Qualitätskriterien

Guten von schlechtem Journalismus zu unterscheiden ist bei der Justizberichterstattung selbst für den Laien sehr leicht möglich. Die oft komplizierten juristischen Zusammenhänge müssen im Beitrag so erklärt sein, dass auch ein Laie sie mühelos verstehen kann. Im Idealfall sollte der Mediennutzer in der Lage sein, den Inhalt eines Berichts in eigenen Worten korrekt wiedergeben zu können. Bei einem Gerichtsverfahren etwa bedeutet das: Die Schilderung des Tathergangs, den Prozessverlauf sowie das Urteil inklusive Urteilsbegründung.

Fachleute kritisieren schlechte Justizberichterstattung

Die Kritik an der Qualität der Justizberichterstattung in Deutschland kommt vor allem von Fachleuten wie Rechtsanwälten. Diese Kritik umfasst mehrere Punkte: Zum einen würden durch die zunehmende Regionalisierung der Medienlandschaft selbst unspektakuläre Ereignisse auf der Jagd nach dem besten Bild und der exklusivsten Nachricht künstlich aufgebläht. Vor allem Boulevardjournalisten versuchen oft, schon beim Prozessauftakt Bilder des Angeklagten zu bekommen und die Prozessbeteiligten regelrecht zu belagern. Rechtsanwälte kritisieren, dass dies weder für den Prozessverlauf noch für eine seriöse Berichterstattung förderlich ist. Denn in diesem Fall geben der Angeklagte und möglicherweise der Rechtsanwalt, der versucht, seinen Mandanten zu schützen, ein schlechtes Bild ab. Dadurch entsteht ein gewisser Vorverurteilungseffekt.

Gründe für mangelhafte Qualität

Der Zeitfaktor ist der größte Feind einer qualitativ hochwertigen Justizberichterstattung. Denn angesichts des allgegenwärtigen Termindrucks hat kaum ein Redakteur die Zeit, den kompletten Prozess, der sich oft sogar über mehrere Sitzungstage erstrecken kann, zu beobachten. Der Redakteur behilft sich, indem er zur Anklageverkündung und falls es die Zeit zulässt zur Urteilsverkündung erscheint. Den Prozessverlauf lässt er sich anschließend häufig vom Staatsanwalt oder vom Verteidiger des Angeklagten schildern. Der persönliche und neutralere Eindruck des Außenstehenden fehlt dann aber komplett.

Viele Redaktionen behelfen sich auch dadurch, dass sie Volontäre oder freie Mitarbeiter schicken. Diese besitzen allerdings in den seltensten Fällen das notwendige Verständnis für den Ablauf eines Prozesses oder das Hintergrundwissen, um tatsächlich einen qualitativ hochwertigen Bericht abzuliefern.

Hinzu kommt das Platzdiktat, das alle Mediengattungen gleichermaßen betrifft. Über einen aufsehenerregenden Einbruch, beispielsweise bei einem Juwelier, wird durchaus auf Seite eins der regionalen Tageszeitung oder in den Regionalnachrichten von Radio und Fernsehen berichtet – allerdings nur sehr knapp. Hier müssen die Berichte, die im Lokalteil durchaus noch ausführlicher sein können, auf wenige Zeilen oder auf weniger als eine Minute Sendezeit zusammengestrichen werden. Unter diesen Voraussetzungen ist eine professionelle und hochwertige Berichterstattung schlicht unmöglich, weil das Thema auf die absolut notwendigsten Aspekte reduziert werden muss.

Ein Zeichen für herausragende Qualität

Seit dem Jahr 2000 gibt es mit dem Regino-Preis eine Auszeichnung für herausragende Justizberichterstattung. Ins Leben gerufen wurde der nach einem Abt des Klosters Prüm benannte Preis vom Rechtsanwalt Wolfgang Ferner. Zu den Unterstützern gehört neben der juristischen Fachzeitschrift Neue Juristische Wochenschrift auch das Oberlandesgericht Koblenz, wo der mit 750 Euro dotierte Preis auch vergeben wird. Neben Prominenten sind bei der Preisverleihung üblicherweise auch zahlreiche Gerichtsberichterstatter anwesend. In der Festrede, welche die Preisverleihung einläutet, werden meist grundlegende Themen in Praxis, Ethik und Problematik der zeitgenössischen Justiz angesprochen.

