Studie: „Welt voll weißer Flecken“ – deutscher Auslandsjournalismus in der Krise Viele Länder und Regionen in deutscher Berichterstattung unterrepräsentiert.

Die Otto-Brenner-Stiftung hat in einem Diskussionspapier den Zustand der deutschen Auslandsberichterstattung der letzten Jahre festgehalten. Demnach fehlen deutschen Medien vielerorts Ressourcen und Budgets, um eine fortlaufende und qualitativ hochwertige Auslandsberichterstattung sicherzustellen. Das trifft vor allem auf Gebiete zu, wo die journalistische Arbeit gefährlich ist – etwa aufgrund von bewaffneten Konflikten. Das Ergebnis ist eine „Welt voll weißer Flecken“ in der deutschen Berichterstattung, wie der freie Auslandskorrespondent und Verfasser dieser Studie, Marc Engelhardt, festhält. Die Corona-Pandemie hat die Arbeitsbedingungen für viele Auslandsberichterstatter:innen – etwa durch fehlende Möglichkeiten zu Vor-Ort-Recherchen – laut Studie zusätzlich erschwert.

Eine Analyse von Artikeln in 23 der auflagenstärksten überregionalen und regionalen deutschen Zeitungen im Zeitraum von 2010 bis 2019 zeigt, dass über die USA, Europa, Russland und China am meisten berichtet wird. Die USA stehen besonders im Fokus: Mit großem Vorsprung liegen sie an der Spitze von acht – ansonsten europäischen – Staaten, die mehr als 100.000 Mal genannt wurden. Im Vergleich dazu ist etwa Syrien, wo 2011 ein verheerender Krieg begann, in der Berichterstattung weit abgeschlagen. Das Verhältnis zu den Artikeln aus den USA beträgt 1:10. Am unteren Ende der Skala rangieren 34 Länder wie der Tschad, die weniger als 50 Mal erwähnt wurden. Über 15 Länder und Regionen – etwa über die Westsahara oder die Republik Moldau – wurde kein einziges Mal berichtet.

Der Studienautor nennt fünf Gründe für das „Verblassen der Welt“, die er unter anderem durch die Befragung von rund 40 freien Korrespondentinnen und Korrespondenten eruierte: Die Entsendung von Berichterstatter:innen durch deutsche Redaktionen sei in den letzten beiden Jahrzehnten zurückgegangen; Auslandsseiten und Sendeplätze wurden ausgedünnt, und Budgets und Redaktionen seien geschrumpft. Außerdem verhindern bzw. erschweren Barrieren wie Einschränkungen und Repressalien durch Behörden in autoritären Staaten die journalistische Arbeit vor Ort. Damit einher geht eine Zunahme der Bedeutung interessengeleiteter Quellen, so zum Beispiel die Propaganda von Machthaber:innen autoritärer Staaten, die oft in hoher Geschwindigkeit auf Social Media verbreitet wird. Diese läuft der Berichterstattung von Auslandsberichterstattenden entgegen und erschwert deren Arbeit etwa durch Quellen ungesicherter Herkunft.

Um den negativen Entwicklungen besonders in einer Zeit des „verstärkten (auch militärischen) internationalen Engagements Deutschlands“ entgegenzuwirken, schlägt der Studienautor Handlungsoptionen vor: So sei von Deutschland ein „deutlicheres Engagement“ bei Verstößen gegen die Pressefreiheit zum Schutz bedrohter Reporter:innen im Ausland gefragt. Auch müssten Netzwerke freier Korrespondentinnen und Korrespondenten gestärkt und Berichtsplätze erhalten bleiben. Damit einher geht eine Forderung nach Unterstützung der Auslandsberichterstattung durch eine öffentliche Förderung.

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