„Am Abgrund“: Zeitleiste des Versagens
Im Buch „Am Abgrund“ zeichnet die Gerichtsjournalistin Annette Ramelsberger ein düsteres Bild der deutschen Gesellschaft der letzten Jahrzehnte. In ihren Reportagen geht es um Schleuser, Bombenbauer, Extremisten und Mörder sowie das Erstarken einer lange verharmlosten Rechten. Keine leichte, doch lohnende Kost – und dies liegt nicht nur am literarischen Stil der Autorin.
Am liebsten sitzt Annette Ramelsberger ganz vorne, in der ersten Reihe, dort, wo man alles hautnah mitbekommt und jede Regung in den Gesichtern der Menschen sehen kann, die befragt werden. Diese Nähe spürt man auch in den für das Buch Am Abgrund. Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik ausgewählten Texten. „Viele Tage im Jahr bin ich mit menschlichen Abgründen beschäftigt, die schwer vorstellbar und oft noch schwerer zu ertragen sind. Mit Mördern und Vergewaltigern, mit Rechtsextremisten und Attentätern …“, erzählt die Journalistin in ihrem im April 2025 gestarteten Podcast „Am Abgrund – Ein Leben vor Gericht“ der Süddeutschen Zeitung und ergänzt: „Ich möchte von Fällen erzählen, die unser Land verändert haben – aber auch mich.“
„… banal und ungeheuerlich“
Ramelsberger schreibt über verhinderte Bombenbauer, religiöse Fanatiker, Schleuser sowie eine perfekt integrierte und dennoch abgeschobene ungarische Familie ebenso wie über den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke durch einen überzeugten Neonazi, das Attentat von Hanau oder die RAF. Es ist eine spannende und gleichzeitig beängstigende Rückschau. „Manchmal ist es nicht gut, ein langes Gedächtnis zu haben. Man erschrickt dann leichter. Denn vieles, was die Republik jetzt erschüttert, war schon früh zu sehen. Es haben nur zu viele weggesehen“, merkt die Autorin im Vorwort an. Und tatsächlich: In manchen Reportagen wird der aufkeimende rechte Terror, eine damals von vielen kleingeredete Entwicklung, deutlich sichtbar – und die Verfasserin zu einer Art Kassandra.
Die allesamt in der Süddeutschen Zeitung erstveröffentlichten Reportagen lesen sich bisweilen wie eine Zeitleiste des Versagens – denn die Autorin seziert die deutsche Gesellschaft, schaut hin, wo andere weggeschaut haben und noch heute wegschauen. So demonstriert Ramelsberger den Aufstieg der rechten Parteien an kleinen Szenen ebenso wie an schweren Gewalttaten. Besonders eindrucksvoll geschildert wird dies in der Reportage „Im Niemandsland der Wahrheit“, wo im unscheinbaren Dorf Potzlow in der Uckermark 2002 ein Schüler brutal ermordet wird. Der Vorfall, der in ganz Deutschland für Aufsehen sorgte, schien die Einheimischen jedoch kaum zu beschäftigen. Ramelsberger beobachtet, recherchiert, spricht mit den Menschen und analysiert nicht nur den Fall, sondern konstatiert auch die sich ändernden Lebensumstände der DDR-Bürger:innen nach der Wende. Dort, wo zuvor Betrieb und Partei für Ordnung und soziale Werte gesorgt hatten, hat sich ein Abgrund aufgetan, an dessen Rändern viele keinen Halt fanden. Der Prozess um den Mord an dem 17-Jährigen eröffnet „einen Einblick in die Wirklichkeit eines Dorfes, so banal und ungeheuerlich, dass es scheint, als blättere hier die Tünche der Zivilisation“, konstatiert Ramelsberger.
Die allesamt in der Süddeutschen Zeitung erstveröffentlichten Reportagen lesen sich bisweilen wie eine Zeitleiste des Versagens – denn die Autorin seziert die deutsche Gesellschaft, schaut hin, wo andere weggeschaut haben und noch heute wegschauen.
