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„Die Essenz der Fotografie ist auch Melancholie“

17.06.2026 Ralf Falbe
Titelillustration: Esther Schaarhüls


Ein Interview mit Damian Zimmermann.

Funktioniert Fotojournalismus auch mit dem Smartphone? Was unterscheidet Profifotografen von Influencern und Amateuren? Und was sind die Voraussetzungen für den Einstieg in die professionelle Fotografie? Damian Zimmermann, Redaktionsleiter von fotoMAGAZIN, stellt sich im Interview diesen Fragen und zeigt die Bedeutung der Fotografie in Journalismus, Kunst und Dokumentation auf.

An welche Zielgruppe richtet sich Ihr Magazin und hat sich diese Ausrichtung über die Jahre verändert?

Das fotoMAGAZIN ist mit dem Gründungsjahr 1949 das älteste in Deutschland existierende Magazin, das sich ernsthaft mit Fotografie auseinandersetzt. Natürlich haben wir heute eine andere Leserschaft als noch in den 1950er- oder 1980er-Jahren, aber grundsätzlich sprechen wir ambitionierte Hobbyfotografen, Einsteiger und auch professionelle Fotografen an, davon etwa ein Viertel weibliche Leserschaft. Der Markt ist recht stark fragmentiert, von daher können wir auch nicht explizit Fotojournalisten ansprechen. Viele unserer Leser sind eher im Bereich „ambitionierter Amateur“ einzuordnen und träumen oftmals zumindest von einer semiprofessionellen Fotografenkarriere mit Veröffentlichungen in prestigeträchtigen Publikationen. Es gibt auch Leser, die uns seit Jahrzehnten folgen und nicht auf jeden Euro gucken müssen, denn Fotografie im Allgemeinen ist kein ganz günstiges Hobby.

Die Creators sprechen wir also eher weniger an und sogenannte Influencer lesen gefühlt ohnehin kaum noch Print-Magazine. Bei den großen Events wie Sony World Photography trifft man daher bei Presseveranstaltungen auch auf immer weniger Journalisten, das hat sich dort eher in Richtung Influencer mit größtmöglicher Reichweite verschoben. Tiefere Kenntnisse in der Fotogeschichte oder Fotografenszene sind bei Influencern allerdings meist nicht festzustellen. An den entsprechenden Hochschulen konnten Bewerber vor 20 Jahren noch mindestens drei bekannte Fotografen nennen, heute werden eigentlich nur noch  Influencer aufgezählt. Daher versuchen wir im Magazin auch, das Thema Fotogeschichte weiterhin auszuleuchten und neu zu beleben.

An den entsprechenden Hochschulen konnten Bewerber vor 20 Jahren noch mindestens drei bekannte Fotografen nennen, heute werden eigentlich nur noch Influencer aufgezählt.

Wie schwierig ist es in der heutigen Zeit, überhaupt noch so ein Special-Interest-Magazin zu machen? Was hat sich so rasant verändert am Markt?

Die Schwierigkeit besteht darin, dass heute viele Inhalte im Internet frei zugänglich sind. Dagegen kann man nur mit Qualität punkten. Wir beschäftigen also für bestimmte Themen wie Fotopraxis erfahrene Journalisten mit besonderer Expertise, die natürlich auch gut schreiben können. Im Zweifelsfall suche ich nach Autoren mit besonderen Kenntnissen und Fähigkeiten.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass heute viele Inhalte im Internet frei zugänglich sind. Dagegen kann man nur mit Qualität punkten.

Wir geben der Leserschaft also Informationen an die Hand, die sie so nicht woanders finden können. Dazu gehen wir zum Beispiel bei Techniktests sehr in die Tiefe und testen Objektive oder Kameras auch im Labor, wo unabhängige Ergebnisse erarbeitet werden. Aber wir profitieren im Redaktionsalltag auch von der eigenen fotografischen Erfahrung und dem fotografischen Sehen. So können wir erklären, warum einige Artikel oder Traditionen in der Fotografie immer noch relevant sind. Trotz Bilderflut haben wir immer noch nicht alles gesehen, nur weil gerade eine Million Food-Bilder im Netz umherschwirren. Das sagt wenig über die wahre fotografische Bandbreite aus. Wenn wir dem Leser das Gefühl geben können, durch die Lektüre unseres Heftes etwas kompetenter geworden und im besten Fall sogar gut unterhalten worden zu sein, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

Wie kann ich als Journalist oder Fotograf ein Thema oder Foto bei Ihnen veröffentlichen? Welchen Themen sind besonders gefragt?

