Praktikum

Der Begriff Generation Praktikum entstand in den 1990ern und beschreibt das – oft negativ besetzte – Lebensgefühl der jungen Generation, die zunehmend schlecht bezahlte Jobs mit einer unsicheren Zukunftsperspektive annehmen musste. Entstanden ist dieser Begriff aus der Tatsache heraus, dass sich junge Akademiker immer häufiger von Praktikum zu Praktikum hangeln mussten, obwohl sie eigentlich auf der Suche nach einer Festanstellung waren. Der Grund: Sie wollten nach Möglichkeit Lücken im Lebenslauf vermeiden, die ihnen womöglich berufliche Perspektiven verbaut hätten. Geprägt wurde der Begriff "Generation Praktikum" von Matthias Stolz, der zu Beginn des Jahres 2005 einen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" in Anlehnung an Begriffe wie Generation X oder Generation Golf entsprechend überschrieb.

Hohe Arbeitslosenzahlen machten es einigen Unternehmen relativ leicht, mit Praktikantenverträgen Neueinstellungen zu vermeiden oder zu verzögern und so ihr Risiko zu minimieren. Da Berufsanfänger im Praktikum die Gelegenheit bekommen sollten, in einen Beruf hineinzuschnuppern, galten für diese ursprünglich keine gesetzlichen Vorschriften bezüglich Mindestlohn und Kündigungsschutz. Manche Arbeitgeber missbrauchten zudem Praktikumsverträge, um hochqualifizierte Kräfte drastisch unterzubezahlen – ohne die Absicht zu haben, auf diesen Positionen überhaupt reguläre Arbeitsstellen einzurichten. Diese "schwarzen Schafe" sorgten für den negativen Ruf.
 

Darum hat sich die Arbeitswelt gewandelt

Für viele Akademiker stellt die Festanstellung nach dem Studium nach wie vor das Idealbild für ein gefestigtes Leben dar. Damit folgen sie den Idealvorstellungen ihrer Elterngeneration, die den beruflichen Einstieg in den 1970er- und 1980er-Jahren absolviert hatte.

Nachdem sich im Zuge der Wirtschaftskrise gegen Ende der 1990er die Lage auf dem Arbeitsmarkt auch für Akademiker massiv und nachhaltig verschlechtert hatte, sahen sich viele Angehörige der Generation Praktikum gefangen zwischen ihrem Idealbild und der wirtschaftlichen Realität. Die Eltern, deren Berufsleben größtenteils in Wohlstandszeiten verlaufen ist, betrachten die Schwierigkeiten bezüglich des beruflichen Einstiegs ihrer Kinder tendenziell als Scheitern. In den vergangenen Jahren sind auch Absolventen von vermeintlich sicheren Studiengängen wie Architektur oder BWL in prekäre Situationen geraten, wie es für Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften schon einige Jahre länger der Fall war.
 

Welche Motive sprechen für ein Praktikum?

Die Praktikanten entschließen sich aus den unterschiedlichsten Gründen für ein Praktikum. Während die einen potenziellen Arbeitgeber einen lückenlosen Lebenslauf präsentieren wollen, bemühen sich andere, über ein Praktikum einen Anschluss an die Arbeitswelt zu bekommen. Unternehmen, die einen hohen Anteil an Praktikanten beschäftigen, argumentieren häufig damit, dass der Arbeitsmarkt zu unflexibel ist, um in Produktionsspitzen kurzfristig Personal einstellen und anschließend genauso schnell wieder abbauen zu können. Zwar ersetzen in den Medien Praktikanten nicht zwangsläufig feste oder freie Mitarbeiter, jedoch können die Praktikanten rasch einfachere Aufgaben übernehmen, sodass insgesamt mit einem niedrigeren Personalbestand gearbeitet werden kann.

Für diese Unternehmen stellen sich vor allem die sogenannten Dauerpraktikanten allerdings als zweischneidiges Schwert heraus. Denn wenn das Praktikum zu unattraktiven Konditionen angeboten wird, vergraulen die Firmen möglicherweise interessante Bewerber. Zudem müssen Praktikanten in ihren jeweiligen Arbeitsbereich eingearbeitet werden, wodurch personelle Ressourcen gebunden werden. Langfristig kann dadurch also auch die Motivation der Mitarbeiter sinken, was im Umkehrschluss zu einer geringeren Produktivität führt.
 

