OBS-Untersuchung kritisiert Berichterstattung über Sahel-Einsätze Keine „Beförderung eines gesellschaftlichen Diskurses“.

Vor Kurzem hat der Deutsche Bundestag entschieden, dass die Bundeswehr in der Sahel-Region stationiert bleibt. Mit der Vorabpublikation der Zusammenfassung einer Untersuchung zu den Sahel-Einsätzen im öffentlichen Diskurs des Medienjournalisten und Afrikanisten Lutz Mükke forderte die Otto Brenner Stiftung schon vor diesem Entscheidungstag „vom Mediensystem einen deutlich ernsthafteren Umgang mit dem Thema Krieg und Kriegseinsätze“, wie es dazu im redaktionellen Vorspann heißt.

Die Untersuchung geht kritisch der Frage nach, wie in deutschen Leitmedien über die Sahel-Region und die Bundestagsdebatten und Abstimmungen über die jährlichen Verlängerungen der Einsätze 2021 berichtet wurde. Dazu wurden 41 Online-Beiträge (ohne Visualisierungen), die auf Zeit Online, FAZ.NET, Bild.de und tagesschau.de um den Termin der Bundestagsabstimmung zu den Sahel-Einsätzen zu dem Thema erschienen sind, inhaltlich analysiert und anschließend mit Fachleuten aus Mali, Niger und Deutschland diskutiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Parlamentsdebatte in der Berichterstattung so gut wie keine Rolle spielte; 60 Prozent aller Beiträge waren zudem Abdrucke von Meldungen von Nachrichtenagenturen oder basierten auf deren Material. Rund 40 Prozent der Artikel stammten zwar von Korrespondentinnen und Korrespondenten, diese berichteten jedoch aus Kapstadt, Paris, Berlin oder Rabat und waren somit tausende Kilometer vom Geschehen entfernt. Insgesamt war die Berichterstattung „stark nachrichtlich-berichtend“ ausgelegt, und es mangelte an eigenen Recherchen: So gab es etwa keine Vor-Ort-Reportagen oder andere investigative Beiträge; es fehlte auch an Leitartikeln oder Interviews.

Als fragwürdig dargestellt wird auch, dass vor allem Vertreter:innen der französischen und deutschen Regierung oder von internationalen Organisationen als Informationsquellen zu den Geschehnissen dienten. Afrikanische Gruppen wie Wissenschaftler:innen, Geschäftsleute oder Studierende hingegen seien genauso wie Hilfsorganisationen fast gar nicht als Quellen hinzugezogen worden. Auch wurde über den Terrorismus nicht hintergründig informiert.

Aus den Rückschlüssen der zur weiterführenden Analyse der Ergebnisse herangezogenen Fachleute – die auch Handlungsempfehlungen für eine zukünftige Berichterstattung enthalten – geht hervor, dass unabhängiger Journalismus hier hätte wesentlich mehr leisten müssen. Das Fehlen einer afrikanischen Stimme drücke Geringschätzung gegenüber der Thematik aus. Der Journalismus sei hier nicht seiner Aufgabe nachgegangen, gängige „Frames“ zu hinterfragen. Zum Abbau dieser „übervereinfachten Realitätswahrnehmungen“ brauche es Investitionen, z. B. in Rechercheteams, Kooperationen mit afrikanischen Medienschaffenden und die langfristige Entsendung erfahrener Krisen- und Kriegsberichterstatter:innen.

Die Bundeswehr ist laut Grundgesetz eine Parlamentsarmee. Der Studienautor mahnt abschließend, dass mit dem Themenkomplex „demokratisch-diskursiv“ umzugehen sei; Meinungsbildungsprozesse über Truppen-Entsendungen ins Ausland müssten durchlaufen werden. Die Öffentlichkeit hätte sich jedoch durch die analysierte Berichterstattung nicht grundlegend über die parlamentarischen Debatten sowie über die Geschehnisse in der Sahel-Region informieren können: „Von umfänglicher Information und Beförderung eines gesellschaftlichen Diskurses“ könne „nicht die Rede sein.“

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