Es gibt keine einzelnen Themen, die bei uns eine besondere Rolle spielen. Aber es bewerben sich immer wieder Hobby- wie Profi-Fotografen mit ihren Portfolios. Dabei achte ich auf eine eigene fotografische Handschrift, das ist ganz wichtig. Reine Smartphone-Fotos sind oftmals sowohl technisch als auch ästhetisch schlecht und von daher für eine Veröffentlichung weniger geeignet. Bei der Akt- oder Studiofotografie muss ein Fotograf sehr präzise arbeiten und es ist nicht oft etwas wirklich Neues dabei. Wenn ich aber mal begeistert bin, dann möchte ich das auch gern mit der Leserschaft teilen und im Magazin veröffentlichen.

Spannender ist manchmal eher ein Erfahrungsbericht, der die Leser mit einer ungewöhnlichen Geschichte unterhält. Wir hatten einmal so einen Bericht von einem Fotografen, der seine Asienreise über Gratis-Hotelübernachtungen durch Hotelfotos finanziert hatte. Also statt des klassischen „Time for Prints“, bei dem Fotografen und Models ohne Honorar miteinander arbeiten, „Sleep for Prints“ quasi. Das war eine unkonventionelle Geschichte, die bei den Lesern sehr gut angekommen ist.

Reine Smartphone-Fotos sind oftmals sowohl technisch als auch ästhetisch schlecht und von daher für eine Veröffentlichung weniger geeignet.

Der Platz im Magazin ist aber sehr stark eingeschränkt, so dass wir nur zwei bis vier Lesereinreichungen pro Jahr berücksichtigen können. Unsere Autoren erhalten aber alle ein Honorar.

Die Welt durch die Fotografie besser verstehen lernen und die Energie im „Hier und Jetzt“ bei Presse- oder Reportageshootings spüren: Spiegelt sich das in Fotos wider? Wie beurteilen Sie diese „to cover life“-Ambitionen vieler Reportagefotografen?

Ein wichtiger Punkt in der Fotografie. Wir als Fotografen erhalten mit der Kamera die Möglichkeit, Zugänge zu anderen Welten zu finden. Unabhängig davon, ob Amateur oder Profi-Fotograf. Man muss sich auf andere Menschen und deren Geschichte einlassen. Das erfordert ein hohes Maß an Empathie, denn der Zugang funktioniert zumeist nur über Vertrauen. Aber jeder kann das im Prinzip machen, ganz gleich ob erfahrener Kriegsfotograf oder als Hochzeitsfotograf im privaten Umfeld. Ohne Kamera ist das aber nicht möglich, denn unsere Außenwirkung ist dabei sehr wichtig. Einer professionellen Erscheinung vertraut man eher, das ist auch in der Fotografie so. Mit einem Smartphone wird man anders wahrgenommen als mit einer teuren Spiegelreflex- oder Systemkamera.

Ein einziges gutes Bild kann jeder mit Glück schießen, aber eine hochwertige Serie zeigt mir die Ernsthaftigkeit der Arbeitsweise und des Projekts.

Dieses Eintauchen beobachte ich gerade bei Fotoserien vieler Langzeitprojekte, wo sich engagierte Fotografen über Monate oder Jahre hinweg mit einem selbst gewählten Thema beschäftigen. Ein einziges gutes Bild kann jeder mit Glück schießen, aber eine hochwertige Serie zeigt mir die Ernsthaftigkeit der Arbeitsweise und des Projekts.

Wird  künstliche Intelligenz, KI, die professionelle Fotografie verdrängen? In den Bereichen Public Relations und Werbung ist dieser Prozess bereits recht weit fortgeschritten.