Umfassend informiert
Die 36 im Buch abgedruckten Reportagen datieren von 1997 bis 2025. Bei fast allen ergänzte die Autorin einen einordnenden „Hintergrund“ oder ein „Was danach geschah“. Diese sind Dank der aktuellen weiterführenden Informationen von besonderem Interesse, wie das Beispiel Beate Zschäpe zeigt. Als zu lebenslanger Haft verurteiltes Mitglied des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) hat sie sich 2025 für die Aufnahme in ein Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten beworben und wurde laut Medienberichten bereits aufgenommen. Die Angehörigen der NSU-Opfer fordern Zschäpes Ausschluss aus dem Programm. Eine vor fünf Monaten gestartete Petition zählt bereits über 155.000 Unterstützer:innen.
Im Vorwort schreibt Ramelsberger von einem sich verschiebenden eigenen Interesse, denn mit den Jahren trat das Wie einer Tat für sie in den Hintergrund, während die Frage nach dem Warum und wie man sie hätte verhindern können immer wichtiger wurde. Im Podcast erzählt sie einleitend mehr über ihre Arbeit und beschreibt, wie sie üblicherweise bereits vor Prozessbeginn versucht, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Dazu gehört die Recherche in Ermittlungsakten und Polizeiberichten, um ein möglichst „vollständiges Bild“ zu erhalten. In ihren Reportagen schafft sie es, der Leserschaft den Eindruck zu vermitteln, nach der Lektüre alles Notwendige zu wissen, um zu verstehen, was wichtig ist; zu verstehen, worum es geht – um einen Sachverhalt aber auch um ein ganzes Leben.
Lehrbeispiel Eisleben: im Guten wie im Bösen
In den Reportagen zeigt die Autorin, was schief läuft bei den ausführenden Organen der Exekutive und der Jurisdiktion. Im Kapitel „Die Akte Eisleben“ braucht sie dafür nur zwei Sätze: „Die Staatsanwaltschaft Halle bestätigt, dass keiner der Angreifer nach der Tat in Haft kam – obwohl ein mehrfach einschlägig vorbestrafter Mann darunter war. Die Staatsanwaltschaft habe geprüft, ob Haftgründe vorliegen, und habe das verneint.“ Es scheint, als ob es keine Rolle spielt, dass die syrische Familie Abdullah (Name im Original geändert) ohne jede Vorwarnung während eines Frühlingsfests krankenhausreif geprügelt wurde. Die Brutalität der rechtsextremistisch motivierten Attacke und die der Familie widerfahrene Ungerechtigkeit durch Polizei und eine desinteressierte Justiz ist nur schwer auszuhalten.
Die 2013 erschienene Reportage habe die SZ-Leserschaft stark aufgewühlt, wie Ramelsberger schreibt. Viele gaben ihrer Empörung „darüber Ausdruck, dass ein rechtsradikaler Überfall auf eine arglose Flüchtlingsfamilie behandelt wurde wie eine Wirtshausschlägerei“, und wandten sich an Staatsanwaltschaft, Justizministerium und sogar an den damaligen Bundespräsidenten. Der Fall, der ursprünglich im Amtsgericht Eisleben verhandelt werden sollte, wo nur leichte Strafen verhängt werden können, landete nach Protesten schließlich vor dem Landgericht Halle, wo die Täter verurteilt wurden. Ob der betroffenen Familie auch ohne den als Korrektiv wirkenden Journalismus und die mobilisierte Gesellschaft Gerechtigkeit widerfahren wäre?
Ramelsberger merkt an, dass in „den vergangenen Jahrzehnten gewalttätige Übergriffe von Rechtsradikalen banalisiert wurden“. Wie Polizei und Justiz den Überfall auf die syrische Familie kleingeredet haben, könne als Lehrbeispiel dafür stehen, wie man die Gefahr des Rechtsextremismus verharmlost und rechtsextreme Schläger dadurch ermutigte.
Moralische Instanz?
