Fachjournalismus

Fach-, Allround- und Wissenschaftsjournalismus: Eine Abgrenzung

Prof. Dr. Siegfried Quandt, Urheber des Gießener Modells für Fachjournalismus, erklärt, Fachjournalismus versuche "eine vernünftige mittlere Position einzunehmen: und zwar zwischen einem weitläufigen Allround-Journalismus, dem es an hinlänglichem Sachwissen mangelt, und einem engspurigen Wissenschafts-Journalismus, der Anhängsel einer akademischen Disziplin ist und sich mit weitergehenden Themen oder Publikumserwartungen schwer tut."[1] Dem Fachjournalismus kann es eher gelingen, der Forderung nach einer qualitätsjournalistischen Darstellung in sach-, medien- und publikums- bzw. zielgruppengerechter Weise nachzukommen.[2]

 

Was ist Fachjournalismus?

Fachjournalismus ist fachlich spezialisierter und damit fachlich kompetenter Journalismus. Aufgrund seiner deutlich ausgeprägten Kompetenz ist Fachjournalismus immer zugleich auch Qualitätsjournalismus. Fachjournalisten müssen "in ihre Berichterstattungsfelder tiefer einsteigen als allgemeine Nachrichtenjournalisten"[3]

Zu den wichtigsten, von DFJV-Mitgliedern vertretenen Ressorts zählen: Politik, Wirtschaft & Finanzen, Medien, Sport, Technik, Auto & Motor, Kultur, Medizin & Gesundheit, Recht & Justiz, Reisen & Tourismus, Umwelt & Natur sowie Wissenschaft & Bildung.
 

Was ist der Unterschied zum Allroundjournalismus?

Der Hauptunterschied zwischen Fach- und Allroundjournalisten besteht in der Weite des Berichterstattungsfeldes. Allrounder schreiben "über alles", Fachjournalisten haben sich dagegen auf ein Ressort, ein Thema oder sogar auf einen Gegenstand spezialisiert. Die Spezialisierung geht also unterschiedlich weit. Es ist davon auszugehen, dass die Spezialisierung in Zukunft zunehmen und unterhalb des Ressorts ansetzen wird.

 

 

Die nachfolgende Tabelle nennt einige Beispiele für unterschiedlich starke Spezialisierungen:

Ressort

Thema

Gegenstand

Kultur Theater Dramen des 18. Jahrhunderts
Politik Außenpolitik Nahost-Konflikt
Sport Fußball Bundesliga
Technik Maschinenbau Antriebstechnik 
Wirtschaft Börse Internationale Aktienindizes 
... ... ...

 

Allrounder verfügen in erster Linie über Formalkompetenz, d. h. sie kennen die journalistischen Arbeitstechniken und wissen, wie man sich in neue Themengebiete einarbeitet. Fachjournalisten verfügen darüber hinaus über hohe Fachkompetenz, kennen sich also inhaltlich gut in ihrem Berichterstattungsfeld aus, so dass eine permanente neue Einarbeitung entfällt. Von den Rezipienten werden Fachjournalisten daher als Meinungsführer oder gar als Berater gesehen.[4] Die Regeln des Allgemeinjournalismus werden in dem jeweiligen fachjournalistischen Themen- und Arbeitsgebiet speziell und systematisch weiterentwickelt.[5] 

Ausgeprägtes Fachwissen fehlt in der Regel bei Allroundjournalisten, deren klassische Ausbildung auf Breite und nicht Tiefe ausgerichtet ist. Mit ihrer breit angelegten Allgemeinbildung können sie über viele Bereiche schreiben; ihre Grenzen liegen aber dort, wo ihre Allgemeinbildung endet oder die Zeit knapp ist, sich von Null an über den Berichterstattungsgegenstand zu informieren. Für Allroundjournalisten ist es eher schwierig, sich in ca. 200 Wissenschaften genauestens auszukennen. Nur Fachleute ihres Wissensgebietes sind in der Lage, ihr fundiertes Wissen einem interessierten Publikum professionell zu vermitteln.