Zufrieden trotz geringer Bezahlung

Nach dem Praktikantenreport 2014, der vom Portal "meinpraktikum.de" in Auftrag gegeben wurde, zeigen sich 78 Prozent der befragten Praktikanten zufrieden mit ihrer Situation, obwohl sie im Schnitt nur 290 Euro pro Monat verdienten. Die Zufriedenheit mit dem Praktikum steigt allerdings mit der Vergütung, welche die Praktikanten erhalten. Denn die monetären Unterschiede sind erheblich: Während im Öffentlichen Dienst sowie in den Bereichen Bildung und Gesundheit etwa 80 Prozent der Praktikanten umsonst arbeiten, erhalten sie in der Konsumgüterindustrie oder in Unternehmensberatungen oft mehr als 1.000 Euro pro Monat. Weitere wichtige Faktoren für die Zufriedenheit stellen das Betriebsklima und die Karrierechancen nach dem Praktikum dar.
 

Eine besondere Situation im Journalismus

Dass der Festanstellung oder der Ausbildung im Rahmen eines Volontariats in der Regel mehrere Praktika vorausgehen, ist im Journalismus allerdings keine Erscheinung, die erst in den vergangenen Jahren en vogue wurde. Dass die angehenden Journalisten im Rahmen eines Praktikums in die alltäglichen redaktionellen Abläufe hineinschnuppern, bevor sie die begehrte Anstellung bekommen, ist seit jeher eine gängige Praxis. Diese hat auch gute Gründe:
 

  • Journalisten müssen auch unter Druck und in stressigen Situationen ihre Aufgaben erfüllen können.
  • Ein gewisses Maß an Schlagfertigkeit und Improvisationstalent muss jeder Journalist mitbringen. Er muss in der Lage sein, auf Augenhöhe mit Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu diskutieren.


Ob jemand diesen Anforderungen auch tatsächlich gerecht wird, lässt sich im Rahmen eines Praktikums am leichtesten einschätzen. Denn während Volontäre – etwa in der Urlaubszeit oder als Krankheitsvertretung – oft einen vollwertigen Redakteur ersetzen müssen, haben Praktikanten üblicherweise einen erfahrenen Journalisten an der Seite, der ihnen notwendiges Wissen vermittelt und im Zweifelsfall einspringen kann. Praktika bei verschiedenen Medien empfehlen sich vor allem im Hinblick auf die crossmediale Arbeitsweise, die mittlerweile in zahlreichen Redaktionen Standard ist.
 

Was macht ein gutes Praktikum aus?

Obwohl das Praktikum an sich sehr hilfreich sein kann, um das journalistische Handwerkszeug zu erlernen und zugleich die ersten Kontakte zu knüpfen, kann das Praktikum mitunter auch nachteilig sein. Beispielsweise wenn ein angehender Journalist ein Praktikum ans andere reiht, ohne eine langfristige Perspektive zu bekommen oder kein Ansprechpartner für die Praktikanten im Unternehmen vorhanden ist. Folgende Kriterien sind deshalb wichtig, um ein gutes von einem schlechten Praktikum zu unterscheiden:
 

Wie ist der erste Eindruck?

Die angehenden Journalisten können davon ausgehen, dass es sich um ein fundiertes Praktikum handelt, wenn sie dies bei einem namhaften Unternehmen aus der Branche absolvieren, welches regelmäßig Stellen anbietet. Zudem sollte das Verhältnis zwischen Redakteuren und Praktikanten in einem angemessenen Verhältnis stehen. Als Faustregel für Ausbildungsbetriebe gilt eine Mindestquote von vier Redakteuren auf einen Volontär. Weiterhin sollten wichtige Punkte wie Dauer, Aufgabenbereich und Vergütung vorab schriftlich vereinbart werden. Ein wichtiges Kriterium besteht außerdem darin, ob rein journalistische Inhalte vermittelt werden oder der Praktikant auch Aufgaben wie Anzeigenakquise oder Öffentlichkeitsarbeit übernehmen muss. Im Idealfall bestätigt der Betriebsrat außerdem, dass die Praktikanten keinen Ersatz für fest angestellte Mitarbeiter darstellen. Diese Fragen sollten schon geklärt sein, bevor der Praktikant seine Tätigkeit aufnimmt.
 

Wie gut ist der Einblick?

Für den Praktikanten ist es wichtig, dass er einen eigenen Arbeitsplatz samt der notwendigen technischen Ausstattung sowie einen festen Ansprechpartner im Unternehmen hat. Dieser sollte den Praktikanten einweisen, ihn unterstützen und ausreichend Zeit für Gespräche haben. Dieser Ansprechpartner ist häufig auch derjenige, der den Praktikanten grundlegend über das Tätigkeitsfeld des Journalisten aufklärt und das Unternehmen vorstellt. Bei größeren Unternehmen stellt er oft auch den Kontakt zu den jeweiligen Redaktionen her, in welchen der Praktikant tätig sein soll und stellt diesen dort vor.