Ja, beim Darstellen von Produkten oder bei der Stockfotografie ist diese Entwicklung zu beobachten. Aber beim Abbilden von authentischen Erlebnissen hat die KI nichts verloren. Egal ob Hochzeitsfotografie oder Reportage – es geht hier um die Dokumentation von tatsächlichen Erlebnissen mit echten Menschen. Und das ist sicher auch mit ein Grund, waurm es aktuell eine Renaissance der analogen Fotografie und alter Kameras gibt: Weil man sie mit „echter“ und „authentischer“ Fotografie verbindet. Da ist natürlich auch sehr viel Romantik mit im Spiel, denn in der Fotografie wurde schon immer manupuliert, aber offensichtlich gibt es eine Sehnsucht, die KI-Bilder nicht erfüllen können. Eine ähnliche Entwicklung war bereits in der Malerei zu beobachten, bevor sich die Fotografie durchgesetzt hat und Schlachtengemälde oder Porträts in Ölmalerei ersetzte. Es gibt lediglich mehr künstlerische Techniken und visuelle Kanäle, was ja nicht schlecht sein muss. Wer sich der Wildlife-Fotografie verschrieben hat, will auch das passende Erlebnis dazu spüren, also tagelang in der Wildnis liegen und dann endlich den Luchs im Wald fotografieren. Da geht es um Emotionen, Erlebnisse und authentische Momente, die eingefangen werden.

Beim Abbilden von authentischen Erlebnissen hat die KI nichts verloren.

KI ist hier keine ernsthafte Bedrohung, denn die Essenz der Fotografie ist auch Melancholie: Die Vergänglichkeit des eingefangenen Moments, alles existiert nur bedingt lange. Und in der Brieftasche führt man schließlich auch ein echtes Foto von der Freundin oder den Kindern mit sich und nicht die KI-Version von ihnen.

Wird in Ihrem Magazin eine besondere Verbindung zum Journalismus gepflegt?

Ja, das ist für uns immer relevant. Vielleicht nicht in jeder Ausgabe, denn für Reportagefotografie benötigt man meist viel Platz. Da müssen wir uns in jedem Einzelfall auch die Frage stellen: Können wir die Geschichte überhaupt adäquat auf sechs Seiten erzählen und darstellen? Es geht dabei sowohl um den Fotografen als auch um die Leser. Jüngere Fotografen denken zudem auch gar nicht mehr so sehr in Magazin-Doppelseiten, sondern eher in Fotobüchern, in denen sie viel Platz zum Erzählen haben. Zugleich müssen wir darauf achten, unsere Leserschaft nicht zu überfordern. Und wir veröffentlichen auch Interviews mit bekannten Fotojournalisten, hatten zum Beispiel schon ein Gespräch mit Jan Grarup in unserem Magazin.

Ihre Praxis-Rubrik „So planen Sie Ihr Shooting“ ist sehr beliebt. Was gehört zu den Grundlagen, die Sie immer empfehlen?

Ich selbst habe wenig assistiert als Fotograf, aber zu diesen Themen schreiben bei uns erfahrene Fotografen, die hierzu aus ihrer langjährigen Praxis handfeste Tipps geben. Wer mit Models im Outback arbeitet, sollte auch an eine Toilette auf der Checkliste denken. Wer macht die Frisur, wer schminkt die Models? Alles Details, an die man als Amateurfotograf nicht unbedingt sofort denkt.

Es muss sich spannend lesen und praktische Hilfestellung geben, das ist unser Ansatz.

Wir versuchen mit der Rubrik, auch hier in die Tiefe zu gehen und unsere Erfahrung zu teilen. Dadurch, dass bei uns echte Spezialisten schreiben, bekommen die Leser einen klaren Mehrwert an die Hand. Dazu geben wir auch Tipps zu Verschlusszeiten, Lichtsetzung oder andere technische Hilfsmittel. Es muss sich spannend lesen und praktische Hilfestellung geben, das ist unser Ansatz. So wie ein Interview mit einem der bekanntesten Höhlenfotografen der Welt, Robbie Shone, der auch schon mal 2000 Meter tief in die Erde hinunterklettert, um dort zu fotografieren. Von unseren Lesern dürfte das kaum jemand machen, aber es ist einfach eine tolle und spannende Geschichte und liefert viel Inspiration.