Die Gefahr der Einflussnahme

Journalisten, die in der Justizberichterstattung arbeiten, agieren aus mehreren Gründen in einem sehr sensiblen Bereich. Beispielsweise laufen sie permanent Gefahr, sachliche Fehler bei der Übersetzung der reichlich komplizierten juristischen Fachsprache in für den Mediennutzer verständliches Deutsch zu machen. Auch die möglichen presserechtlichen Folgen ihrer Veröffentlichung sollten sie permanent im Auge haben. Sehr viel größer ist jedoch die Einflussnahme auf den möglichen Prozessverlauf durch die Berichterstattung im Vorfeld.

Durch eine tendenziöse Berichterstattung kann etwa ein Angeklagter vorverurteilt werden, obwohl sich später während des Prozesses dessen Unschuld herausstellt. Je nachdem, welchen Verbrechens sie angeklagt waren, sind die Betroffenen anschließend trotz der erwiesenen Unschuld in der Öffentlichkeit gebrandmarkt. Im schlimmsten Fall müssen sie die Konsequenzen ziehen und sogar Arbeitsstelle und Wohnort wechseln, weil ihnen der vermeintliche Makel im Kollegenkreis und in der Nachbarschaft noch jahrelang anhaftet.

Wenn Prominente verwickelt sind

Besonders groß ist die Gefahr der Vorverurteilung bei sehr sensiblen Tatbeständen. Ein besonderes Fingerspitzengefühl ist beispielsweise dann gefragt, wenn es um Sexualdelikte wie Vergewaltigungen oder Kindesmissbrauch geht. Als Paradebeispiel darf der Meteorologe Jörg Kachelmann gelten, der 2010 wegen des Verdachts der Vergewaltigung einer Frau in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung verhaftet worden war. Obwohl das Verfahren am 31. Mai 2011 mit einem Freispruch endete, beendete dies seine Karriere in der Öffentlichkeit.

Sind Prominente in einen Fall verwickelt, sorgen auch andere Delikte für ein entsprechendes öffentliches Interesse. So stand auch der FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß über Monate hinweg unter medialem Dauerbeschuss, nachdem er im Juli 2013 wegen Steuerhinterziehung angeklagt war.

Aufgrund ihrer Eigenschaft als Personen des öffentlichen Lebens rechtfertigt die Verwicklung Prominenter in Straftaten die entsprechende Berichterstattung im Vorfeld. Bei den Journalisten ist in diesen Fällen ein Höchstmaß an Sorgfalt gefragt. Die Flut an Berichten und die öffentliche Meinung – die Angeklagten gelten meist von Vornherein als schuldig, wobei der Neidfaktor der Mediennutzer eine gewisse Rolle spielt – erschwert es der Justiz unnötig, ein gerechtes Urteil zu finden.

Wenn politische Motive hinter den Taten stecken

Als besonders schwieriges Feld gilt angesichts der deutschen Vergangenheit die Berichterstattung über Straftaten, hinter welchen politische Motive stecken. Beispielsweise versuchten Prozessbeteiligte beim NSU-Prozess, bei welchem mehrere Personen einer rechtsextremen terroristischen Vereinigung in den Jahren 2000 bis 2006 in eine Serie von Morden verwickelt waren, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen. Für eine internationale Kontroverse sorgte bereits im Vorfeld das Akkreditierungsverfahren für Journalisten, bei welchem nur wenigen ausländischen Berichterstattern ein fester Platz im Gerichtssaal zugestanden worden war. Der Prozess musste daraufhin um drei Wochen verschoben werden.

Wesentlich dramatischere öffentliche Diskussionen spielten sich in den 1970er und 1980er Jahren während der Prozesse um die RAF ab. Der Stammheim-Prozess etwa erstreckte sich über 192 Prozesstage und im Verlauf des Prozesses bekundeten auch zahlreiche Journalisten Partei oder zumindest Sympathie für oder gegen die Ziele der Terrororganisation. Dies widerspricht zwar eindeutig dem journalistischen Gebot der Neutralität, ist aber vor dem damaligen gesellschaftlichen Hintergrund in Deutschland durchaus erklärbar. Die Journalistengeneration, die der Bewegung der Studentenproteste entwachsen war, sah sich vor allem in den ersten Jahren auch als politische Schreiber. Der Tenor ihrer Berichterstattung war in diesen Jahren zumindest politisch links angehaucht.


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