientierung zu geben.