„Am Abgrund“ ist bereits das dritte Buch der Journalistin und Autorin. 2008 erschien Der deutsche Dschihad. Islamistische Terroristen planen den Anschlag, das mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich ist. Zehn Jahre später folgte mit Der NSU-Prozess. Das Protokoll ein Schwergewicht: In fünf Bänden fassten Ramelsberger und ihre Kollegen Tanjev Schultz und Rainer Stadler ihre Recherchen und Mitschriften des größten Strafprozesses in Deutschland seit der Wiedervereinigung zusammen. Als Ramelsberger 2014 die Auszeichnung „Journalistin des Jahres“ erhält, heißt es in der Jury-Begründung: „Der NSU-Prozess ist ihr Thema des Jahres und sie hat es zu unserem gemacht (…), ihre kritische Begleitung und journalistische Aufarbeitung der ebenso wichtigen wie juristisch zähen Materie in der ,SZʻ ist vorbildlich, kurzum: echter Qualitätsjournalismus.“
Ramelsberger, die manchen der Branche als „moralische Instanz“ gilt, trat 2024 auch abseits des Gewohnten in Erscheinung. Die Involvierung in einen Immobilien-Skandal, aufgedeckt durch den Spiegel, kratzte am Image der vielfach ausgezeichneten Journalistin.
Schöne Sätze helfen
Immer wieder fragt man sich beim Lesen, was all das Grauen, das die Reporterin recherchiert und beschrieben hat, mit einem Menschen macht. „Als Journalistin muss ich professionell sein und Distanz wahren, aber natürlich geht all das Leid, das ich erlebe, nicht spurlos an mir vorbei“, erklärt sie im Podcast. Früher hat Ramelsberger noch Freund:innen und Familie über die Fälle, die sie journalistisch begleitete, berichtet. Bis man ihr sagte: Es reicht. Ihre Bewältigungsstrategie? Schreiben.
So grauenhaft manche Fälle auch sind: Ramelsberger schafft es dennoch, Dank ihrer literarischen Qualität und einer sensiblen Erzählweise, diese lesbar zu machen. Im Kapitel „Die Überlebenden“ zeichnet sie das Bild des Mörders mit den Worten „wie eine Puppe, ausgestopft mit Hass“. Ina Libak, eine junge Frau, die das Massaker von 2011 auf der norwegischen Insel Utøya überlebt hat, spricht über die vier Schüsse, die sie getroffen haben, zeigt ihre Narben … Die Journalistin beschreibt Ina mit rotem Sommerröckchen, Glasperlenkette und Grübchen. „Da hebt die junge Frau den Kopf – und man sieht das Einschussloch im Unterkiefer. In der Wange kam die Kugel wieder heraus. Mit Make-up sieht es aus wie ein Grübchen.“ Der Massenmörder, der versuchte, den Prozess zu seiner Show zu machen, verblasse neben Ina, „die schlimmste Strafe für ihn“, so die Autorin. „Das Grübchen, das kein Grübchen ist, tanzt. Der Saal ist verzaubert. Hier steht eine Überlebende, die den Hass weglacht.“
So grauenhaft manche Fälle auch sind: Ramelsberger schafft es dennoch, Dank ihrer literarischen Qualität und einer sensiblen Erzählweise, diese lesbar zu machen.
Lichtblicke
In manchen Kapiteln beschleicht einen das Gefühl des Verlorenseins – verloren in einer Gesellschaft, die gängige Moralvorstellungen abgestreift hat wie eine zu enge Weste. Genau dann, wenn man beim Lesen denkt „Jetzt geht es nicht mehr weiter“, schafft es Ramelsberger, der düsteren Realität etwas Helles abzutrotzen. Es sind zwar die menschlichen Abgründe von Mördern, Bombenbauern und Extremisten, die Angst schüren, aber es sind auch Menschen wie Ina Libak, Kommissar Felix Paschek, Richterin Ursula Mertens und andere, die Hoffnung geben.
Fazit
„Am Abgrund“ ist mehr als eine Sammlung von Gerichtsreportagen: Annette Ramelsberger zeichnet eine beklemmende Chronik gesellschaftlichen Wegsehens und institutionellen Versagens. Mit präziser Recherche und einer sensiblen Erzählweise macht sie Probleme sichtbar und berichtet inmitten von Ignoranz, Ungerechtigkeit und Brutalität auch von Menschen mit Haltung. Ein Plädoyer für wachsamen Journalismus und eine verantwortungsvolle Gesellschaft.
Das Buch:
Titel: Am Abgrund. Reportagen aus den Gerichtssälen dieser Republik
von Annette Ramelsberger.
Preis: 26,00 € (D) und 26,80 € (A)
Umfang: 358 Seiten
Erscheinungsdatum: 19.2.2026
Verlag: Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-673-2