Fachjournalisten publizieren sowohl in Fach- als auch in Publikumsmedien. Im ersten Fall wenden sie sich an Personen mit beruflichem Interesse an Fachwissen, mit denen sie bereits eine gemeinsame Sprache sprechen. Im zweiten Fall besteht die Zielgruppe aus Laien, für die die Materie in allgemein verständliche Sprache "übersetzt" werden muss.

Die Bedeutung der Faktoren "medien-" und "publikumsgerecht" nimmt stetig zu, sodass das Anforderungsprofil eines Fachjournalisten immer die duale Grundstruktur der Fach- und Sachkompetenz auf der einen Seite und eine zeitgerechte journalistische Kompetenz auf der anderen Seite erfüllen muss.[6] Genau das ist es, was den Fachjournalismus ausmacht und somit vom Allround-Journalismus abgrenzt.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Unterschiede zwischen den beiden Journalismus-Formen:

Unterscheidungskriterium

Allround-Journalist

Fachjournalist

Kompetenz Formalkompetenz (Schreiben) = Einfachkompetenz Formalkompetenz (Schreiben) + Fachkompetenz (Berichterstattungsfeld) = Doppelkompetenz
Wissensbasis breit, flach (Allgemeinbildung) tief, spezialisiert auf Ressort, Thema oder Gegenstand (Fachwissen)
Informationsverarbeitung nacherzählen, zusammenfassen, kommentieren analysieren, beschreiben, erklären, interpretieren, evaluieren
Darstellungsformen Meldung, Nachricht, Bericht, Reportage, Interview, Leitartikel, Kommentar, Rezension, Feature, Essay, Glosse dito + Fachartikel, Anwenderbericht, Fallstudie, Firmenportrait, Konferenzbericht, Netzdossier, Netzreportage, Publik-Reportage, Pro/Contra-Artikel, Produktvorstellung, Roadmap, Success Story, Testbericht, White Paper.[7]
Medien Publikumsmedien Publikumsmedien + Fachmedien
Qualität des Contents Information Wissen
Rezipienteninteresse Unterhaltung, Information, Bildung Privates oder berufsbedingtes Interesse am Gegenstand
Zeithorizont der Inhalte kurzfristig (täglich bzw. wöchentlich) mittel- und langfristig

 

Was ist der Unterschied zum Wissenschaftsjournalismus?

Nach Ansicht von Prof. Quandt handelt es sich beim Wissenschaftsjournalismus um eine Art Allround-Journalismus für alle Wissenschaften.[8] In ihrem Selbstverständnis konzentrieren sich Wissenschaftsjournalisten vornehmlich auf die Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik) und ihren Anwendungsgebieten wie Technik und Medizin. Das Problem: "Eine solche leibnitzhafte Universalität ist heute wissenschaftlich und journalistisch illusionär."[9] Wissenschaftsjournalismus ist daher eher ein Oberbegriff für eine Teilmenge von Fächern. Prof. Quandt fordert: "Die Fachstruktur der Wissenschaft muss mit den Ressortstrukturen sowie den Aufmerksamkeitsregeln der Medien und wichtigen öffentlichen Themenfeldern abgeglichen werden."[10] 
 

Fachjournalismus auf Wachstumspfad

Fachjournalismus gibt es eigentlich schon viel länger als man denkt. Es ist kein Phänomen der letzten Jahrzehnte, auch wenn der Fachjournalismus  seit den 1980er Jahren als Erfolgsbegriff gilt. Fachjournalistische Vereine und Verbände gibt es in Deutschland schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Nicht zuletzt ist dies ein Zeugnis des Bedarfs an Fachjournalisten, wenn es um Wissen geht, das im Zuge des Beschleunigungszeitalters immer detaillierter und gleichzeitig schneller Verbreitung findet. Bis heute ist die Nachfrage von Lesern, Zuschauern und Zuhörern nach fachlich fundierten Beiträgen steigend, wie die beständige Zunahme und Ausdifferenzierung der Fach- und Publikumsmedien beweist. Auch die Nachfrage der Medien nach Fachjournalisten ist nach wie vor groß und wächst. Die Honorare für fachjournalistische Arbeiten liegen im Allgemeinen über der Vergütung für Allroundjournalisten.