Gute Praktikumsplätze zeichnen sich außerdem dadurch aus, dass die Praktikanten kleinere Projekte eigenständig bearbeiten können. Ihre Ergebnisse sollten anschließend nach journalistischen Qualitätskriterien beurteilt und gegebenenfalls unter diesem Gesichtspunkt nachbearbeitet werden. Die Ergebnisse der Tätigkeiten sollten außerdem in einem Abschlussgespräch – im Idealfall mit dem jeweiligen Ressortleiter – besprochen und in einer qualifizierten Beurteilung schriftlich festgehalten werden. Darüber hinaus ist es für den Praktikanten natürlich auch wichtig, ob er von den Redakteuren und Volontären kollegial aufgenommen wird und er auch Einblicke in das Berufsfeld erhält, die über seine eigentlichen Aufgaben hinaus reichen. Ob die Praktikanten eine pauschale Vergütung oder lediglich ein Honorar für veröffentlichte Beiträge erhalten, wird von jedem Medienunternehmen anders gehandhabt. Auch Auslagen wie Fahrtkosten sollten erstattet werden.
 

Welche Perspektive bietet das Praktikum?

Während die genannten Punkte vor oder spätestens während des Praktikums geklärt sind, zeigen sich die tatsächlichen Chancen, die sich durch ein Praktikum ergeben haben, erst im Nachhinein. Dazu gehört der Aspekt, ob der berufliche Horizont oder Fachkenntnisse erweitert werden konnten, ebenso wie die Frage, ob anschließend der Kontakt zu den Kollegen gehalten werden kann oder das Unternehmen vielleicht sogar bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz behilflich ist. Ein wichtiger Punkt sollte jedoch spätestens beim Abschlussgespräch, besser noch vor dem Beginn des Praktikums, geklärt sein: Weil aussagekräftige Referenzen die Bewerbung abrunden und vielleicht sogar den Ausschlag dafür geben, welcher Bewerber eine Stelle erhält, sollte der Praktikant abklären, ob er journalistische Beiträge aus seiner Praktikumszeit als Arbeitsprobe verwenden darf. Dies ist insofern wichtig, als nicht bei allen Beiträgen eine Namensnennung des Autors erfolgt. Im Printbereich etwa wird häufig mit Autorenkürzeln gearbeitet.
 

Mindestlohn im Praktikum

Seit dem 1. Januar 2015 gilt für alle Arbeitnehmer ein einheitlicher Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde. Allerdings haben Bundesrat und Bundestag auch Ausnahmen für verschiedene Gruppen vereinbart. Dazu gehören Jugendliche unter 18 Jahren, Auszubildende, Praktikanten, Langzeitarbeitslose und ehrenamtlich tätige Personen. Praktikanten haben nur teilweise einen Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn.
 

Diese Praktikanten haben keinen Mindestlohn-Anspruch:

  • Sofern es sich um ein Pflichtpraktikum im Rahmen von Schule und Ausbildung oder Studium handelt.
  • Praktika mit einer Dauer von bis zu drei Monaten, die freiwillig und begleitend zu einer Ausbildung oder einem Studium absolviert werden.
  • Freiwillige Praktika, welche zur Unterstützung der Praktikanten bezüglich der Berufs- oder Studienwahl gedacht sind.
  • Wenn es sich um eine Einstiegsqualifizierung gemäß Paragraph 54 a Drittes Sozialgesetzbuch handelt.
  • Praxisphasen, die im Rahmen eines dualen Studiums absolviert werden, wenn während des Studiums regelmäßige praktische Tätigkeiten verlangt werden.
  • Praktikanten, die jünger als 18 Jahre sind oder keinen Schulabschluss besitzen.
     

Diese Praktikanten haben einen Anspruch auf den Mindestlohn

  • Sofern sie eine Berufsausbildung oder einen Studienabschluss besitzen und das Praktikum unabhängig von Studium oder Ausbildung absolvieren.
  • Sofern ein ausbildungs- oder studienbegleitendes Praktikum länger als drei Monate dauert.
  • Wenn es sich um ein ausbildungs- oder studienbegleitendes Praktikum handelt und der Praktikant bei diesem Unternehmen bereits ein Praktikum absolviert hat.
  • Wenn es sich um ein Praktikum handelt, das zur beruflichen Orientierung dient und länger als drei Monate dauert.
     

Weitere Ansprüche der Praktikanten

Sofern ein Praktikant einen Anspruch auf einen Mindestlohn hat, müssen die Vertragsbedingungen für den Praktikumsvertrag auch schriftlich fixiert und vor der Aufnahme der Tätigkeit ausgehändigt werden. Welche Details darin aufgeführt werden müssen, ist durch den Paragraphen 2 des Nachweisgesetzes geregelt.

 


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