Sie berichten auch über wissenschaftliche Nischen wie Astrofotografie. Können Sie hier weitere thematische Trends erkennen?

Wir haben die kleine Serie „Im Einsatz“ mit dem Thema Astrofotografie auf nur einer Seite. Diese Specials sind immer vom Platz etwas schwierig, denn natürlich könnte man das auch auf vier oder sechs Seiten machen. Aber das Magazin möchte eben gerne Einblicke in die große Bandbreite der angewandten Fotografie geben. Nicht immer nur Porträt oder Wildlife, sondern auch exotische Themen wie Fotografie auf Segelschiffen, die Deep-Sky- oder die Air-to-Air-Fotografie. Auf diese Genres spezialisierte Fotografen stellen wir dann vor.

Die Frage dazu lautet immer: Ist das spannend für unsere Leserschaft? Und die Umsetzung ist wichtig. Die Geschichten müssen interessant sein, auch wenn das vielleicht kaum ein Leser selbst fotografieren wird.

Welche Tipps geben Sie Bewerbern von Fotoakademien?

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung auch als Kunstkritiker und Fotograf: Eine Fokussierung auf die Technik halte ich für falsch. Bewerber sollten sich lieber auf die Bilder konzentrieren, also Fotobücher studieren und auf Festivals Bilder ansehen. Dort findet sich eine andere Bildsprache als auf TikTok, wo Algorithmen das immer Gleiche belohnen.

Es geht in der Fotografieausbildung natürlich um das Handwerk, aber vor allem darum, das Sehen zu schulen. Und Themen sind wichtiger als Motive. Es geht um die Frage: Wie und warum fotografierst du? Nicht was. Heute ist die Technik viel leichter zu lernen als früher und Fehler kosten nichts. Früher hat man mitunter zwei Filme verschwendet, bevor das gewünschte Ergebnis vorlag.

Es geht in der Fotografieausbildung natürlich um das Handwerk, aber vor allem darum, das Sehen zu schulen.

Ein anderer kaum zu unterschätzender Punkt ist die Vernetzung: Kontakte bringen digital nur etwas, wenn man sich auch physisch kennt. Ausstellungen, Vorträge, Buchhandlungen, Festivals sind daher immer noch wichtige Kontaktbörsen. Es geht aber auch um Inspiration, Lernen, Spaß, Austausch, um den beruflichen Fortschritt wachsen zu lassen. Gerade bei den Festivals kommen viele fotoverrückte Leute zusammen, die für diese visuelle Kunst brennen. Naturfotografen zieht es daher vielleicht zum Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“ an der Ostsee, andere besuchen die Rencontres de la photographie in Arles in Südfrankreich oder die Triennale der Photographie in Hamburg. Das ist alles sehr bereichernd, nur sollte man da ergebnisoffen hinfahren, also nicht nur deshalb, weil man unbedingt jemandem sein Portfolio oder sein Fotobuch zeigen will oder sonstwie unter Druck steht. Das merkt man im Gespräch und dann schrumpft rasch der Kreis.


Damian Zimmermann

Damian Zimmermann (*1976) lebt und arbeitet als Journalist, Kunstkritiker, Fotograf, Kurator und Festivalmacher in Köln. Seit 2009 betreibt er seinen Blog mit Kunstkritiken, Interviews, Fotobuchbesprechungen und Umfragen. 2014 hat er das Fotobuch-Quartett gegründet, eine Live-Veranstaltung, bei der aktuelle Fotobücher vor Publikum mitunter sehr kritisch besprochen werden. Seit 2024 leitet er die Redaktion des fotoMagazin.


Ralf Falbe

Der Autor Ralf Falbe arbeitet als freier Fotograf, Videographer und Journalist. Davor war er als Lokalredakteur und in der Unternehmenskommunikation unterwegs. Veröffentlicht hat er u. a. in SternF.A.Z. und sueddeutsche.de. Und es gab Auszeichnungen: Journalistenpreis Irland 2016 (Kategorie Online – Top 10), Bronze-Winner International Photo Award IPA Philippines 2016 (Kategorie Kinder), Nominierung für den PR-Bild Award 2015, 2017, 2018 (Kategorie Tourismus, Freizeit, Sport). Er ist Mitglied beim DFJV.

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