Der Hintergrund für das steigende Interesse ist, dass sich moderne Gesellschaften wie unsere unaufhaltsam in Wissensgesellschaften entwickeln, in denen Wissen der zentrale Standort- und Wettbewerbsfaktor ist und wissensintensive Industrien den höchsten Anteil am Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften.

Wissensgesellschaften sind gekennzeichnet durch eine exponentielle Zunahme des Wissens bei seiner gleichzeitigen Fragmentierung. Das betrifft vor allem Fachwissen. Doch selbst das, was früher unter Allgemeinbildung (Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport usw.) gefasst wurde, differenziert sich immer mehr aus und kann schon heute kaum noch überblickt werden.

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit sind Phänomene wie die Spezialisierung publizistischer Angebote und Segmentierung des Publikums zu beobachten. Die Deutsche Fachpresse hat für das Jahr 2012 allein 3.757 Fachzeitschriftentitel ausgewiesen. [11] 
 

Allroundjournalismus in der Krise

Der Allroundjournalismus befindet sich in der Krise. Das Verhältnis zwischen fest angestellten Redakteuren zu freien Journalisten hat sich seit Ende der 1990er Jahre drastisch zulasten der ersten Gruppe verschoben. Die Arbeitslosenquote ist hoch, Tarifflucht ausgeprägt, Outsourcing und Zeitarbeit nehmen große Ausmaße an. Die Verdienstchancen von freien Allroundern sind äußerst betrüblich – die Konkurrenz ist groß und hart.



[1] Vgl. Quandt, S. (1995): Fachjournalistik in Gießen 1984-1994, in: Quandt, S./Schichtel, H. (Hrsg.): Fachjournalismus Geschichte. Das Gießener Modell, Marburg (Hitzeroth), S. 11.

[2] Vgl. Quandt, S. (2010): Fachjournalismus. Expertenwissen professionell vermitteln. 2. überarbeitete Auflage. Konstanz, S. 17.

[3] Meier, K. (2007): Journalistik. Konstanz, S. 221.

[4] Vgl. Szyska, P./Schmitz, H. (2006): Presse-/Medienarbeit für die Zielgruppe Fachmedien, in: Bentele, G./Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): PR für Fachmedien. Professionell kommunizieren mit Experten, S. 172.

[5] Vgl. Quandt, S. (2010), S. 13.

[6] Vgl. Quandt, S. (2010), S. 33.

[7] Vgl. Weise, M. (2004): Neue fachjournalistische Genres - ein Diskussionsanstoß, in: Fachjournalist, 4. Jg., Nr. 15, S. 3-5; Weise, M. (2006): Die Genres - Fachjournalismus und Fach-PR mit unterschiedlichen Interessen, in: Bentele, G./Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): PR für Fachmedien. Professionell kommunizieren mit Experten, S. 203-223.

[8] Vgl. Quandt, S. (2010), S. 16.

[9] Quandt, S. (1995): Fachjournalistik in Gießen 1984-1994, in: Quandt, S./Schichtel, H. (Hrsg.): Fachjournalismus Geschichte. Das Gießener Modell, Marburg (Hitzeroth), S. 16, Endnote 9.

[10] Quandt, S. (2010), S. 20.

[11] Deutsche Fachpresse. Fachpresse-Statistik für das Jahr 2012. http://www.deutsche-fachpresse.de/statistik-aktuell/, zuletzt abgerufen am 11.03.2014
 

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