Studie: Menschen von Online-Medienkonsum besonders in Krisenzeiten überfordert Jüngere besonders betroffen; langfristige Resilienzstrategien erforderlich.

Eine Repräsentativstudie des VOCER Instituts für Digitale Resilienz untersuchte den Zusammenhang zwischen digitaler Mediennutzung und psychischem Wohlbefinden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich viele Menschen gerade in den aktuellen Krisenzeiten im Zusammenhang mit ihrem digitalen Medienhandeln gestresst und überfordert fühlen. Die Betroffenen würden selbst gezielt nach Ausgleichsmöglichkeiten suchen, und der Bedarf an digitalen Resilienzstrategien habe stark zugenommen.

Auf eine große „Nachrichtenmüdigkeit“ unter deutschen Internetnutzenden und eine daraus resultierende Nachrichtenvermeidung – vor dem Hintergrund eines etwa stark von der Corona-Pandemie und zudem von den Kriegsgeschehnissen in der Ukraine geprägten Online-Mediengeschehens – verwies bereits der diesjährige Digital News Report des Reuters Institute (der DFJV berichtete). Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen diese Diagnose. Dabei sehen sich viele Menschen laut Studie nicht nur angesichts der digitalen Nachrichtenflut überfordert, sondern sie empfinden das „Online-Sein“ insgesamt als belastend.

So gaben 30 Prozent der befragten Personen an, es stresse sie ihre „ständige Erreichbarkeit“ über das Smartphone und andere digitale Geräte. 16 Prozent meinten, mit digitalen Medien kämen sie „kaum noch zur Ruhe“. Und 9 Prozent befürchten sogar, sie seien schon „abhängig oder süchtig“ vom Internet. Besonders die Altersgruppe der 14- bis 29-jährigen Mediennutzenden zeigt sich über ihr Medienverhalten besorgt, aber auch selbstreflektiv: So erkennt laut Studienmachern etwa rund die Hälfte der jungen Befragten, warum sie ihr Smartphone-Konsum stresst. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass diese Altersgruppe ein besonders großes Interesse an online konsumierten Gesundheitsthemen hat – nicht nur in Bezug auf die Pandemie, gesunde Ernährung und Bewegung, wie es insgesamt bei den Befragten der Fall ist, sondern auch in Bezug auf „Mental-Health“-Themen wie „Umgang mit psychischen Belastungen“ (75 Prozent) und „Tipps für den Alltag zur Stressbewältigung und zur Steigerung des Wohlbefindens“ (66 Prozent).

Aber was hilft den Menschen denn konkret, den digitalen Stress zu verringern? Etwa die Hälfte der Befragten bis 49 Jahre sieht eine Ausgleichmöglichkeit darin, Zeit mit anderen Menschen oder in der Natur zu verbringen. Etwas weniger als die Hälfte erachtet es als sinnvoll, die digitale Medienzeit generell zu verringern. Ein knappes Drittel befürwortet die Konzentration auf eine kleinere Auswahl aus dem Online-Medienangebot; zudem sucht rund ein Fünftel den Dialog mit anderen Menschen, um sich über den durch digitale Medien verursachten Stress auszutauschen. Und besonders die junge Altersgruppe möchte die Nutzung von Social Media verringern (43 Prozent).

Auf gesellschaftlicher Ebene sehen die Studienautoren die Gefahr, dass die „digitale Überlastung“ Auswirkungen auf die Qualität demokratisch geführter, öffentlicher Diskurse hat. Um eine gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern, plädieren sie daher für die systematische Entwicklung organisationaler und individueller Resilienzstrategien des digitalen Medienkonsums. Dazu empfehlen sie zum Beispiel eine „Reaktivierung des Publikumsdialogs, vor allem im Lokalen“ sowie „eine darauf aufbauende Vertrauensinitiative in professionelle Medien und ihre Akteur:innen“ und, nicht zuletzt wohl im Hinblick auf alle Menschen, eine „stetige selbstkritische Reflexion von digitaler Medienzeit und Smartphone-Nutzung“.

Für die Studie „Digitale Resilienz in der Mediennutzung“ wurden rund 1000 Personen ab 14 Jahren in deutschen Privathaushalten telefonisch zu ihrem Mediennutzungsverhalten befragt.

 

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